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Grasbrunn:Rettet die Bauern

Ministerin Michaela Kaniber spricht den Landwirten beim Keferloher Montag aus der Seele, wenn sie gegen grüne Weltuntergangsszenarien wettert

Das größte Schwergewicht gibt es dieses Mal vor dem Zelt: "Wallerprinz" bringt es auf sage und schreibe 1165 Kilogramm, und ein Besucher aus Schaftlach bei Waakirchen schätzt das Gewicht des Zuchtbullen tatsächlich aufs Kilo genau, womit er unangefochten den Siegerpokal gewinnt. Es ist also, das kann man daraus folgern, Fachpublikum im Bierzelt nahe Grasbrunn. Und das ist auch gut so. Denn Festrednerin ist beim Keferloher Montag, diesem traditionsreichen Landwirtschaftsfest im Münchner Osten, in diesem Jahr kein Politiker aus der allerersten Reihe, sondern Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU).

In diesen für die CSU schwierigen Zeiten bei den Landwirten, mit Bienen-Volksbegehren, Klimawandel und Hofsterben, wurde die 41-jährige Neue im Kabinett von ihrem Chef, Ministerpräsident Markus Söder, vorgeschickt, um gut Wetter bei der einstigen Stammwählerschaft zu machen. "Micha, entweder wir verharren in der Ecke oder wir kämpfen", habe ihr Söder gesagt, verrät die Abgeordnete aus dem Berchtesgadener Land ihren Zuhörern. Sie hat sich für Letzteres entschieden. Und am Ende ihrer knapp einstündigen Rede im vollbesetzten Bierzelt muss man sagen: Sie hat das mit Erfolg getan. Die mehreren hundert Zuhörer, darunter viele Landwirte, die aus ganz Oberbayern angereist sind, danken der Ministerin für die klaren Worte mit viel Beifall.

Starker Auftritt auch vor dem Bierzelt: Sebastian Deutinger mit Zuchtbulle Wallerprinz, dessen Gewicht es zu erraten galt.

(Foto: Claus Schunk)

Kaniber kann Bierzelt. Das wurde schon nach wenigen Minuten deutlich, als sie von der Bühne herab fragte: "Kannt i bitte a Bier haben?" So gesehen war es völlig überflüssig, dass sie vor ihrer Rede angesichts der prominenten Vorredner der vergangenen Jahre - Söder und Seehofer waren da, auch Guttenberg und sogar Merkel - damit kokettierte, ganz nervös zu sein. Die vermeintliche Erwartungshaltung erfüllte sie dann aber schnell, indem sie rasch den für Bierzeltreden obligatorischen Ausflug in die große Politik absolvierte, etwa zu Digitalisierung, Klimaschutz und künstlicher Intelligenz. Was an sich gar nicht nötig gewesen wäre, denn das Gros der Zuhörer erwartete sich von der Fachministerin klare Worte zu Artenschutz, Ökolandbau und Agrarreformen. Oder wie es Grasbrunns Bürgermeister Klaus Korneder (SPD) in seiner Begrüßung sagte: "Was kann es auf einem traditionellen Bauernfest für eine bessere Festrednerin geben als die Landwirtschaftsministerin?"

Die Rückkehr zu den Ursprüngen dieses Jahrhunderte zurückreichenden Festes, war auch dem Münchner Landrat Christoph Göbel (CSU) ein Anliegen, der in einer leidenschaftlichen Ansprache vor der Ministerin den Ton vorgab: Keferloh stehe für Identität, Nachhaltigkeit und Zusammenhalt der Gesellschaft, "weil diese Lohe, dieser Ort in seiner Eigenart nahezu noch so erhalten ist wie seit Jahrhunderten". Dass der Keferloher Montag nicht mehr der Aufmarschplatz der Parteien und Politiker sein soll, zu dem er in den vergangenen Jahren verkommen ist, war ja auch ein Anliegen der Kreisräte, als diese den Organisatoren finanzielle Unterstützung gewährten, um das Fest vor dem Aus zu retten.

Im Bierzelt gibt Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber den Ton am Keferloher Montag an.

(Foto: Claus Schunk)

Mit ihrer Rede stand die Landwirtschaftsministerin den Söders, Seehofers und Stoibers der Vergangenheit indes in keiner Weise nach. Da gab es aus dem ganzen Satzbaukasten für die CSU-Bierzeltrede kräftige Breitseiten gegen "einseitige Denke" und "apokalyptische Weltuntergangsszenarien" der Grünen sowie "sozialistische Irrwege" eines Juso-Vorsitzenden gegen Autos im Allgemeinen und BMW im Besonderen. Autoindustrie und Diesel "madig" zu machen, sei keine Lösung, der Wohlstand der Schlüssel zum Erfolg und überhaupt könne Deutschland alleine nicht das Weltklima retten.

Ob Dünge-Verordnung der EU oder Grünen-Forderungen nach 30 Prozent Biolandwirtschaft - Kaniber verbat sich, dass jeder versuche, den Bauern zu erklären, wie sie ihre Arbeit besser machen sollten. Donnernder Applaus. So etwas kommt an im Zelt. Selbst ihre Erklärung, warum die Staatsregierung den Gesetzentwurf des Volksbegehrens "Rettet die Bienen" übernommen habe, wird goutiert. "Sonst hätten wir in diesen Tagen einen Volksentscheid mit der Frage: Sind Sie für Umweltschutz oder Landwirtschaft?" Durch die Einigung habe man zudem Ausgleichszahlungen ins Gesetz aufnehmen können.

Die Ministerin forderte aber auch von der Gesellschaft, ihren Beitrag zu Arten- und Klimaschutz zu leisten, und von den Verbrauchern, in Hinblick auf die Zukunft ihren Konsum zu ändern. "Wenn euch die brennenden Regenwälder schockieren, dann geht nicht mehr ins Steakhaus, sondern kauft halt das Rindfleisch von unseren Bauern", rief sie ins Zelt. Ins selbe Horn stieß Landrat Göbel: "Es braucht keine Bioprodukte, sondern regionale und saisonale Produkte." Das sei der wirksamste Beitrag zu Klimaschutz und für den Erhalt der bayerischen Landwirtschaft. Für einen Bauern aus Gauting, der unter den Besuchern im Zelt sitzt, kommen solcherlei Aufrufe freilich zu spät. Der Mann hat seine 18 Milchkühe verkauft und seinen Hof aufgegeben. Für ihn rechnete es sich einfach nicht mehr.