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Dok.fest:Wo Menschen auf eine abstrakte Bedrohung reduziert werden

Das Großartige an "Les Sauteurs" ist aber nicht nur seine Machart - sondern, dass er dabei auch noch ein Bild von Europa entwirft. An diesem Punkt kommen dann wieder Siebert und Wagner ins Spiel, die Sidibés Aufnahmen mit dem Feed einer Wärmebildkamera vom Grenzzaun gegenschneiden. Die zeigt ein rein maschinelles, unpersönliches Bild, das die Migranten auf kleine schwarze Punkte, eine abstrakte Bedrohung reduziert.

Die Filmer sieht man nie - während sie bei Sidibé ständig Teil der Aktion sind. Dieser Kontrast ist auch ein Statement über den Wert, den das filmische Bild in Europa noch hat. Auf der einen Seite herrscht Lust am Filmen: die Bilder der "Sauteurs" sind vom Begehren getrieben, nach Europa zu kommen. Auf der anderen Seite aber ist das Begehren ausgelöscht. Denn alles, was im Zielkreuz einer Überwachungskamera erscheint, soll dort eigentlich nicht sein: Es wird nur gefilmt, um abgehalten, entfernt zu werden. Dieses Bild, das hier den Blick Europas präsentiert, ist tot und lustlos.

Afrikaner, die den Grenzzaun der spanischen Exklave Melilla überwinden wollen, werden "Sauteurs" genannt - Springer.

(Foto: DokFest)

Das Bild der Überwachungskamera erinnert auch an Philip Scheffners "Havarie". Ein dreiminütiges YouTube-Video von einem Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer, gedreht von einem Kreuzfahrtschiff aus, wird hier auf neunzig Minuten gestreckt - was die Undeutlichkeit der Gefilmten und die Unsichtbarkeit der Filmenden ganz deutlich werden lässt. Es ist ein Bild, das nur noch neunzig Minuten lang auszuhalten ist - aber kaum mehr anschaubar.

Die "Sauteurs" brechen mit dieser Bilderlustlosigkeit. Ihr Name kann auch als Anspielung auf den "auteur" verstanden werden, den Filmautoren europäischer Prägung mit charakteristischer Handschrift. Der "Sauteur", der auch einen "Mann ohne Charakter" bezeichnen kann, zeigt, dass dieses traditionelle Konzept heute nicht mehr trägt. Er bleibt nicht bei sich, er springt. Und zeigt so, dass das, was sich zu lange auf seinen Charakter verlässt - ein Autor, eine Nation, ein Kontinent - irgendwann ohne Bilder sein wird. Das Kino von morgen aber wird ein Kino der Migranten, der Springenden sein: ohne Charakter, aber voller Bilderlust.