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Ebersberger Forst:Fliegende Rauchmelder

Das trockene Vorjahr und der heiße April lassen die Brandgefahr erheblich steigen. Um Feuer im größten zusammenhängenden Wald Südbayerns zu erkennen, kreisen nun Propellermaschinen

Von Viktoria Spinrad, Ebersberg

Die Aprilsonne strahlt, die ausgetrocknete Natur ächzt - und über dem Ebersberger Forst brummen Flugzeugmotoren. Denn mit jedem Tag, an dem es nicht regnet, steigt die Waldbrandgefahr. Während das trockene Frühjahr Wälder in Franken schon lichterloh hat brennen lassen, geben Beobachter zur Zeit alles dafür, um ein solches Szenario im Ebersberger Forst zu vermeiden: Hier herrscht mit Warnstufe vier die zweithöchste Gefahrenlage - und das bereits Mitte April.

Es ist eine Zeit, in der der Mix aus Trockenheit und Wind besonders gefährlich ist. Denn die Vegetation ist noch im Kommen, die natürliche Feuerschutzwand aus feuchten Pflanzen im Aufbau. Ein Feuer wäre für die vom regenarmen Vorjahr ohnehin trockenen Fichten im Ebersberger Forst höchst gefährlich - "die brennen wie ein Christbaum", erklärt Heinz Utschig, der Leiter des Forstbetriebs.

Um eben dies zu vermeiden, die Übergangsphase zwischen dem trockenen Frühjahr und einer vom Regen gestärkten Vegetation zu überbrücken, fliegen seit Tagen Propellermaschinen der Bayerischen Luftrettungsstaffel über der Region. Karlheinz Ruhland koordiniert die Einsätze im Dreieck zwischen den Landkreisen Ebersberg, Kiefersfelden und Rosenheim vom Erdinger Stützpunkt aus. Einmal musste sein Team in dieser Woche die Einsatzleitstelle zum Löschen anfunken. "Über dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen hat unser Pilot Rauch entdeckt", schildert er - das gerade entstehende Feuer konnte gelöscht werden, bevor Schlimmeres passierte. Anders als der Vollbrand eines Feldes 1987, das bis dato schlimmste Feuer, das Ruhland in seinen 32 Jahren bei der Fliegerstaffel bekämpfen musste.

Auch um einem solchen Szenario vorzubeugen, fährt man im Ebersberger Forst seit Jahrzehnten eine indirekte Strategie. Das Rezept: mehr Laubbäume, weniger Nadelbäume - ein Mischwald also, wobei das Verhältnis zur Zeit noch bei etwa eins zu zwei liegt. "Das Harz in den Fichten verdampft so schnell, dass aus einem kleinen Feuer ein schnellaufendes wird", erklärt Forstchef Utschig. Um das größte zusammenhängende Waldgebiet Südbayerns vor solchen Brandbeschleunigungs-Effekten zu schützen, es in ein noch widerstandsfähigeres Ökosystem zu verwandeln, sät sein Team gezielt Laubhölzer an, also ein weniger stark entzündliches Holz. Es soll einem möglichen kleinflächigen Feuer sofort eindämmendes Laubholz entgegensetzen. Zudem meiden Borkenkäfer die Buchen und helfen im Kampf gegen den Schädling.

Bisher hatten die Waldtiere und Besucher des Ebersberger Forsts Glück: Einen richtigen Waldbrand hat es hier noch nie gegeben, lediglich Blitzeinschläge. "Nur weil noch nichts passiert ist, heißt es nicht, dass die aktuelle Lage nicht gefährlich ist", mahnt Utschig. Hinzu kommt, dass die Meteorologen bereits vor dem nächsten Hitze-Sommer warnen. Der dürfte den Boden weiter austrocknen, den Forst weiter schwächen.

Abhilfe könnte hier nur ein deftiger Frühjahrsregen schaffen. "Mit einem Regen an einem Tag ist es nicht getan", sagt Utschig. Ruhland ergänzt: "Wir bräuchten mindestens zwei Tage lang Regen." Schließlich müsse die Feuchtigkeit erst zu den Wurzeln vordringen, die harte und trockene Vegetation nach und nach wieder aufweichen. Die drei bis sieben Milliliter pro Quadratmeter, die Freitagnacht vom Himmel fallen sollen, dürften nur eine kleine Verschnaufpause für die Natur bieten.

Umso eindringlicher mahnen Utschig und Ruhland Waldbesucher, das Rauchverbot im Forst zu beachten, kein offenes Feuer zu entzünden und Zigaretten oder Flaschen keinesfalls auf den Waldboden zu werfen. Glas wirke "wie Brennglas", erklärt Ruhland. Es sind regelmäßige Appelle, die über die Jahre offenbar Gehör gefunden haben: "Die Menschen sind bei dem Thema sensibler geworden", so Ruhland.

Am Donnerstag werden seine Flieger ihre letzten Runden über den Wäldern drehen, bevor sich die Wolken vor die Aprilsonne schieben. Bis dahin gibt es im Ebersberger Forst nur einen, der zündeln darf, wie er lustig ist: der Köhler, der im Südosten des Forstes Holzscheite verkohlt, damit andere damit grillen können. Über seiner Köhlerei darf auch jetzt in der heißen Gefahrenphase Rauch aufsteigen: "Der macht das in seinem Stahlgefäß, davon geht keine Brandgefahr aus", sagt Utschig.

© SZ vom 25.04.2019

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