bedeckt München

Dokfest:Diese Dokumentarfilme müssen Sie sehen

Partyszenen aus Teheran, Haftbedingungen in amerikanischen Gefängnissen oder das Leben von Schwulen in China - sieben Filmtipps aus dem diesjährigen Dokfest-Programm.

1 / 8

151 Filme aus 42 Ländern

Dokfest München

Quelle: Dokfest München

Verborgenes und Fremdes sichtbar machen - das war immer schon das Anliegen des Dokumentarfilms. 151 Filme aus 42 Ländern zeigt das Münchner Dokfest in diesem Jahr. Sie erzählen von der Partyszene in Teheran, den Haftbedingungen in amerikanischen Gefängnissen oder zeigen die Vermarktung kenianischer Langstreckenläufer in Europa. Neben dem internationalen Programm gibt es zahlreiche Nebenreihen, darunter die Retrospektive, die Andres Veiel gewidmet ist. Das Dokfest ist groß und etwas unübersichtlich geworden - wie die Gattung selbst. Die hat das Image des Weltverbesserungsfilms längst abgeworfen, nimmt sich ästhetisch wie erzählerisch jede Freiheit. Hier einige Empfehlungen für das an diesem Donnerstag beginnende Festival.

2 / 8

Inside the Chinese Closet (Sophia Luvarà, Niederlande 2015)

Dokfest München - Inside the Chinese Closet

Quelle: Dokfest München

Der geduldige Blick, vor dem sich fremde Wirklichkeiten nach und nach enthüllen - das ist noch immer die Urform des dokumentarischen Filmemachens. Wie aktuell dieser Blick bis heute sein kann, zeigt Sophia Luvaràs Studie aus dem schwulen und lesbischen China. Einerseits sieht man da Protagonisten wie Andy und Cherry, die im Kreis ihrer Freunde und Lover ungezwungen agieren und keine Angst vor der Kamera haben. Doch dahinter lauert, tonnenschwer, die Scham ihrer Eltern. Solcher Konformitätsdruck treibt die beiden dann in Scheinehen, auf bizarre Märkte für Fake-Beziehungen, zu kriminellen Adoptionsagenturen. Und die italienische Debütfilmerin, der sie komplett vertrauen, ist immer dabei.

Tobias Kniebe

3 / 8

Homo Sapiens (Nikolaus Geyrhalter, Österreich 2016)

Dokfest München

Quelle: Homo Sapiens /Dokfest München

Wo ein Ort ist, spielt ohne Menschen plötzlich keine Rolle mehr - Hashima zum Beispiel, die verlassene Insel vor Japan mit ihren einstürzenden Apartmentblocks könnte überall sein. Nikolaus Geyrhalter hat solche Orte gesammelt und in langen Einstellungen gefilmt: Ruinen der Zivilisation und der Hoffnungen, verfallene Kathedralen, eine Bar, die der Dschungel zurückerobert, rostende Militäranlagen und ein versunkenes Spaßbad. Sieht man lange genug hin, wird der Gedanke, dass die Welt noch nach dem Gastspiel des Homo sapiens da sein wird, gar nicht mehr bedrohlich. Die Welt ist auch ohne uns ganz schön. Gebäude von Menschenhand stehen für Hybris und zerborstene Zukunftsträume so sehr wie für Kunstsinn und Tollkühnheit. An diesen Orten werden für immer unsere Geister sein.

Susan Vahabzadeh

4 / 8

Helmut Berger, Actor (Andreas Horvath, Österreich 2015)

Dokfest München

Quelle: Helmut Berger - Actor /Dokfest Mücnehn

Ein Dokuporno über den abgestürzten Schauspieler Helmut Berger. Einst stolzierte er an der Seite seines Liebhabers und Mentors Luchino Visconti durch Rom und Saint-Tropez - Glamourparadiese, die längst im Zigarettenrauch vergangener Jahrzehnte verschwunden sind. Heute haust der 71-Jährige in einer Zweizimmerwohnung in der Salzburger Peripherie, zwischen den Devotionalien seiner Vergangenheit sowie ersten und zweiten Mahnungen, Medikamentenpäckchen und Zigarettenschachteln. In diesem bizarren Königreich züchtet er Neurosen und fummelt permanent an seinem semifunktionstüchtigen Penis herum.

Der österreichische Regisseur Andreas Horvath ist für dieses Manifest des Voyeurismus eine gefährliche Liaison mit dem deformierten Schönling eingegangen. Besoffene Mailboxmonologe und paranoide Schreiattacken zeigen eine irre Lust am Exhibitionismus nicht nur beim Porträtierten, auch beim Porträtierenden. Ein Film über die Grenzen des Genres: "Klar bist du ein Langweiler", brüllt Berger den Regisseur an, "du drehst ja auch Dokumentarfilme!"

David Steinitz

5 / 8

A Maid for Each (Maher Abi Samra, N/Libanon/F/Vereinigte Arabische Emirate 2016)

Dokfest München

Quelle: A Maid for Each / Dokfest München

Lautlos und unsichtbar sollen Hausangestellte sein, erläutert eine libanesische Upperclass-Lady. Der Film macht das Geschäft mit diesen Mädchen sichtbar, zeigt den Alltag in einer Agentur, die junge Frauen aus Afrika und Asien vermittelt. So "normal" wirkt eingangs der Menschenhandel, dass sich das Leid der Frauen erst nach und nach vermittelt. Vielen libanesischen Frauen ermöglicht erst ein Dienstmädchen die Berufstätigkeit, das macht das Ganze kompliziert: Es bedeutet Freiheit um den Preis der Ausbeutung. "Wir suchen immer nur nach individuellen Lösungen", reflektiert der Regisseur, während der Blick über Hausfassaden schweift, dahinter Wohnungen wie Bienenwaben. Sein Film zeigt die Gesetze des globalen Handels, das Netz, in das wir alle verstrickt sind.

Martina Knoben

6 / 8

4 (Daniel Kutschinski, Deutschland, 2015)

Dokfest München

Quelle: 4/DOK.fest München

Arbeit und Bedingungen für die Qualität eines Quartetts haben etwas mit unbedingter Verschworenheit zu tun. Die vier müssen nicht notwendig enge Freunde sein, sie müssen sich aber im Musizieren treffen, verständigen, inspirieren können. Das erinnert etwas an Jean-Pierre Melvilles wunderbares Gangsterpoem "Vier im roten Kreis" von 1970. Daniel Kutschinskis Film über das grandiose französische Quatuor Ébène porträtiert weniger, vielmehr scheint es, als sei die Kamera stille Fünfte im Bunde. Man wird Zeuge aus nächster Nähe, kann Spannungen, Kämpfe um den rechten Weg, Verstimmungen, Zweifel, Fragen, aber auch Triumphe miterleben. Diese erhellende Nähe hebt "4" von den üblichen filmischen Andachtshaltungen gegenüber der ehernen "Klassik" wohltuend ab. Hier herrscht die Elektrizität aus Neugier, Aufmerksamkeit und Beobachtungsgenauigkeit.

Harald Eggebrecht

7 / 8

Cyclique (Frédéric Favre, Schweiz 2015)

Dokfest München

Quelle: Cyclique / Dokfest München

Raphaël und Caroline sind Fahrradkuriere. Beide schwärmen sie eingangs über diesen Beruf, die Freiheit, die wilden Touren, die sich oft anfühlen, "als würde man fliegen". Während sie erzählen, folgt ihnen die Kamera auf halsbrecherischem Schlängelkurs durch den Straßenverkehr von Lausanne, man spürt, dass Frédéric Favre, der Regisseur und Kameramann, selbst jahrelang als Radkurier gearbeitet hat. So soll dieser Film einerseits eine Liebeserklärung an dieses linksalternative Milieu sein. Andererseits - wie lange kann das gehen mit dem Glück und der Freiheit? Es ist ein Beruf für die Zwischenjahre, für die Zeit, in der biografisch alles noch in Bewegung ist. So stellt "Cyclique" auch die Frage nach dem Erwachsenwerden, nach so öden Tugenden wie Disziplin. Als langweilig erwachsener Zuschauer hätte man sich allerdings etwas mehr Disziplin beim Schnitt gewünscht - und eine bessere Tonspur.

Alex Rühle

8 / 8

Dead Slow Ahead (Mauro Herce, Spanien/Frankreich 2015)

Dokfest München

Quelle: Dead Slow Ahead / Dokfest München

Zweieinhalb Monate auf See, auf einem transatlantischen Frachter, Weizen und Kohle, Odessa, Bosporus, Suezkanal, New Orleans . . . Der Filmemacher mit seiner Kamera und seinem Tonmann an Bord, am Ende 180 Stunden Material. Die stampfende Gleichgültigkeit der Maschinen, die Koketterie, mit der sie im dunklen Bauch des Schiffs spärliches Licht fangen, Jogging durch den Maschinenraum, draußen das weiße Meer oder die illuminierte Landschaft eines nächtlichen Verladehafens. Der Stillstand in der Bewegung, ein transzendentaler Dokfilm, inspiriert von den Filmtrancen Chantal Akermans, er zieht in seinen Bann, weil er nicht die Reise dokumentiert, sondern den Filmemacher: "Das Kino ist mehr für mich als eine Profession, es ist fast eine Notwendigkeit. Ich lebe durch die Kamera."

Fritz Göttler

© SZ.de/infu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema