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Bewegung in Grafing:Ganz großer Zirkus

So kann es aussehen, wenn Movimento ein Zelt bespielt. Zum Kulturfeuer 2014 in Ebersberg hatten die Bewegungskünstlerinnen und -künstler auf dem Volksfestplatz eine ganze Manege für ihre Show - einfach magisch!

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auf dem Volksfestplatz in Grafing wird demnächst ein Zelt errichtet: Die Artistikgruppe "Movimento" hofft, darin trotz Corona mit dem Training starten zu können.

Von Jörg Lehne

Mit berauschenden Darbietungen aus aberwitzigen Choreografien, menschlichen Pyramiden und zauberhaften Tänzen faszinieren die Artistinnen und Artisten von Movimento ihr Publikum bereits seit 13 Jahren. Corona hat freilich auch ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht - doch in diesem Sommer weiß die Artistikgruppe um Stefan Eberherr der Pandemie etwas Großes entgegenzusetzen: Ende Juli soll zu Probezwecken ein Zirkuszelt auf dem Grafinger Volksfestplatz aufgestellt werden.

Die Idee ist, wie so viele derzeitige Neuerungen, ein Produkt der Pandemie: Für Trainings der Größenordnung von Movimento sind die Turnhallen in Grafing zu klein, um ein Corona-gerechtes Hygienekonzept einhalten zu können. Dazu muss man wissen: Die Artistikgruppe zählt momentan etwa 160 Mitglieder. Seit kurzem kann zwar unter bestimmten Auflagen wieder trainiert werden. Doch einen regulären Trainingsplan wie vor Corona gibt es schon seit langem nicht mehr. Stefan Eberherr hofft nun, dank des geplanten Zelts ab Juli zur gewohnten Mischung aus freien und angeleiteten Trainings zurückkehren zu können: Unter Anleitung wird den Kindern und Jugendlichen in Disziplinen wie Akrobatik, Tanz, Einrad und Jonglage beigebracht, was sie dann selbständig in Einzel- oder Partnerarbeit weiter perfektionieren können. Nur an Tüchern hängend kann man hier sogar lernen, zu fliegen.

Movimento ist in den TSV Grafing eingegliedert, dessen Vorstand dem Vorhaben und einer Förderung des neuen Projektes bereits zugestimmt hat. Vorerst darf das Zelt jedoch nur drei Monate stehen bleiben, damit es unter die so genannten "fliegenden Bauten" fällt, ansonsten bräuchte es eine Baugenehmigung. Es deutet aber alles darauf hin, dass das Zeltdach bald ein "fester Bestandteil" des Stadtbildes werden könnte, wie Christian Bauer sagt. Der Bürgermeister von Grafing sieht viel Potenzial in dem neuen Projekt: "Das ist eine tolle Geschichte für die Jugendlichen und Grafing." Auch dürfte es kein Problem werden, in Zukunft einen Platz zu finden, der gut erreichbar ist. Es stünden genügend zur Auswahl.

Wer es kaum erwarten kann, die Artisten in dem neuen Zelt in Aktion zu sehen, muss sich jedoch noch etwas gedulden. Aufführungen stehen vorerst noch nicht auf dem Plan, denn für Zuschauer sei noch nichts vorbereitet, wie Eberherr sagt. Dafür müssten Tribünen eingebaut werden - doch vorerst stehen die jungen Artisten im Mittelpunkt der Bemühungen: "Uns geht es darum, dass die Jugend sich bewegt und Kontakt wieder möglich ist." Welche Veranstaltungsmöglichkeiten das Zelt in Zukunft bieten werde, bleibe abzuwarten, sagt auch der Bürgermeister, das erste Jahr diene dem "Aufwärmen". Er könne sich jedoch sehr gut vorstellen, dass das Zelt in Zukunft auch anderen Vorhaben offenstehe. Nach dem ersten Testlauf sei man auf alle Fälle schlauer, so Bauer. Der Verlauf und Erfolg der Aufwärmphase hängt freilich auch von den Regelungen ab, die im Juli gelten werden. "Wie in allen Hallen auch, brauchen wir ein Hygienekonzept und eine Absegnung durch das Landratsamt", erklärt Stefan Eberherr, doch er ist zuversichtlich, dass das Trainieren möglich sein wird. Denn anders als in der Turnhalle lassen sich die Wände eines Zeltes hochziehen. Sollte das nicht für genügend Luftaustausch sorgen, könne eine zusätzliche Lüftung aushelfen.

Sämtliche Vorbereitungen für das Projekt laufen bereits. Man sei fleißig dabei, Erfahrungswerte von anderen Zeltbesitzern zu sammeln, sagt Eberherr. Zudem müsse man noch ein Bauzaun installieren, Versicherungen abschließen, vielleicht sogar einen Boden auf dem Volksfestplatz verlegen. Die Finanzierung des Ganzen speist sich zur Hälfte aus Bundesfördermitteln, den Rest hoffen die Artisten mit Sponsorengeldern decken zu können.

Nicht nur unter den jungen Bewegungskünstlerinnen und -künstlern dürfte große Freude darüber herrschen, dass Movimento nun wieder richtig in Bewegung kommt. Die ursprünglich als Schulprojekt am Grafinger Gymnasium gegründete Gruppe hat seit 2008 bei zahlreichen Veranstaltungen Tausende Menschen begeistern können und viele Preise gewonnen. Gerade erst wurde bekannt, dass Movimento heuer den Tassilo-Kulturpreis der SZ erhält, mit dem bereits zum elften Mal Kulturschaffende aus München und Umgebung ausgezeichnet werden.

Die nächsten beiden großen Movimento-Projekte sind die Show "Masquerade" - ein Titel, der mittlerweile eine ganz neue Bedeutung hat - sowie das Artistical "Circo Movimento", das im Zirkusmilieu spielen wird. Insofern kann es nur von Vorteil sein, wenn die Darsteller sich schon mal an das Manegen-Feeling gewöhnen. Übrigens: 2014 ist die Gruppe schon mal in einem Zirkuszelt aufgetreten, beim Kulturfeuer in Ebersberg. Damals sagte Eberherr: "Die Rückmeldungen waren überwältigend, und was besonders schön war: Viele hatten Tränen in den Augen." Vielleicht kann man sich auch in Grafing bald auf Darbietungen im stadteigenen Zelt freuen. Es kann auf jeden Fall nicht schaden, schon mal Taschentücher zu horten.

© SZ vom 12.06.2021
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