bedeckt München
vgwortpixel

Vernissage nur verschoben:Im Tunnel der Farben und Formen

Der international bekannte Street-Art Künstler Daniel Man zeigt in Ebersberg, dass er viel mehr kann als sprayen. Vor allem seine Installation ist atemberaubend

Was für eine Ausstellung! Und was für ein genialer Titel! "Sorry for the Inconvenience", Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten. Was würde besser passen zu dieser Schau - und obendrein zu der Zeit, in die sie nun fällt? Entstanden ist der Titel, so erzählt es jedenfalls der Künstler Daniel Man, aus dessen Kommunikation mit der Projektleiterin vom Ebersberger Kunstverein, Geraldine Frisch: Er sei spät dran gewesen mit der Weitergabe von Informationen, dafür habe er sich entschuldigen wollen. Hinzu kam eine große Portion Understatement - die Ausstellung als Zumutung für den Besucher - und schon hatte dieselbe ihren Namen. Nun aber hat, was nicht abzusehen war, die Unbequemlichkeit noch eine weitere Facette: Kunst und Publikum müssen sich gedulden, bis sie zusammenfinden dürfen, denn das Coronavirus macht auch vor der Galerie freilich nicht Halt, sie ist bis mindestens 19. April geschlossen. Verein und Künstler aber sind wild entschlossen, den Ebersbergern "Sorry for the Inconvenience" nicht vorzuenthalten. Alle folgenden Ausstellungen wurden verschoben, Daniel Mans Kunst soll hängen, bis eine Vernissage wieder möglich ist.

Hängen - das ist hier ein gutes Stichwort, denn diese Ausstellung hängt augenscheinlicher als alle anderen. An langen Schnüren von der Decke nämlich. Die Schau besteht größtenteils aus bunten Kartonagen, in die der Künstler Durchgänge geschnitten hat, so dass eine Art Tunnel entsteht, von dem der Besucher gleich am Eingang aufgesogen wird. Ja, diese Installation entfaltet eine starke Sogwirkung, wie in Trance kann man hindurchwandeln und bei jedem Schritt staunen, welcher Rausch an Formen, Farben und Perspektiven sich einem eröffnet. Durch alle drei Räume der Galerie führt dieser bunte Irrgarten, 60 Tore aus Papier hat Daniel Man extra für diese Ebersberger Ausstellung geschaffen, etwa 45 haben Platz gefunden. Obendrein gibt es fünf Gemälde auf Leinwand zu bewundern sowie ein riesiges Wandgemälde. Und all das korrespondiert miteinander, vermittelt dem Betrachter ein stimmiges Bild dieses vielseitigen Künstlers. "Diese Galerie ist prädestiniert dafür, den ganzen Raum mit Kunst zu beherrschen", sagt Man, so sei er erstmals auf die Idee eines Tunnels gekommen. "Ich habe sogar überlegt, auch noch den Boden mit einzubeziehen. Doch das hätte meine physischen Kapazitäten gesprengt." Auch so habe er Monate auf die Ausstellung hingearbeitet.

Video von Peter Hinz-Rosin

Daniel Man ist international vor allem bekannt als Street-Art-Künstler. Der chinesischstämmige und in Augsburg aufgewachsene Man, geboren 1969 in England, gestaltet mittlerweile Wände auf der ganzen Welt. Ursprünglich kommt er aus der Graffiti-Szene, doch die wurde ihm aufgrund ihrer vielen Dogmen irgendwann zu eng - also wandte er sich der freien Kunst zu. Daniel Man studierte zuerst in Braunschweig bei Walter Dahn, dann in München bei Markus Oehlen; beide gelten als Hauptvertreter der Stilrichtung der "Neuen Wilden". In den vergangenen Jahren war Man, auch bekannt unter dem Graffiti-Namen "Codeak", rund um den Globus unterwegs, um seine malerischen Fingerabdrücke auf den Wänden der Welt zu hinterlassen. 2002 etwa wurde er vom Olympischen Kulturministerium nach Griechenland eingeladen, um dort öffentliche Flächen zu gestalten, für das Projekt "Mural Global" hat er mit internationalen Kollegen ein 300 Quadratmeter großes Wandbild in São Paulo kreiert. In München bemalte er mit "Sat-One", der aus Kirchseeon stammt, die Fassade eines Hotels. Und auch im Landkreis Ebersberg ist Man längst kein Unbekannter mehr: In Poing hat er eine riesige Hauswand in ein beeindruckendes Porträt der Gemeinde verwandelt, in Ebersberg wurde der Skaterpark von ihm verschönert. So kam der Kontakt zum Kunstverein zustande.

Um die Kunst von Daniel Man zu verstehen, muss man wissen, dass ihn schon lange eine "Schichtentheorie" begleitet: "Alles, das ganze Leben besteht aus Geschichten, die sich überlagern", erklärt er. Und so ist es auch bei seinen Werken. Egal, ob an der Wand oder im Raum, ob in der Zwei- oder Dreidimensionalität, sie sind immer in Schichten aufgebaut. Der Unterschied ist nur: Bei Gemälden überdecken diese sich größtenteils, bei Installationen wie dem Tunnel kann man sie im Aufgefächertsein besser nachvollziehen. Die Kartons hat Man mit allen möglichen Techniken gestaltet, er hat sie bemalt, besprüht oder berollt und in der Mitte jeweils einen Teil herausgeschnitten. So sind sehr unterschiedliche "Tore" entstanden. Da geht der Besucher beispielsweise durch einen Vorhang, durch ein Schlüsselloch, eine Faust, einen Stern, kann aber mit etwas Fantasie auch Batman begegnen, Trump und dem Coronavirus höchstselbst. "Ja, da hat sich so einiges versteckt", sagt Man und grinst. Besonders spannend wird es aber freilich in der Zusammenschau, wenn also beim Durchwandern aus mehreren Toren jeweils neue Ansichten entstehen.

Wichtig ist Daniel Man zu erklären, dass er sehr selbstreferenziell arbeitet, sprich: dass seine Bildwelten aufeinander aufbauen. "Meine Leinwände sind die Essenz, die dann in Form von Wandbildern und Installationen nach außen dringt", sagt er. In der "Laborarbeit" im Atelier entstünden jene Formen, die Grundlage seien für sein Schaffen im Raum. "Dort werden sie dann nur etwas auseinandergezogen." Und auch an der Leinwand arbeite er "systembasiert": Das Alte gebe das Neue vor. Am Anfang weiß Man selbst also nicht, wie ein neues Bild am Ende aussehen wird, er entwickelt vorab kein Konzept in diesem Sinne. Vielmehr legt er in einem intensiven, intuitiven Prozess Schicht über Schicht, die bereits bestehende Gestaltung weist ihm dabei die Richtung, in die es weitergeht. Veränderung sei daher stets nur stückweise möglich. Und: "Jede Schicht ist durchgemalt, wenn es kleinteiliger wird, weiß ich also, es geht dem Ende zu." Aufgrund dieser intuitiven Arbeitsweise kann es auch passieren, dass am Ende ein Penis die Leinwand ziert. "Sorry for the Inconvenience", heißt daher nicht nur die ganze Ausstellung, sondern auch dieses Werk.

Daniel Man verwendet in seiner Kunst runde wie eckige Formen, die exakte Linienführung mit der freien Hand, auch bei großen Gemälden, ist dem ehemaligen Sprayer längst in Fleisch und Blut übergegangen. Die Farben Mans sind oft gedeckt, auch mal kräftig, aber nie schrill. Das Ergebnis sind vielschichtige, abstrakt-grafische Bildwelten zwischen geometrischer und organischer Anmutung, die mal kleinere, mal größere Brüche aufweisen. Aber irgendwie wirken sie alle fröhlich, lebensbejahend, die Einflüsse von Pop- und Street-Art sind jedenfalls nicht zu verleugnen. Ein wesentliches Merkmal ist aber auch ihre Rätselhaftigkeit: Der Betrachter muss mit dem Auge auf Wanderschaft gehen, um sie zu verstehen. Eine Erzählweise, mit der Man die Kalligrafien und Landschaftsbilder der Kunst Chinas zitiert, der Heimat seiner Familie. Hoffentlich können die Ebersberger bald mit offenen Augen in der Alten Brennerei spazieren gehen. Bis dahin müssen sie sich mit Vorfreude begnügen.

© SZ vom 19.03.2020
Zur SZ-Startseite