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Artenvielfalt:Chance auf Erneuerung

Wer heutzutage eine Blumenwiese haben will, muss zum Saatguthändler und die Körnchen teuer bezahlen. Das setzt ein hohes Maß an Idealismus voraus oder einen dicken Geldbeutel, oder beides. Projekte wie die Initiative "Artenvielfalt im Grünland" könnten dazu beitragen, dass sich das wieder ändert

Kommentar von Alexandra Leuthner

Menschen, die allzu oft von früher reden, werden ja ganz gerne mal belächelt, weil sie nicht loslassen können von den Erinnerungen an ihre eigenen besseren Zeiten. Dabei gab es neben der verschwundenen Jugend tatsächlich einmal manche Sachen, die man jetzt gerne wieder hätte, aber gar nicht so leicht haben kann.

Blumenwiesen zum Beispiel. Früher - da ist es wieder - gab es die einfach. Sie blühten einfach so vor sich hin neben Straßen und Wegen. Schafgarbe und Margeriten, Kornblumen, Mohn, Nelken oder Glatthafer standen darauf und boten Bienen, Hummeln und Schmetterlingen natürliche Nahrung. Sie kosteten nichts, waren schön, und wer vergessen hatte, zum Muttertag einen Strauß zu kaufen, pflückte ihn einfach. Dann kam mit dem Wunsch nach immer mehr und billigerem Fleisch und Milch die immer intensivere Landwirtschaft. Die Bauern passten sich den Ernährungsgewohnheiten an und den Supermarktketten, die am besten funktionieren, wenn sie Leberwurst und Rinderhüften zum Schleuderpreis in ihren Regalen liegen haben. Und das ging nur, wenn die Bauern immer mehr produzierten, immer mehr düngten, um immer mehr Nährstoffe aus ihren Feldern zu pressen. Dünger aber mögen Wiesenblumen nicht, Platz hatten sie auch keinen mehr, also verschwanden sie - und mit ihnen die Insekten, die Vögel und die Samen, aus denen neue Wiesen wachsen könnten.

Heute muss zum Saatguthändler, wer eine solche Wiese haben will, und die Körnchen teuer bezahlen. Was ein hohes Maß an Idealismus voraussetzt, oder einen richtig dicken Geldbeutel, oder beides. Projekte wie die Initiative "Artenvielfalt im Grünland", die jetzt im Landkreis anlaufen soll, könnten dazu beitragen, dass sich das künftig wieder ändert. Je mehr Wiesen mit heimischen Blumenarten es wieder gibt, desto günstiger wird das Saatgut. Bei Holzkirchen gibt es bereits Versuche, neue Wiesen durch die Ablage des Schnittguts von anderen zu besamen, was aber nur funktionieren kann, wenn der Schnitt nicht über weite Strecken transportiert werden muss.

Dass viele Landwirte über das Volksbegehren Artenvielfalt nicht besonders glücklich waren, das jetzt über den Umweg einer neuen Gesetzgebung oben genannte Initiative angeschoben hat, liegt auf der Hand und ist, wenn es für ihre Betriebe Einschränkungen und Auflagen mit sich bringt, auch nachvollziehbar. Wenn aber der öffentliche Druck und die Gesetzgebung nun solche Entwicklungen hervorbringen, die vielleicht ja auch dazu führen können, dass Naturschutz und Landwirtschaft einander die Hand reichen können, dann hat sich der Aufwand doch gelohnt.

© SZ vom 23.06.2020

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