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Amtsgericht Ebersberg:Drogendealer ist einsichtig: "Ich mache jetzt Sport"

Cannabis

Bis zu acht Joints hat der Angeklagte täglich konsumiert.

(Foto: dpa)

Ein 23-Jähriger aus dem Landkreis Ebersberg zeigt sich vor dem Schöffengericht geständig und bekommt Bewährung.

Von Daniela Gorgs, Ebersberg

Der Angeklagte wirkt wie ein Getriebener. Wenn er redet, scheint es, als würden ihm zahllose Gedanken gleichzeitig durchs Hirn schießen. Der 23-Jährige überschlägt sich fast, als er erzählt, warum er massiv gekifft habe. Täglich sieben bis acht Joints, drei Gramm. Immer am Abend, nach der Uni, mit Freunden.

Der Angeklagte leidet nach eigenen Angaben unter einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS. Als Kind, so berichtet er, habe er wegen seiner Erkrankung keine Freunde gefunden. Erst nach dem Abitur sei er übers Rauchen an eine Gruppe geraten, in der er sich wohlfühlte. "Mit denen konnte ich chillen", sagt er. Doch diese Gemeinschaft hatte eine Kehrseite: Aus den ein bis zwei gemeinsamen Joints am Wochenende wurde rasch Gewöhnung und Sucht. Weil der tägliche Konsum finanziert werden musste, rutschte der 23-Jährige in die Kriminalität ab. Er kaufte seinem Dealer gehörige Mengen ab, und verkaufte das, was er nicht selbst verbrauchte, an fünf Freunde weiter. Von dem Gewinn finanzierte er seinen eigenen Bedarf. So erzählt er es jetzt dem Schöffengericht in Ebersberg, vor dem er sich wegen Drogenbesitzes und Handeltreibens verantworten muss.

Bei einer Hausdurchsuchung im vergangenen März fanden die Ermittler 130 Gramm Haschisch, 55 Gramm Marihuana und 190 Gramm psychedelische Pilze sowie Utensilien, die jemand braucht, der mit Drogen handelt: Feinwaage, Tütchen, Schuldnerliste und Bargeld, 900 Euro in kleiner Stückelung. Nach dem Gutachten des Landeskriminalamtes ergab der Fund 30,3 Gramm reinstes THC. Der Bundesgerichtshof hat für die "nicht geringe Menge" einen Richtwert von 7,5 Gramm THC angesetzt. Diese Menge habe der Angeklagte vierfach überschritten, rechnet der Staatsanwalt vor.

Der 23-Jährige ist geständig. Offen erzählt er, dass er die Drogen großzügig eingekauft habe. Für das Gramm bezahlte er sechs Euro und verkaufte es für sieben bis acht Euro weiter. Zwei Drittel der Menge behielt er für seinen Konsum, sagt er dem Schöffengericht. Den Namen seines Dealers will er nicht nennen. Die Pilze, die er im Internet bestellte, seien einzig für den Eigenkonsum bestimmt gewesen. Er schlägt die Hände vor die Stirn und schüttelt den Kopf. "Ich wollte mich selbst finden. Was für ein Schwachsinn", räumt er ein und bricht in Tränen aus. Die Hausdurchsuchung sei für ihn ein richtiger Schuss vor den Bug gewesen, ein "Klatsch in die Fresse". Unter großer Anspannung beteuert er, dass er damit nichts mehr zu tun habe. "Ich mache jetzt Sport."

Anhand von Whatsapp-Chatverläufen kam die Polizei damals auf den Angeklagten. Seine jetzt ehemaligen Freunde werden sich ebenfalls vor Gericht verantworten müssen. Der Staatsanwalt plädiert auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten, die man "natürlich" zur Bewährung aussetzen könnte. Die Verteidigerin bittet um Nachsehen und spricht von einem "minderschweren Fall". Ihr Mandant sei zum Tatzeitpunkt 22 Jahre alt gewesen und habe damit strafrechtlich die Schwelle zum Erwachsenenstrafrecht nur knapp überschritten.

Das Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richter Markus Nikol verurteilt den 23-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Der Angeklagte, der einschlägig vorbestraft ist, könne von Glück reden, dass die Polizei bei ihm vorstellig wurde und ihn gestoppt habe, sagt Nikol. Wegen des extrem starken Wirkstoffs und der großen Menge könne man nicht mehr von einem minderschweren Fall sprechen. Das Gericht erteilt dem 23-Jährigen folgende Auflagen: 120 Sozialstunden, sechs Drogenberatungsgespräche und Screenings. "Mit der Bewährung setzen wir Vertrauen in Sie", gibt Nikol dem Angeklagten mit auf den Weg. Das Urteil ist rechtskräftig.

© SZ vom 23.01.2020/aju
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