Ebersberger Integrationstheater Am Ende verstehen alle nur noch Tigrinya

Viel sagt "Mensch" Yohannis Gebre (links) nicht, doch wenn er die Stimme erhebt, sind das sehr starke Momente des Stücks.

(Foto: Christian Endt)

Zwischen Lachtränen und tiefer Betroffenheit schwankt das Publikum bei der Premiere von "Gestrandet - oder der tägliche Kampf um die Fernbedienung" im Alten Kino.

Von Theresa Parstorfer

Meistens sitzt der Mensch schweigend am Tisch. Ein dünnes Bein ums andere geschlungen, ein Buch auf dem Schoß, oder Zettel und Stift in der Hand. Manchmal huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Vor allem, wenn es um ihn herum laut und hektisch wird, wenn seine Mitbewohner Frühstück herrichten, Schweinebraten kochen oder sich um die Fernbedienung zanken.

Das passiert häufig in der Multikulti-WG, um die es am Donnerstagabend auf der Bühne des Alten Kinos geht. "Gestrandet - oder der tägliche Kampf um die Fernbedienung" heißt die zweite Produktion des Integrationstheaters Ebersberg, kurz IKU.

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Bis auf den letzten Stuhl ist der Saal gefüllt, es riecht nach orientalischem Essen, Hummus mit Falafel und Pitabrot werden serviert, und das Publikum liebt sie, die Menschen auf der Bühne, von denen die meisten noch nicht lange in Deutschland leben, und die herrlich selbstironisch von ihren Erfahrungen mit der deutschen, mit der bayerischen Kultur erzählen.

Der "Mensch", von dem da eben die Rede war, heißt in Wirklichkeit Yohannis Gebre, seine Rolle im Stück hat jedoch keinen anderen Namen, denn er ist es, der schweigt, der zuhört. Selbst wenn es so aussieht, als würde es einmal kurz um ihn gehen. Beispielsweise, als sich die wuselige Rita, die mit ihrer kubanischen Lebensfreude stets tanzen oder reden oder aber putzen will, zu ihm an den Tisch setzt und fragt: "Wer bist eigentlich du?"

Er kommt gar nicht dazu, mehr zu sagen als "Ich bin ein Mensch", denn schon legt Rita, atemberaubend witzig gespielt von Nadiezka Rodriguez Reyes, mit ihrer eigenen Geschichte los: Wie sie vor vielen Jahren Angst davor hatte, nach Deutschland zu kommen, weil ihre Verwandten in Kuba behaupteten, die Weißen würden die viel besseren Organe der Schwarzen rausoperieren. Wie sie dann aber festgestellt hat, dass die Deutschen "manchmal sogar ganz nett sind", aber trotzdem viel zu selten gemeinsam etwas unternehmen, sich viel zu selten gegenseitig helfen und viel zu selten tanzen.

Als Rita fertig ist, muss sie gleich los, weiter putzen, und so bleibt der Mensch neben ihr weiterhin nur ein Mensch, dessen Geschichte man sich mittlerweile sehnlichst wünscht, zu erfahren. Aber er ist es dann auch, der in den kleinen, leisen Momenten die Bühne dominiert und die Zuschauer kurz den Atem anhalten lässt.

Einen ersten solchen Moment gibt es vor der Pause. Scheinwerfer auf Yohannis Gebre. Er setzt sich an den Bühnenrand und dann sind da Stimmen, die Sätze sagen, die Geflüchtete sich eben so anhören müssen: "Ihr bekommt einfach so eine Wohnung", "Ihr wollt doch gar nicht arbeiten", "Das Handy sieht aber teuer aus, so schlecht kann es dir doch gar nicht gehen".

Der junge Mann hält sich die Ohren zu und als die Stimmen endlich verstummt sind, hört das Publikum zum ersten Mal seine Stimme. Sie ist tief, ein bisschen rau und er lässt sich Zeit, seine Zunge um erst vor kurzem gelernte, merkwürdige Wörter wie "Angst", "Flüchtling" und "daheim" zu schlingen - wie zu Beginn des Stücks sein eines langes Bein um das andere. "Viele Deutsche haben Angst vor uns", sagt er, "aber manchmal habe ich auch Angst vor Deutschen." Außerdem, sagt er, dass er seine Heimat, seine Familie, seine Freunde in Eritrea nicht gerne verlassen hat. Aber, dass er es musste.

Er wischt über das Display seines Handys, auf der Suche nach der Nummer eines Verwandten, der noch am Leben ist.

Ähnlich tief geht eine Szene, in der die jungen Männer nacheinander ihre Mütter in den Herkunftsländern anrufen. Nicht nur, weil Rechtfertigungen oder gar Lügen nötig sind, um die Mamas (alle von Nadiezka Rodriguez Reyes verkörpert) zu beruhigen oder sie davon zu überzeugen, dass es da kein Geld zum Nachhauseschicken gibt.

Meistens beobachtet Yohannis seine Mitbewohner wie sie frühstücken oder um die Reihenfolge im Badezimmer zanken.

(Foto: Christian Endt)

Traurig wird es vor allem, als MC Broiler (Robin Redea), obercooler Youtube-Koch, der normalerweise die ultimativen Tipps für den perfekten Schweinebraten anpreist, alleine zurückbleibt und über das Display seines Handys wischt, auf der Suche nach der Nummer eines Verwandten, der noch am Leben ist. "Doch da ist niemand mehr", sagt er. Dann geht das Licht aus.

Nach derart schweren Momenten gelingt es der Schauspieltruppe mit einer bewundernswerten Leichtigkeit jedes Mal aufs Neue, den Zuschauern die Lachtränen in die Augen zurückzutreiben. Als etwa der immer hungrige Yasim, alias Enayat Tajik, am Frühstückstisch schon wieder leer ausgeht, oder als er sich mit seinen beiden deutschen Mitbewohnerinnen (Svenja Schött und Franziska Köppl) über die deutschen Tempi unterhält: "Die Ahnung wird von dir nicht gehabt worden sein", das ist dann wohl das Futur II Passiv und mit Meisterung dessen hat sich Yasim den Titel B2-Niveau mehr als verdient. Ein kleiner Trost, wollte er sich schließlich vor allen Dingen "ein bisschen Müsli" von seinen Mitbewohnern leihen.

Was das Stück des IKU so besonders macht, ist, wie sich die jungen Menschen mit ihren Geschichten und Talenten einbringen. Wie sie dabei alle so sein können, wie sie sind, und damit ernste, problematische, aber auch heitere Themen ansprechen, ohne dass es dick aufgetragen oder gekünstelt wirkt. Ein reicher, bunter Abend ist das, mit afrikanischen, südamerikanischen und bayerischen Tanzeinlagen, mit selbst produzierten Filmsequenzen und nicht zuletzt einem Jonglagetalent auf einem Roller-Boller (Ahmed Ali).

Was ein Projekt wie das Integrationstheater allerdings vielleicht noch wichtiger, authentischer und stärker macht, ist dass es Geflüchteten den Raum gibt, ihre Geschichten selbst zu erzählen. Dabei wird deutlich, dass diese Menschen Erfahrungen in sich tragen, über die ein deutsches Publikum eher nicht verfügt. Erfahrungen, die in Debatten um Integrationsleistung und Leitkultur verloren gehen. Aber nicht verloren gehen dürfen. Deshalb ist die Schlussszene besonders stark, als der Mensch, Gebre, ein selbst geschriebenes Gedicht in seiner Muttersprache Tigrinya vorliest. Seine Stimme ist immer noch tief, immer noch ein bisschen rau, aber sie zeigt, dass es Laute gibt, um die kein Deutscher seine Zunge winden könnte.

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