Dieter Hildebrandt ist 80, (Teil I) "Ich finde Sex an sich schon komisch"

Zorn, Glück, Kabarett: Dieter Hildebrandt über den Besuch einer Erotik-Messe, seine frühe Begegnung mit dem Tod und den neuen "Kir-Royal"-Film.

Interview: Johannes Honsell und Oliver Das Gupta

sueddeutsche.de: Herr Hildebrandt, was fällt Ihnen ein zu den Verben "stottern, stammeln, verhaspeln"?

"Der Mode-König in Schlotterhosen" - die Münchner Abendzeitung berichtete von der Kür Dieter Hildebrandts zu einem der zehn bestgekleideten Männer der Republik

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Dieter Hildebrandt: Also ich selbst falle mir nicht direkt ein. Ich weiß nur, dass ich irgendwann mal in einem Anflug von Selbstironie gesagt habe, ich verbreite jetzt meine "gestammelten Werke". Gut, das ist lange her, und inzwischen habe ich aus dem Stammeln ja Kleinkunst gemacht. Das eigentliche Versprechen, das sich auf Textlücken bezieht, kann man auf diese Weise verbergen, dass man es als gewollt hinstellen kann. Diese Entwicklung habe ich auch hinter mir.

sueddeutsche.de: Wirklich?

Hildebrandt: Ja, jetzt fange ich von vornherein an zu stammeln, damit jeder weiß, was ich zu sagen habe, besteht aus Gedächtnislücken, sodass ich mildernde Umstände bekomme. Mit Bruchstücken eines Satzes kann ich ja ohnehin mitteilen, was ich meine. Das sieht man ja auch bei den Navi-Systemen im Auto. Man drückt irgendwo MÜ, und dann sagt er schon München, obwohl ich Münchberg in Franken meine. Das ist übrigens auch eine Gemeinheit. So ist es bei mir auch: Ich deute etwas an, und die Leute sind in der Lage, den Satz selber zu vollenden. Wenn die das machen, muss ich es doch nicht machen.

sueddeutsche.de: Aber Sie werden dann auch oft missverstanden.

Hildebrandt: Aber ja, aber das ist doch der Spaß. Komik entsteht durch Missverhältnisse, Spannung entsteht durch Missverständnisse, und Zorn entsteht durch Missstände. Es hat also immer etwas mit einem negativen Wort zu tun.

sueddeutsche.de: Erinnern Sie sich noch daran, dass Sie einmal zu einem der bestangezogenen Männer Deutschlands gekürt wurden?

Hildebrandt: Das ist ein Irrtum, ich wurde mal zum Krawattenmann der Republik ernannt. Der Bestangezogene kann nicht sein.

sueddeutsche.de: Doch, vom Deutschen Institut für Herrenmode in Köln, 1970 war das.

Hildebrandt: (lacht). Das ist mir völlig entgangen. Aber ich kann Ihnen das erklären. Wir hatten damals bei der Lach- und Schießgesellschaft immer Maßanzüge an, die uns ein Schneider hier in München zum halben Preis fertigte. Und diese Anzüge waren vom Feinsten. Das hat man uns auch immer vorgeworfen. Journalisten kannten mich von Pressefotos, und auf denen gehörte ich in der Tat zu den bestangezogenen Männern Deutschlands.

sueddeutsche.de: Ihre kabarettistische Laufbahn hat Sie sicherlich am stärksten geprägt. Aber Sie haben auch mal angefangen zu promovieren.

Hildebrandt: Ja, ich habe damit angefangen, dann starb mein Doktorvater, beziehungsweise er wurde emeritiert, Arthur Kutscher.

sueddeutsche.de: Welches Thema wollten Sie mit Ihrer Dissertation abhandeln?

Hildebrandt: Ich hätte über schlesisches Volkstheater schreiben sollen. Das Thema hätte mir auch gelegen, aber ich hätte für Material nach Breslau fahren müssen, und das durfte man damals nicht. Dann bekam ich einen anderen Doktorvater, und der schlug mir das Thema vor: "Das politische Theater im bayerischen Staatstheater." Das habe ich angenommen, habe mich bemüht und festgestellt: Das gibt es gar nicht. Also hat mich mein Professor verulkt. Da habe ich es dann sein lassen. Es kam dann ohnehin der Moment, an dem ich dann irgendwo hier in Schwabing aufgetreten bin, und da hatte ich dann auch keine Lust mehr, eine Doktorarbeit zu schreiben. Ich hatte auch nicht mehr das Gefühl, dass das noch nötig ist. Mein Vater meinte es wäre besser, wahrscheinlich wegen der Reputation und der Visitenkarte. Ich habe in meinem Leben noch nie eine gehabt - aber er wusste nicht, dass ich keine brauche.

sueddeutsche.de: Sie sind mit Werner Schneyder 1985 in die DDR gereist, fünf Vorstellungen gab es vor Publikum, eine vor Kollegen. Wie war das für Sie?

Hildebrandt: Ich hatte wahnsinnige Angst davor. Ich war 1964 zum ersten Mal in einer Kabarett-Vorstellung in der DDR, mitten in der kältesten Zeit des Kalten Krieges. Im Staatskabarett "Die Diestel" kannte ich alle persönlich. Das waren ganz wunderbare Menschen, mit denen man auch Kontakt hielt. Die "Pfeffermühle" war ja sowieso unsere Parallelveranstaltung in Leipzig, die Leute kannte ich persönlich zwar nicht, aber jeder wusste, wer der andere war. Und als wir uns dann 1985 trafen, dachte ich, wir hätten uns die ganze Zeit über getroffen. Ich hatte natürlich das Gefühl, dass sie unser Kabarett ablehnen und uns verachten würden, denn wir waren ja kein sozialistisches Ensemble, sondern in ihren Augen Bürgerliche. Und dann standen wir da vor 300 Kabarettisten der DDR, und mir wurde etwas flau. Bis ich nach den ersten Sätzen merkte, da saßen keine üblen Kollegen, die uns Böses wollten und sich gefreut hätten, wenn wir da durchgefallen wären, sondern die mochten uns, und zwar richtig. Und nach diesen zwei Stunden, nach dem Jubel und den Ovationen, da war ich ziemlich gerührt. Es war ein Moment, in dem ich zum Schneyder gesagt habe: Dafür hat sich der Beruf gelohnt.

sueddeutsche.de: Fallen Ihnen noch andere solche Momente ein?

Hildebrandt: Ich erinnere mich an einen Abend, der nach langen Vorbereitungen vollkommen zerstört worden wäre, falls wir nicht die Kraft gehabt hätten, es umzudrehen. Mit den Leuten von den Berliner "Stachelschweinen", die damals zum Besten gehörten, was es in Deutschland gab, hatten wir eine Gemeinschaftsveranstaltung verabredet. Von zwei Stunden hatten wir mindestens schon eine Stunde und zwanzig Minuten Text. Nur bezog sich das auf Berlin 1961 - und zwar auf die Zeit vor dem August. Dann kam die Mauer, acht Tage vor unserer ersten Probe. Ich habe schon gedacht, es würde Krieg geben. Gab es nicht, Gott sei Dank. Wir hatten keinen Text mehr, und in drei Wochen wäre die Live-Sendung gewesen. Also haben wir uns hingesetzt und Tag und Nacht gearbeitet.

Kaum einer hat geschlafen, und dann kam auch noch der Alkohol dazu, um uns etwas Düsenantrieb zu geben. Und dann kam die Vorstellung. Wir fühlten uns wie auf einem ganz schmalen Grat. Denn wir wussten nicht: Wie sensibel ist die Bevölkerung in Westberlin gegenüber dem, was wir zu sagen hatten? Unter anderem hatten wir in einer Nummer nachweisen können, dass der Stacheldraht, der durch die Stadt ging, aus Köln war.

Die Hysterie, die sich damals verbreitete, haben wir zum Anlass genommen, ein paar Flapsigkeiten zu verbreiten. Sie wurden jubelnd aufgenommen. Und das war ein Moment, wo mir die Westberliner direkt ans Herz gewachsen sind. Ich habe mir gedacht: Mein Gott, ihr seid doch nicht die Frontstadtidioten, ihr habt ja diesen Humor behalten. Es war ein Abend, der über uns zusammenschlug wie eine warme Welle. Wir waren glücklich.

sueddeutsche.de: Wir haben Ihre Programme mit denen heutiger Kabarettisten und Comedians verglichen und uns ist aufgefallen: Bei Ihnen kam kaum Sex vor. Warum eigentlich?

Hildebrandt: Mir ist Sex nicht so wichtig. Ich finde ihn teilweise an sich schon komisch. Aufgrund meines langen Lebens unter Männergesellschaften hasse ich Zoten. Ich bin noch Soldat gewesen, und alles was mit falscher Erotik oder Sex zu tun hat, habe ich aus meinem Berufsleben einfach verbannt. Hin und wieder, wenn es dramaturgisch notwendig war, haben wir dazu auch ein paar Sachen gesagt, aber es hat nicht unser Programm ausgemacht. Wir hatten kein Verhältnis zu den sieben Zoten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was der Krieg in Dieter Hildebrandt auslöste und was ihn auf eine Erotik-Messe verschlug.

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