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Ebersberg:"Ich Puppe, also bin ich"

Echsoterik Altes Kino

Die Echse (links) ist ein Grantler, Chauvi und Großschwätzer wie er im Buche steht, sein Bühnenpartner Michael Hatzius ist das genaue Gegenteil und kommt oft kaum zu Wort.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Michael Hatzius und seine Echse spielen bei "Echsoterik" im Alten Kino mit den Folgen von Evolution und Sinnsuche

Wie Michael Hatzius da nach seinem Auftritt im Foyer des Alten Kinos steht und CDs signiert, wirkt er freundlich, zurückhaltend, aufmerksam. Ganz das Gegenstück zur Echse, einem Proleten wie aus dem Bilderbuch, rotzig, rechthaberisch, aggressiv. In den drei Stunden davor hatte die inzwischen recht berühmte Handpuppe so stark den Ton angegeben, dass man ihren Spieler gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Er war, buchstäblich, hinter ihm verschwunden - in einer Dimension, dass die Antipathie gegen die Kunstfigur so stark Oberhand gewinnt, dass sie sich auf ihren Erfinder überträgt. Wie kann man nur einem solchen miesen Charakter die Bühne überlassen?

Wäre die Echse ein realer Teilnehmer am Gesellschaftsleben, er stünde weit außerhalb des Gartenzauns. Allein sein inflationärer Umgang mit "Weiber", "Schätzchen" und "Puppe" prädestiniert ihn für die Rolle des sexistischen Widerlings im #metoo-bereinigten sozialen Umfeld der Gegenwart. Dennoch scheinen Zuschauerinnen wie Zuschauer diesen Typ, der "über Jahrmillionen die Evolution beobachtet hat", zu mögen. Sie reagieren mit Heiterkeit, wo sie eigentlich protestieren müssten, sie klatschen Beifall, wo sie eigentlich nach dem Staatsanwalt rufen müssten. Was passiert da? Ist es, genau: Folge der Evolution! - die Echse in uns allen, die da einen Echoraum bedient? Ist es die Verniedlichung "Ist ja nur eine Puppe, die darf das"? Man fängt an, sich zu wundern und nachdenklich zu werden, was nicht die schlechteste Reaktion auf einen Kabarettisten ist.

Vielleicht ist es auch das Thema des neuen Programms, das die Situation entschärft: "Echsoterik". In großer Fairness seinem Publikum gegenüber stellt Hatzius nicht die Opfer an den Pranger, sondern entlarvt jene, die mit dem Seelenheil anderer Profit machen wollen. Scheinbar im Vorübergehen, mitunter nur in Sekunden währenden Sequenzen zieht er ihnen die Maske vom Gesicht, den Schaumschläger und Scharlatanen, die mit wohlfeilen Buzz-Words um sich werfen, um Sinnsuchende auf ihre Leimrute zu locken. Dagegen ist die Echse bestens gefeit - und bekommt den Zuspruch auch dafür, wo sie stark genug ist, die Bauernfänger in den Senkel zu stellen, während man selbst lieber die Flucht ergreift als den Krawallbesen.

In früheren Programmen sei Hatzius, merken Stammbesucher an, schärfer und bissiger gewesen. Vermutlich war das zu jenem Zeitpunkt auch nötig. Diesmal gibt er der Echse manchmal regelrecht philosophische Züge, lässt sie über den Tellerrand von Enthemmung und Provokation hinausblicken. Sein erstklassiges Improvisationstalent spielt ihm dabei in die Karten, überwindet lässig die Scheu des Publikums, sich auf einen Kabarettisten einzulassen, der sich durch die Reihen bewegt. Eine Besucherin, gefragt, was sie beschäftigt, beantwortet mit "Wann komme ich endlich weg aus Ebersberg?" und vertieft mit dem Wunschziel "Kirchseeon" setzt er in einen großen Kontext: "Gläubige Juden streben nach Zion, Ebersbergerinnen nach Kirchzion." Dass Silvia dann auf ihrer Tarot-Karte dann auch noch ein großes "K" erspäht - geschenkt. Hatzius' Geistesgegenwart verlangt Wissen, Respekt fürs Publikum und Fähigkeit zur Bewegung auf unebenem Terrain. Sie unterscheidet den Kabarettisten vom Comedian.

Der Abend hilft auch, einen Blick auf den Michael Hatzius zu werfen, den nur ein Live-Auftritt erlaubt, für den Fernseh-Aufzeichnungen viel zu flach sind. Allen voran begegnet man da einem Puppenspieler, der viel mehr ist und kann als die Echse. Das kleine Handpuppen-Spiel hinterm Tischvorhang als Zugabe zum Beispiel ist ein Diamant der Spielkunst, funkelnd vor Bewegungsgeschick, inszenatorischem Esprit, Wortspielen auf höchstem Niveau und optischer Überraschung. Auch die aufgepumpte Zecke - Liebling von Katalin, der jüngsten Zuschauerin im Raum - vollführt ein Spektrum an Ausdrücken und Gesten, wie sie nur ein wahrer Könner beherrscht. Obwohl man den Puppenspieler körperlich wahrnimmt, obwohl man sieht, wie sich seine Lippen bewegen, gelingen ihm seine Figuren so lebendig, dass er sich selbst bis an die Grenze des Unwahrnehmbaren aus dem Geschehen herausnimmt. "Ich Puppe, also bin ich" wird hier zum Lebens- und Spielprinzip. Das ist wahre Meisterschaft.

Dazu gehört auch, die Einstiegssequenz zeigt es genauso wie kleine Einsprengsel über den Abend hinweg, dass der Künstler seine Wurzeln sichtbar macht, eine Ahnung davon vermittelt, was ihn noch mehr bewegt als die bloße Echsistenz als Handlanger seines Headliners. Vergnügte Miniaturen als Clown und Zauberer lassen spüren, wie kostbar ihm diese Spielformen sind. Aber wer geht heute schon noch zu Clowns und Zauberern, wenn doch die Rabauken und Dreckschleudern soviel attraktiver erscheinen und sich ganze Medien-Kanäle untertan machen? Die Besucher im ausverkauften Alten Kino haben den ganzen Hatzius bekommen und genossen. Für ihr Seelenheil war das, dem fröhlichen Applaus nach zu schließen, besser als jede esoterische Formel.