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Debatte um zwei neue Hochhaustürme für München:Die Bochumisierung an der Paketposthalle

Dem Investorenprojekt bringen SZ-Leser viel Misstrauen entgegen. Vor allem aber sehen sie gar keinen Bedarf für so viel neuen Büroraum

Entfachen die Münchner Hochhausdebatte gerade neu: die geplanten Hochhaustürme an der Paketposthalle. Simulation: Herzog & De Meuron

"Höchst umstritten" und die Kommentare "Ein Ja zum Hier und Jetzt" sowie "Ein zu simpler Effekt" vom 13. November über das Münchner Doppel-Hochhausprojekt an der Paketposthalle:

Simulanten

Architekten sind mitunter Simulanten, sie täuschen zwar keine Krankheit vor, aber eine Architektur, die weit entfernt ist von dem, was sie auf dem Papier vorschlagen. Die beiden 155 Meter hohen Türme der renommierten Architekten Herzog & de Meuron, die bei der Paketposthalle am Hirschgarten entstehen sollen, sind auf den ersten Blick eine schwebende, transparente, elegante Konstruktion, wenngleich in konventioneller Stockwerksstapelung. In dem abgebildeten Entwurf löst sich die Architektur fast auf in ihrer zart hingestrichelten Substanzlosigkeit. Diese simulierte Lichtgestalt wird aber mit Sicherheit der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Am Ende erscheint der fertige Bau als der sattsam bekannte, stumpf endende und dunkle Vierkantbolzen, nur eben sehr viel höher. Und das weithin sichtbar in einer denkmalgeschützten Umgebung von Schloss Nymphenburg.

Es ist zu befürchten, dass der Investitionsstau nach Corona das Projekt befördert, die üblichen Meckerer wie gehabt ignoriert werden, das Ende der Verschnarchtheit Münchens sogar begrüßt wird. Im Rathaus werden die Einwände zerredet, dann wird gebaut. Und vielleicht wird dann nach längerer Zeit eine Postkarte geschrieben mit folgendem Inhalt: "Liebe Mama, München ist sehr schön. Es erinnert mich an unser Bochum." Eckart Bergmann-Tafferner, München

Frischluftsperre

Gehe gerne im Nymphenburger Schlosspark spazieren. Da sehe ich dann auch den O₂-Tower in etwas weiterer Entfernung, muss dann aber schon genauer hinblicken. Schaue dann lieber auf Bäume und Kauz in der Eiche an der Badenburg. Die eigentliche Frage scheint mir, ob dadurch nicht weiter eine Frischluftzufuhr vom Westen in die eng bebaute Innenstadt abgeschnitten wird. Die ehemals freien Flächen entlang der Bahntrassen sind auch schon alle zugebaut, da hätte man ja mehr Grün planen können. Volker Meid, München

Rücksichtslose Architektur

Man muss beileibe kein Denkmalschützer sein, um die im Auftrag des Großinvestors Büschl von Herzog & de Meuron geplanten konkaven und als "Energienadeln" apostrophierten Zwillingstürme als "stadtbildverändernd" zu empfinden. Darüber kann auch das raffinierte Rendering der Architekten mit den im lichtgrauen Himmel sich verschmelzenden und transparenten Turmfassaden nicht hinwegtäuschen. Die Doppeltürme sind in der Realität keine transluzenten "Energienadeln", sondern massive Stacheln im Fleisch des Altmünchner Höhenprofils im Stadtteil Neuhausen-Nymphenburg, die sehr lange Schatten werfen und omnipräsent wahrgenommen werden.

Es ist eine Sache, dass ein stadtbekannter Investor ein in Teilen mit der denkmalgeschützten Paketposthalle belastetes Postgrundstück erwirbt und dort profitabel Wohnungen und Büros errichten will. Ein anderer Aspekt ist allerdings, dass hierbei mithilfe weltbekannter Architekten die Umgebungsarchitektur geradezu himmelschreiend vergewaltigt werden soll. Diese formal nicht zu kritisierenden Türme sind nicht nur eine Missachtung üblicher und erhaltenswerter Maßstäbe an diesem Ort, sondern sie fördern durch ihr Imponiergehabe an dieser Stelle die gewünschte Präpotenz des in jeder Hinsicht "abgehobenen" Projektes. Diese prinzipiell rücksichtslose Investorenarchitektur wird zusätzlich dafür verantwortlich sein, dass durch aufwendigste Architektur die negativen Auswirkungen der klimaschädlichen Höhenentwicklung mit exorbitant steigenden Wohnungskosten die bisherige Spaltung der Stadtgesellschaft zunehmend zementiert.

Auch in diesen Türmen kann sich letztlich nur wieder eine superreiche Spezies mit Abschreibungs-Steuermillionen eine Wohnung leisten und den freien Alpenblick genießen. Wo also bleibt hier der gesellschaftliche Benefit eines solchen planungsrechtlich fragwürdigen Zugeständnisses?

Womit wir bei Gerhard Matzig sind, der sich in seinem lesenswerten Beitrag "Von Riesen und Zwergen" mit dem generellen Beteiligungsrecht bei Bauplanungen auseinandersetzt, insbesondere der in den letzten Jahren in Mode gekommenen Bürgerbeteiligung. "Alle Welt ist froh, dass es dieses eigentümliche Stück Architektur an der Isar gibt", meint Matzig, und beruft sich unter anderem auf Maximilianeum, Ludwigstraße und Karolinenplatz, die lange vor der heute geforderten Partizipation durch monarchisch agierende Bauherren entstanden sind und ohne diese und andere visionäre Bauwerke München ein "kleiner, lächerlicher Ort an einer Furt" wäre.

Das ist mal eine klare Ansage und eine Philippika gegen die als Allheilmittel benannte Hochhausstudie und die damit verbundene Bürgerbeteiligung. Aber auch Herr Matzig als profunder Romtourist und -kenner sollte sich dessen bewusst sein, dass in der vielfach größeren römischen Innenstadt bis heute und zukünftig keine Bebauung zulässig war und ist, die das Höhenprofil der Antike, Renaissance und des Barock wesentlich übersteigen würde. Und niemand würde Rom deshalb als "lächerliche provinzielle Furt" am Tiber verächtlich machen. Bernhard Schubert, München

Digitalisierung und Heimbüros werfen eine akute Frage auf: Müssen wirklich noch Hochhaus-Klimamonster gebaut werden?

Es gibt weder von der Ästhetik, noch von der Wirtschaftlichkeit oder gar von der Nachhaltigkeit her sinnvolle Gründe für diese Hochhaustürme. Der einzige Aspekt ist die Aussage, dass München "endlich" auch solche Türme braucht, weil es andere Metropolen gibt, die einen solchen Schwachsinn schon realisiert haben. Das Projekt ist mindestens drei großen Problemkreisen ausgesetzt: Nach der Corona-Pandemie wird es nicht nahtlos so weitergehen, wie das Jahr 2019 endete; die Klimakrise fordert von uns verstärkt Nachhaltigkeit und Effizienz; die Digitalisierung hat sich durch die Corona-Einschränkungen schneller durchgesetzt, als man es erwartet hat - viele Büros reduzieren sich bis auf 30 Prozent ihrer ehemaligen Fläche. Der Markt für Büroflächen wird sich grundlegend ändern. Braucht München dann zwei 150 Meter hohe Türme mit neuem Büroraum?

Auch unter dem Gesichtspunkt der Ästhetik ergeben sich viele Fragenzeichen. Muss man wirklich die Protzereien gewisser Schwellenländer in München wiederholen? Gibt es da nicht bessere Alternativen? Was in der Zeitung mit zarten Strichen angedeutet wurde, gibt es doch schon in Dubai, vermutlich auch in Singapur. Diese leicht korkenzieherartige Bauweise ist doch nichts bahnbrechend Neues.

Niemand zwingt den Bauherrn, gewerbliche Räume in die Höhe zu bauen. Wenn Hochhäuser von 150 Meter Höhe ein städtisches Bild vermitteln sollen, muss um den Fuß der Hochhäuser viel offener Raum zur Verfügung stehen. Wenn viel Raum da ist, kann man auch anders bauen. Hochhäuser sind eine Alternative dort, wo es an Fläche fehlt und wo bestehende Ensembles sinnvoll erweitert werden können.

Hochhäuser sind weder nachhaltig noch effizient. Der Flächenbedarf für Infrastruktur ist gigantisch. Ein Treppenhaus existiert aus Sicherheitsgründen, ist kaum belüftet und wird deshalb im Alltag nicht genutzt (toter Raum). Aufzüge, Müllschlucker und die Ver- und Entsorgungskanäle müssen nach unten immer mächtiger werden, um die Versorgung sicherzustellen und um dem Abfall, den Brauchwassermengen und den Fäkalien Herr zu werden. Wenn das Nutzungsverhältnis schon unwirtschaftlich ist, kann man sich die verheerende Wirkung auf die künftige Nebenkostenabrechnung vorstellen. Die große Mehrzahl der Hochhäuser wird in Betonbauweise errichtet. Die Flächen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt sind, werden im Sommer unvorstellbar heiß. Beton sammelt die Hitze und gibt diese nach zwei bis drei Tagen nach innen ab. Es gibt Fachleute, die eine Beschattung und Erwärmung von Hochhäusern simulieren können. Sie wissen, welcher gewaltige Energiebedarf notwendig ist, um den beschriebenen Effekt zu minimieren. Dazu braucht es hochdimensionierte, teure Technik. Mit dem Energieverbrauch könnte man vermutlich ein ganzes Stadtviertel versorgen.

Bei einer Höhe von 150 Meter lassen sich auf den Etagen keine Fenster mehr öffnen. Die gesamte Be- und Entlüftung erfolgt über energiefressende Klimaanlagen. Wenn etwa in Corona-Zeiten der Hepa-14-Filter ausfällt oder wegen Überlastung wirkungslos wird, nützen auch 1,5 Meter Abstand und Mund- und Nasenschutz nichts mehr. Dann ist das Hochhaus ein Hotspot ersten Ranges. Die zu beobachtende Flächenbedarfsfreisetzung durch Digitalisierung einerseits und die zusätzlichen Flächen, die die Türme andererseits bereitstellen werden, dürften den bisherigen nachfrageorientierten Marktzustand in sein Gegenteil kehren. Damit muss die Rentabilität der Türme neu beurteilt werden. Das Projekt könnte sich als eine Investition zur falschen Zeit am falschen Ort erweisen. Dr. Volker Frühling, Olching

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© SZ vom 18.11.2020

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