bedeckt München

Altes Kino Ebersberg:Temporeicher Testlauf

Die mittelfränkische Band "Gankino Circus" legt via Livestream eine fulminante Show im Ebersberger Alten Kino hin - der Auftakt zu einer Musikkabarett-Serie.

Von Florian Kappelsberger, Ebersberg

"Subbber!", "Wir tanzen vorm Rechner!", "Wo sind die Söder-Witze?": Das sind nur einige der unzähligen Nachrichten, die beim Livestream der "Gankino Circus Show" in den Chat eingehen. Während die mittelfränkische Band auf der Bühne des Ebersberger Alten Kinos den Auftakt ihres mehrteiligen Konzertkabaretts hinlegt, können Zuschauerinnen und Zuschauer das Spektakel per Internetübertragung von Zuhause aus verfolgen - und in Echtzeit kommentieren. Nach einem temporeichen musikalischen Einstieg in den Abend stellt sich das Quartett aus Dietenhofen vor und heißt das Publikum vor den Bildschirmen willkommen. Sie begrüßen auch Violetta Ditterich, Mitarbeiterin des Alten Kinos, die an einem Tisch links vor der Bühne sitzt. Sie moderiert die Show und lässt die Nachrichten der rund 150 Zuschauer einfließen, die sich von überallher im Chat melden: Nürnberg, Köln, Gunzenhausen, Berlin.

Außerdem bedient Ditterich ein Soundboard mit Ausschnitten von Gelächter und Applaus, die aus Aufnahmen früherer Konzerte von Gankino Circus stammen und an den entsprechenden Stellen eingespielt werden können - in Abwesenheit von Livegästen vor Ort müsse man eben ein bisschen tricksen, erklärt der Gitarrist Ralf Wieland. Nach einem fulminanten Solo des Schlagzeugers Johannes Sens werden die Einspieler getestet und von der Truppe jeweils eingeordnet, darunter der unterfränkische Weißwein-Lacher und das verhaltene Kichern aus dem Bayerischen Wald. "Fast besser als mit Publikum", merkt Wieland heiter an.

Sichtlich Spaß hat die mittelfränkische Band "Gankino Circus" bei ihrem Auftritt in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Es folgt eine bunte Mischung aus moderner fränkischer Volksmusik und traditionellen osteuropäischen Liedern, getragen von harmlosen Sticheleien zwischen den Bandmitgliedern und Seitenhieben auf die bayerische Tagespolitik in der Coronakrise. Auch wird das Publikum immer wieder einbezogen: So spielt Wieland mehrere Titel mit einer Bohrmaschine auf seiner Gitarre, die von den Fans im Chat vorgeschlagen wurden, von Deep Purple über Britney Spears bis hin zu "While My Guitar Gently Weeps" von den Beatles. "Das geht vielleicht mit der Kettensäge auch", kommentiert der Sänger und Saxophonist Simon Schorndanner sarkastisch - und verspricht widerwillig, im Gegenzug für dieses Bohrmaschinen-Wunschkonzert, beim nächsten Mal mit seiner Geige aufzutreten, die er seit Jahren nicht mehr angerührt hat.

Ähnlich wie bei einer TV-Show führt die Band neue Rubriken ein, die in den nächsten Folgen aufgegriffen werden sollen. So präsentiert Maximilian Eder, der Mann am Akkordeon mit einer Leidenschaft für Finnland, Kurioses aus der Kultur des skandinavischen Landes. An diesem ersten Abend stellt er die finnische Tradition vor, mithilfe von Wasser auf Saunaschüsseln zu musizieren, was eine ruhige und andächtige Klangkulisse hervorbringt.

Schließlich heißen die Mitglieder von Gankino Circus den Gast des Abends willkommen, von Gitarrist Ralf Wieland als "Papst der fränkischen Volksmusik" angekündigt: David Saam, Frontmann der Kultband Kellerkommando und BR-Moderator. Dieser wird prompt zu einem Quiz herausgefordert: Er muss die Titel der Lieder erraten, die Simon Schorndanner (genannt Steppen-Karl) in gekonntem Stepptanz vorführt, wobei sich das Spektrum von Beethoven über James Brown bis hin zum Kellerkommando-Hit "Die Maus" erstreckt. Im Anschluss spielen die fünf zusammen einen weiteren Hit von Saams Band, "Der Nachbar". Die Musiker sind in ihrem Element, lachen in die Kamera, springen umher und tanzen zu dem temporeichen Song. Man spürt, wie sehr es ihnen gefehlt haben muss, gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

Gastmusiker David Saam war zur Show der Band "Gankino Circus" lim Ebersberger Kino eingeladen.

(Foto: Christian Endt)

Nach einer knapp zweistündigen Performance mit zahlreichen Liedern, Gags und einer großzügigen Zugabe ist dann Schluss. "Wir hatten großen Spaß", freut sich Simon Schorndanner. Anders als bei bisherigen Livestreams, in denen vor allem Teile aus früheren Auftritten aufgegriffen wurden, habe man für den heutigen Abend ein eigenes Programm entworfen. Ziel sei es, ein fortlaufendes Sendungsformat ähnlich einer Late-Night-Show zu bieten, mit eigenen Rubriken, wechselnden Gästen und Möglichkeiten für die Zuschauerinnen und Zuschauer, sich aktiv einzubringen.

Besonderen Dank spricht er dem Geschäftsführer des Alten Kinos aus, mit dem die Band schon seit langem verbunden sei. Während viele andere in der Kulturbranche im Moment resignieren, habe Markus Bachmeier stattdessen ein originelles Konzept erarbeitet und die Bühne des Alten Kinos technisch ausgerüstet, damit Kultur trotz allem stattfinden kann. "Das ist wirklich großartig", bewundert Schorndanner.

Auch Violetta Ditterich, die den Abend moderiert hat, ist sehr zufrieden mit der Pilotfolge des Programms. Besonders der Austausch zwischen den Zuschauern im Chat und deren Einbindung habe gut geklappt. "Diese Interaktion ist im Moment wirklich der Mehrwert", meint sie. So kamen im Sekundentakt Kommentare, Vorschläge und Liedwünsche, mit denen das Publikum die Live-Show unmittelbar mitgestalten konnte. Bei dieser Flut an Nachrichten sei es allerdings gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten, und auch der Umgang mit den Knöpfen des Soundboards, die Gelächter oder Applaus einspielen, erfordere einige Übung: "Das ist wirklich ein Job für sich." Auf jeden Fall freue sie sich bereits sehr auf die nächste Folge der Gankino Circus Show, die für den 9. April angesetzt ist.

Das Konzert war ein Testlauf für den Einsatz von 3D-Brillen, wie sie Markus Bachmeier, Chef des Alten Kinos, trägt.

(Foto: Christian Endt)

Erstmals wurde ein Auftritt auf der Bühne des Alten Kinos mit einer 360-Grad-Kamera aufgezeichnet. Künftig soll es möglich sein, mit einer Virtual-Reality-Brille in das Konzertkabarett von Gankino Circus einzutauchen. An diesem Abend handele es sich um einen ersten Versuch, lässt der Geschäftsführer Markus Bachmeier wissen. Wenn sich die Technologie bewährt, könnten Zuschauer auf diese Art zukünftige Shows mithilfe von VR-Brillen hautnah erleben, die vom Alten Kino verliehen werden.

© SZ vom 01.03.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema