Ärger im Gemeinderat:Doppelter Preis am Zornedinger Gleis

Zorneding Bahnhofsvorplatz

Würde man eine Rangliste der hässlichsten Bahnhofsvorplätze des Ebersberger Landkreises führen, Zorneding hätte eine Medaille sicher.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das Empfangsgebäude für den Bahnhof soll deutlich teurer werden: 1,5 Millionen Euro statt bisher 880 000

Von Korbinian Eisenberger, Zorneding

Die Erweiterung ihres Bahnhofs wird für die Gemeinde Zorneding teurer als bisher erwartet. Statt 880 000 Euro wird das Projekt in den siebenstelligen Bereich gehen, wie Vertreter der Deutschen Bahn am Donnerstagabend im Zornedinger Gemeinderat erklärten. Demnach sei nach neuerlichen Entwicklungen nunmehr mit Gesamtkosten von bis zu 1,5 Millionen Euro zu rechnen. Grund, so die Bahn, seien Preissteigerungen in mehreren Bereichen, allen voran die Entwicklung bei den Baumaterialien. Im Gemeinderat reagierten viele überrascht, nicht wenige äußerten Kritik, einer haute gar auf den Tisch. Es ging nun um die Frage, ob das Projekt unter den neuen Bedingungen überhaupt weiterverfolgt werden soll.

Würde man eine Rangliste der hässlichsten Bahnhofsvorplätze des Ebersberger Landkreises führen, Zorneding hätte eine Medaille sicher. Ein neues Empfangsgebäude könnte der Gemeinde diesen Nimbus streitig machen, samt Kiosk und diversen Schnickschnack. Die Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend machte allerdings deutlich, dass längst nicht jeder Wert auf einen Zuwachs an Ästhetik am Gleis legt. Zumindest nicht, wenn Zorneding dafür so viel Geld ausgeben muss. Wenngleich sich die finanzielle Belastung der Gemeindekasse weiterhin im sechsstelligen Bereich bewegen würde.

Zorneding, so steht es im Vertrag mit der Deutschen Bahn, zahlt lediglich 15 Prozent des Projekts. Den Rest übernimmt die Bahn. Die Gemeinde hat also deutlich weniger Kosten, macht aber auch keinen Reibach mit den Einnahmen aus Zugtickets oder Kioskpacht. In einer emotional geführten Debatte im Gemeinderat ging es also rein faktisch um die Frage: Kann sich der Gemeinderat vorstellen, statt wie bisher gedacht 132 000 Euro nun bis zu 223 000 Euro für das Projekt auszugeben? Oder bricht man die Planungen ab - nun da die definierte Obergrenze der Gemeinde von 150 000 Euro deutlich gerissen ist?

Für die Zornedinger Zugfahrer würde das bedeuten: Es gibt weiterhin keine Empfangshalle und keinen Kiosk. Die allerdings noch weitreichendere Folge dieses Schrittes wäre, dass dann auch zwei weitere im Vertrag vereinbarte Verbesserungen auf Eis gelegt wären: eine Entwässerungs-Lösung für die über Jahrzehnte unzählige Male überschwemmte Gleisunterführung. Und ein barrierefreier Zugang zu den Schienen, sprich ein Aufzug. Rein funktionell sind trockene Füße und Aufzüge für Bahngäste von hoher Relevanz.

In der länglichen Debatte wurde nun weniger die Entscheidung von einst, mit der Bahn zusammenzuarbeiten, hinterfragt. Es ging den Gemeinderäten mehr um die Frage, wie der Vertragspartner (dessen Vertreter digital mit Video und Ton zugeschaltet waren) unter Druck gesetzt werden könnte, um die Kosten für die Gemeinde zu drücken. Die Ideen: Den Anteil von 15 Prozent senken, einen fixen Kostendeckel für die Gemeinde festlegen oder eben aus dem Deal aussteigen - auch diese Option hatten die Bahn-Mitarbeiter in ihrer Präsentation erwähnt.

Letztlich einigten sich die Zornedinger Gemeinderäte angesichts der neuen Zahlen auf eine zusätzliche Abstimmung über die Zukunft des Projekts. Ergebnis: Bei sieben Gegenstimmen sprachen sich 13 Gemeinderäte für die Fortsetzung aus. In einem zweiten Votum beauftragten 19 der 20 Mitglieder den Bürgermeister, "weitere ergebnisoffene Verhandlungen mit der Bahn zu führen".

Die derzeitige Berechnung der Bahn lautet: Zu der ursprünglichen Kalkulation von 880 000 Euro kommen nun knapp 400 000 Euro Zusatzkosten im Bereich der Baukonstruktion, der Baustelleneinrichtung, der Altlastenbeseitigung, bei technischen Anlagen, beim Altwasser und weitere Bereiche. Bei den explodierenden Kosten für Baumaterialien, so die Bahn-Vertreter, "da wissen wir gar nicht, wie wir die derzeit berechnen sollen". Es gebe "keine Angebote mehr ohne Gleitpreis-Berechnungen". Für dieses Risiko legt die Bahn in ihrer aktuellen Kalkulation auf die 127 5000 Euro noch mal 200 000 Euro drauf - und macht die 1,5 Millionen voll.

Sollte die Gemeinde nicht bereit sein, über die selbst gewählte Grenze von 150 000 Euro zu gehen, werde das Projekt beendet, so die Bahn-Vertreter. Sollte sich Bürgermeister Piet Mayr (CSU) mit dem Konzern einigen, wird eine Frage offen bleiben: Wie teuer genau das Gesamtpaket für Bahn und Gemeinde am Ende wird.

© SZ vom 31.07.2021
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