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Zum Vorlesetag:"Das Sprechen über Gefühle kommt noch zu kurz"

Dagmar Geisler Autorin

Bereitet in ihren Büchern gerne emotional anspruchsvolle Themen für Kinder auf: die Autorin und Illustratorin Dagmar Geisler. Nach vielen Jahren im Landkreis Ebersberg ist sie mittlerweile nach Bamberg gezogen.

(Foto: Horst Jahreiß/oh)

Dagmar Geisler ist vielfach ausgezeichnet für ihre Kinderbücher. Hier verrät sie, warum es derzeit so schwierig ist, über das Thema Krankheit zu schreiben.

Interview von Franziska Langhammer

Etwas verschnupft klingt Dagmar Geisler am Telefon, doch das hält sie nicht davon ab, von ihren Erfahrungen als Kinderbuchautorin zu erzählen. Geisler, Jahrgang 1958, wuchs in Hessen auf, studierte in Wiesbaden Kommunikationsdesign und arbeitete einige Jahre in Frankfurt als Illustratorin, bald auch als Autorin. Danach lebte sie lange im Landkreis Ebersberg. In dieser Zeit entstand etwa das von Geisler illustrierte, vielfach prämierte Buch "Mein Körper gehört mir", das Kinder gegen sexuellen Missbrauch stärken soll. Vor allem durch Kindersachbücher mit Themen wie "Ich geh doch nicht mit jedem mit" oder die Reihe über die neunjährige Wanda hat Dagmar Geisler sich einen Namen gemacht.

SZ: Sie haben 21 Jahre im Landkreis Ebersberg gewohnt. Was hatte Sie hierher verschlagen?

Dagmar Geisler: In meiner Zeit in Frankfurt habe ich einen Mann kennen gelernt, der aus Oberbayern kam. Dorthin sind wir dann gemeinsam gezogen. Er wohnt immer noch im Landkreis, ich lebe mittlerweile in der Nähe von Bamberg.

Wie haben Sie die Zeit hier erlebt?

Vaterstetten war meine erste Station, da war mein Kind noch klein und die Gegend noch zu fremd. Aber in Ebersberg und Grafing kann man schön wohnen. Ich mag die Landschaft, die Leute, die Kleinkunstbühnen.

Viele Ihrer Bücher sind in Ihrer Ebersberger Zeit entstanden. Gibt es da auch künstlerische Bezüge?

Für die Wanda-Serie ("Wandas streng geheime Notizen" und "Wanda und die Mädchenhasserbande", Anm. d. Red.) habe ich mir manchmal Namen von Freunden ausgeliehen. Zum Beispiel der Hund Tassilo, der gehört meiner Freundin Waltraud. Den Hund gibts aber jetzt leider nicht mehr. Und meine Freundin Eva Behmer ist die einzige Person, die mit ihrem richtigen Namen auftaucht: Frau Behmer, die Kostümschneiderin.

War es schwierig, aus dem Landkreis Ebersberg wegzuziehen?

Ja, schon. Ich hatte gute Freunde gefunden, war eingebunden. Natürlich habe ich geglaubt, ich würde unaufhörlich wieder zu Besuch kommen. Das ist dann doch seltener, als ich mir das gewünscht habe.

Wie haben Sie Ihre Nische gefunden, auch emotional anspruchsvolle Themen für Kinder zu illustrieren?

Ich beschäftige mich gern mit sozialen Themen, und das Thema "Mein Körper gehört mir" hat mich damals richtig angepackt. Inzwischen mache ich eine Kunsttherapie-Ausbildung, um das noch zu unterfüttern. Ich fühle mich in diesem Themenkomplex ganz zuhause.

Warum hat Sie das Thema so angesprochen?

Als ich in die Schule gekommen bin, nannte man das Verhaltensforschung. Da hab ich kurzzeitig gedacht: Das studiere ich! Dann bin ich aber doch beim Zeichnen und Schreiben geblieben.

Zuerst haben Sie nur illustriert, dann auch geschrieben. Was ist anspruchsvoller bei Themen wie Kindesmissbrauch oder schwerer Krankheit - die richtigen Worte zu finden oder die richtigen Bilder?

Mir ist wichtig, den richtigen Ton zu treffen - das gilt sowohl für die Bilder als auch die Worte. Speziell bei dieser Art von Büchern denke ich die Bilder und die Texte von Anfang an in einem. Da, wo ich vielleicht mit der Sprache nicht so gut weiterkomme, plane ich sofort das Bild mit ein.

Was ist der Vorzug am Schreiben?

Ich wollte immer schon Kinderbuchautorin werden, seit der Grundschule. Deshalb habe ich auch schon immer einen Bezug zu Kindern und zu meiner eigenen Kindheit. Ich frage mich bei allen Themen, die mir begegnen: Wie würde ein Kind darauf reagieren und was würde das mit ihm machen? Viele Menschen vergessen ihre Kindheit ein Stück weit.

Was machen Sie, um Ihr inneres Kind zu pflegen?

Für mich ist das ein Normalzustand, dass ich einen Kontakt dazu habe. Oft denke ich: Wie war das damals? Ich kann mich auch gut an Gefühlslagen erinnern, die ich als Kind hatte, und ich habe eigentlich lange geglaubt, das ist bei allen Menschen so. Aber anscheinend ist das speziell bei Kinderbuchautoren ausgeprägt. Durch meine Arbeit bleibe ich sowieso immer dran. Wenn ich ein Buch für Zweijährige mache, dann muss ich zwei Jahre alt sein. Also, das Alter, das ich jetzt habe, natürlich auch, aber auch zwei in dem Moment.

An was erinnern Sie sich besonders aus Ihrer Kindheit?

Ich bin ja schon ein paar Tage alt; das heißt, meine Eltern haben auch viel vom Krieg erzählt. Und dieses Gefühl, als Kind da zu sitzen, die Erwachsenen erzählen was, und man kriegt das eigentlich nur so am Rande mit - das habe ich nicht vergessen. Ich war mit meinem Gefühl auch ein bisschen allein gelassen. Das ist auch ein Grund, warum ich so gerne versuche, schwierige Themen zu vermitteln. Dass die Erwachsenen mit den Kindern gut ins Gespräch kommen können. Zum Beispiel mein Buch "Was, wenn Eltern auseinander gehen" - das ist ein für mich wichtiger Titel.

Würden Sie sagen, Eltern reden auch heute noch zu wenig mit ihren Kindern?

Ich glaube schon, dass oft das Sprechen über Gefühle noch zu kurz kommt. Entweder, weil man es nicht gelernt hat, oder weil man sich die Zeit nicht so nehmen kann dafür. Dabei halte ich das für essenziell wichtig.

Zu Zeiten von Helikopter-Eltern scheint es schwierig, das richtige Mittelmaß zwischen Angst machen und Sensibilisieren zu finden - gerade bei Themen wie "Geh nicht mit Fremden mit"

Ich würde den Eltern gerne mitgeben, dass sie sich nicht von ihrer Angst leiten lassen sollen. Ich bin selber Mutter, ich kann verstehen, wie man sich da manchmal fokussiert. Dabei besteht aber die Gefahr, dass man diese besorgte Haltung dem Kind überstülpt, ohne es zu wollen. Mein Tipp wäre: Sich mit der eigenen Angst auf einer Erwachsenen-Ebene auseinanderzusetzen, um dann mit den Kindern lockerer sprechen zu können.

Und im Gespräch mit den Kindern: Was sollte tabu sein - und was eben nicht?

Themen sollten sowieso nicht tabu sein. Aber trotzdem muss man mit Kindern immer so reden, dass man sie auf ihrer Altersstufe erreicht. Das Thema sollte neutral und nicht angstmachend behandelt werden, ohne Drohungen. Das ist schnell ausgesprochen: "Du darfst nicht mit Fremden mitgehen, weil dir jemand was tun könnte!" Eine Polizistin hat bei einer Veranstaltung mal erzählt, dass das manchmal sogar ins Gegenteil kippen kann - dass die Kinder dann Angst vor allen fremden Menschen haben. Und das darf überhaupt nicht unser Ziel sein. Eine Haltung zur Welt, die von Angst geprägt ist, ist ganz ungesund.

Derzeit arbeiten Sie an einem Buch über Krankheit. Über Corona?

Das Buch "Vom Kranksein und Gesundbleiben" war geplant für 2023. Wir haben das wegen Corona vorgezogen. Weil ich natürlich alles vor dem Hintergrund dieser Krise denken musste, war das teilweise ganz schön schwierig. Zum Beispiel wenn es darum ging, dass das Immunsystem auch Training braucht und man sich nicht vor jedem Krankheitserreger verstecken soll. Das kann man mit Corona im Hintergrund natürlich nicht so sagen, weil wir momentan den Viren aus dem Weg gehen müssen.

Sie haben mal gesagt, bei jeder Krankheit brauchen Sie ein Kinderbuch. Wann waren Sie das letzte Mal krank?

Ich bin es gerade, und ich lese "Hechtsommer" von Jutta Richter. Ein wunderbares Buch. Aber was ich immer wieder lese, auch gerne zwischendurch, ist "Ferien auf Saltkrokan" von Astrid Lindgren. Das ist für mich ein Trostbuch. Der Vater der Familie ist ein Schriftsteller, der immer mal wieder von den Kindern hochgenommen wird. An einer Stelle - es geht um das Anlassen eines Bootsmotors - sagt ein Kind zu ihm: "Du hast halt nicht den richtigen Ruck." Das betrübt den Vater sehr. Kurz darauf gewinnt er einen Literaturpreis und kann damit das Ferienparadies retten. Und dann sagt er: "So, ich hab doch den richtigen Ruck!" Wenn mir etwas im Alltag nicht so gut gelingt, denke ich mir manchmal: Auf irgendeinem Gebiet habe ich bestimmt den richtigen Ruck.

Das neue Buch von Dagmar Geisler "Vom Kranksein und Gesundbleiben" erscheint im Frühjahr 2021 im Loewe-Verlag.

© SZ vom 20.11.2020

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