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Ebersberg:Hochsaison am Sorgentelefon

Streit zur Weihnachtszeit. Für Michael Nerreter vom Ebersberger Kinderschutzbund kein neues Phänomen. Doch er weiß Rat, wie sich familiäre Spannungen zum Fest entschärfen lassen.

Anja Blum

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Doch manchmal fliegen nicht nur die Funken der Wunderkerzen: Die Zusammenkunft unterm Baum stellt für viele Familien eine besondere Zerreißprobe dar. Warum das so ist, und wie man Streit an Weihnachten verhindern kann, fragte Anja Blum den Vorsitzenden des Ebersberger Kinderschutzbunds, Michael Nerreter.

Experte für Familien: Michael Nerreter, der Vorsitzende des Ebersberger Kinderschutzbunds.

(Foto: Christian Endt)

SZ: Herr Nerreter, welche Erfahrungen machen Sie? Ist Weihnachten tatsächlich die Zeit der familiären Krisen?

Michael Nerreter: Ja, das kann man schon so sagen. Gerade an unserem Kinder- und Jugendtelefon lässt sich das gut beobachten. Schon in der Zeit vor Weihnachten verstärken sich die Anrufe. Zunächst wollen die Kinder nur wissen, was sie Vater oder Mutter schenken sollen. Dann spitzen sich die Anrufe aber zu, und kurz nach Weihnachten erfahren wir dann, dass das Fest sehr anstrengend war und es Spannungen in der Familie gab. Meist zwischen den Eltern und den Kindern.

SZ: Worin liegt Ihrer Meinung nach das größte Problem?

Nerreter: Darin, dass jeder eine ganz bestimmte Vorstellung von Weihnachten hat - diese aber meist nicht übereinstimmen. Deswegen kommt es zu einer Diskrepanz zwischen den verschiedenen Wünschen und der Realität - und zu Ärger.

SZ: Wie sehen diese unterschiedlichen Vorstellungen aus?

Nerreter: Naja, die Eltern wollen, dass alles perfekt und feierlich ist. Dass alle schön angezogen sind, ein tolles Essen auf dem Tisch steht, man sich gut unterhält - möglichst ohne den Slang der Straße - und die Kinder funktionieren. Die aber wollen keine langen Gespräche, wollen nicht ewig Weihnachtslieder singen und am 25. zur Oma fahren. Sie wollen, wenn sie noch klein sind, vor allem ihre Geschenke auspacken und ausgiebig damit spielen, oder, die etwas Älteren, später noch ausgehen und ihre Freunde treffen.

SZ: Heißt das, dass man auf das gemeinsame Essen, das Singen und Gespräche der Kinder zuliebe verzichten sollte?

Nerreter: Nein, auf keinen Fall. Auch Kinder hören gerne die Weihnachtsgeschichte und Lieder, wollen etwas Leckeres essen und einen schönen Baum bestaunen - aber eben nicht ewig. Das Programm sollte kindgerecht sein, und das heißt: alles in Maßen und so, dass sich alle beteiligen können. Es muss es ja nicht sein, dass die Mutter allein drei Stunden in der Küche steht - da können alle helfen.

SZ: Und wie kann man im Vorfeld verhindern, dass es zu Reibereien kommt?

Nerreter: Ganz klar: Indem man vorher klärt, wer welche Vorstellungen hat, und versucht, einen Kompromiss zu finden. Diese Diskussion muss, auch mit den Kindern, möglich sein. Außerdem sollten in die Vorbereitungen alle integriert werden, vom Plätzchenbacken über das Aufstellen der Krippe bis hin zum Baumkauf. Dann entwickelt sich auch die richtige Stimmung für dieses Fest.

SZ: Ist auch innere Vorbereitung wichtig?

Nerreter: Ja, auf jeden Fall. Man sollte sich überlegen, wie man den Kindern diesen besonderen Anlass, den weihnachtlichen Gedanken, am besten nahe bringt. Wir machen am Sorgentelefon die Erfahrung, dass die meisten Kinder dazu gar keinen Bezug mehr haben, und das ist schade. Denn wenn man sich mit Themen wie Liebe und Glaube auseinandersetzt, verändert das etwas. Dann rückt die Gemeinschaft ins Zentrum.

SZ: Jetzt mal von der Prävention zur Intervention: Was ist, wenn es an Heilig Abend bereits brennt?

Nerreter: Dann ist guter Rat teuer. Aber was helfen kann, ist gemeinsames Spielen. Wenn sich die Eltern auf die Welt der Kinder einlassen, wenn sie auch mal verlieren können, und man gemeinsam aktiv ist, wird alles wieder lockerer. Wir beobachten dieses Phänomen oft beim begleiteten Umgang: Wenn ein Vater mit seinem Kind, zu dem er kaum Kontakt hat, spielt, findet schnell Annäherung statt.

SZ: Spannungen gibt es aber nicht nur zwischen Kindern und Eltern, oder?

Nerreter: Natürlich, auch die Erwachsenen untereinander tun sich in diesen Tagen oft schwer. Schließlich ist man dann meist mit Menschen auf engstem Raum, die man sonst nur selten sieht - oft aus gutem Grund. Und dann kommen eben die alten Konflikte und Zwänge wieder hoch.

SZ: Glauben Sie, dass es früher einfacher war, Weihnachten ohne Streit zu feiern?

Nerreter: Ja, ganz bestimmt, weil früher die Strukturen klarer waren: Die Eltern haben angeschafft, und die Kinder funktioniert. Da wurde nicht lange hinterfragt oder auf die Kleinen eingegangen. Heute dagegen sind die Kinder mündige Bürger, die ihre eigene Meinung haben und diese auch kundtun. Und das ist auch gut so. Nur wird es eben dadurch schwieriger, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Hinzu kommen natürlich die ganzen Scheidungs- und Patchworkfamilien - Strukturen, die das gemeinsame Feiern oft erheblich erschweren und manchmal sogar unmöglich machen.

SZ: Was empfehlen Sie in solchen verfahrenen Situationen?

Nerreter: Naja, das Allerschönste für die Kinder ist natürlich, wenn alle zusammen feiern. Insofern ist es immer toll, wenn es die Erwachsenen schaffen, ihre Konflikte hintenan zu stellen. Dabei sollte man es aber nicht darauf ankommen lassen, sondern sich selbst schon im Vorfeld genau hinterfragen. Aber auch für ein ehrliches Gespräch mit der anderen Seite sollte man sich Zeit nehmen: "Schaffen wir das, unseren Konflikt auszuschalten?" Manchmal löst schon das einige Probleme. Aber wenn die Fronten zu verhärtet sind, dann sollte man auch an Weihnachten getrennter Wege gehen. Denn Kinder spüren Spannungen sehr genau, sie können sie, im Gegensatz zu uns Erwachsenen, bereits an der Körpersprache ablesen.

© SZ vom 24.12.2010/zinn

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