Die letzte Party "Der halbe Club hat geheult"

Eingang in die Grinsekatze: Draußen reicht die Schlange bis raus auf die Grafinger Straße.

(Foto: Florian Peljak)

Das Areal, das von 1996 an Kunstpark Ost und später Kultfabrik und Optimolwerke hieß, ist nun Geschichte.

Von Thomas Becker

Boah, das ist ja Python, Alter." Der junge Mann hat Recht: ganz schön lange Schlange vor der "Grinsekatze". Bis raus auf die Grafinger Straße und noch ein paar Python-Längen ums Eck stehen die Katzen-Fans kurz vor Mitternacht an, um den definitiv letzten Rave in ihrem Lieblingsclub zu erleben. Brav harren sie aus, kein Motzen, kein Murren wegen der Warterei in der Kälte.

Sie wissen, dass sie alle reindürfen und dass es heute sowieso länger geht als offiziell erlaubt bis 5 in der Früh. Denn heute ist Abriss-Party auf dem Optimol-Gelände, alle müssen raus, auf Nimmerwiedersehen. Weil alles anders werden muss, verdrängt die Hochkultur die Subkultur. Und eines ist jedem klar: Es wird nicht nur reichlich Alkohol fließen, sondern auch jede Menge Tränen.

Das Areal, das von 1996 an Kunstpark Ost und von 2003 an Kultfabrik und Optimolwerke hieß und das die Baukräne längst umzingelt haben, ist nun also endgültig Geschichte. Kein Wunder, dass es da einer Frau wie Sabine Hörhager "das Herz zerreißt", wie sie bei einer Zigarette erzählt.

Die Kostümbildnerin und Modedesignerin ist respektive war die Betreiberin der "Grinsekatze", hatte zuvor aus der legendären "Milchbar" die "Mondscheinbar" gemacht und ist vor zwei Jahren in die "Katze" umgezogen - und viele Stammgäste sind mitgezogen, auch wenn die Musik eine ganz andere ist: Minimal und Proggy, der Oberbegriff zu dem erbarmungslosen Magengrubengewummer heißt Techno. "Unsere Gäste sind zwischen 18 und 22. Die lieben und leben die Katze und wollen sich heute von ihr verabschieden", sagt Hörhager, "für sie ist das ihr zweites Wohnzimmer - und für mein Team sowieso."

Deshalb will sie ihre rund 50 Angestellten zusammenhalten, um gleich das nächste Projekt anzugehen: "Am Montag habe ich einen Termin beim Nöth." Es geht um die neue Halle, die Wolfgang Nöth, der Urvater der Münchner Party-Szene, in Johanneskirchen ins Leben rufen will und die auch jemand betreiben muss.

Der Tag danach wird ziemlich spannend für Sabine Hörhager. Sie verschwindet hinter der Theke und vertraut Barkeeper Christopher den Besucher an. Der kann in Ruhe von seiner Chefin schwärmen und schon mal erzählen, was die nach Abschluss der Abschiedsparty noch erwartet: "Wir haben für die Bine zusammengelegt: Sie bekommt ein Wellness-Wochenende im Fünf-Sterne-Hotel. Das hat sie sich verdient! Bekommt sie dann am Morgen, wenn wir es mit ein paar Stammgästen ausklingen lassen. Wir müssen ja irgendwie einen Abschluss finden."

Ein paar Meter weiter stirbt der nächste Club mit einem Bäng, nicht mit Gewummer: im Gewitter von drei Stromgitarren und einer Schießbude. Im "Rumours" wird zu Live-Musik getanzt, als gäbe es kein Morgen. Dass einer vor der Tür dem soeben konsumierten Bier ganz ungeniert wieder freien Lauf lässt und das gegen die Clubwand - ja mei. Nebenan im "Club Chateau" tobt derweil eine polnische Party, mit dem größten Altersquerschnitt des Geländes.

Die Musik ist dann aber doch einen Tick zu polnisch. Weiter zu "Tante Erna", dem eher alternativen Electro-Laden. Betreiber Michael Meleschka steht am Einlass und berichtet von "Höhen und Tiefen". Schade sei es schon, dass da Subkultur verloren gehe, aber: "Lieber Kultur in Form einer neuen Philharmonie als der nächste Block mit Luxuswohnungen." Auch Martin, Ex-DJ im "Harry Klein", ist zwiegespalten: "Ich habe das geliebt hier, bin jedes Wochenende verrückt gegangen. Aber wenn man ehrlich ist, sind das doch nur noch Bauern-Discos. Und in manchen Ecken muss man aufpassen, dass man nicht in die Fresse kriegt."

Im Club der Theaterfabrik besteht die Gefahr nicht - da ist es fast leer. "Geht erst so um zwei los", brummt der Chef. Nebenan in der Theaterfabrik ist hingegen ordentlich Stimmung. An der Tür regelt Giuseppe den Verkehr. 19 Jahre lang hat er das jetzt gemacht, in sieben verschiedenen Clubs auf dem Gelände. "Eine Ära geht zu Ende", sagt er ein bisschen zu pathetisch. Für ihn geht es an der Tür zum "Neuraum" an der Hackerbrücke weiter. Aber wo gehen die paar tausend Kids künftig zum Feiern hin? "Ins ,Gute Laune' im Muffatwerk", sagen Alex und Eva, die wohl vielen aus der Seele sprechen: "Schon schade, dass all die Clubs jetzt weg sind."

Apropos Seele: In der "Grinsekatze" ist erst mittags um elf Uhr Schluss. Barkeeper Christopher hat natürlich durchgemacht: "Der halbe Club hat geheult", erzählt er am Telefon, "der DJ hat die Tränendrücker gespielt: ,Angels' von Robbie Williams und ,Morgen sehen wir uns wieder' von Andreas Gabalier. Alle haben die Feuerzeuge hochgehalten und uns abgefeiert. Es war sehr emotional." Klingt doch nach einem würdigen Abschluss nach 22 Jahren Kunstpark. Und die Katze grinst dazu.