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Das ist schön:Keine Angst vor Strindberg

Ein abgesagter Filmball und ein gefeierter Ladies Art Lunch

Von Susanne Hermanski

Der Filmball ist abgesagt. Und nur wer weiß, was hinter den Kulissen schon für Kämpfe tobten, ihn überhaupt in München zu behalten und nicht an Berlin zu verlieren, der erfasst jede Dimension dieser Entscheidung. Die Begründung für die Absage ist doppelt bitter. Die Branche sei nach den Verheerungen, die sie infolge der Pandemie erleidet, nicht in der Stimmung zu feiern - selbst wenn noch so ausgeklügelte Hygienekonzepte eine Art von Fest noch hätten denken lassen.

Das ist elend. Wer soll den Menschen in den Zeiten der Krise Ablenkung, Trost, Zerstreuung bieten, wenn nicht die Produkte der Traumfabrik? Was, wenn auch noch den Gauklern das Scherzen und den Stars das Strahlen vergeht? Und das noch dazu mit einem Vorlauf von vier ganzen Monaten? Denn üblicherweise findet der "Filmball der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio)" - so heißt er in Gänze - immer in der zweiten Januarhälfte statt. Zeitlich eng verbunden mit der Filmwoche, in der die neuen Filme der nächsten Saison von den Verleih-Firmen den Kinobetreibern vorgestellt werden. Und ebenso zeitnah angedockt an die Verleihung des Bayerischen Filmpreises, für dessen stets liebevoll ausgerichtete Zeremonie das auch nichts Gutes verheißt.

In solchen Momenten labt man sich an jeder Veranstaltung, die doch gewagt wird. In dieser Woche - gerade noch rechtzeitig vor neuerlichen Verschärfungen der Corona-Regeln durch die Stadt München - war das der "Ladies Art Lunch" von Sonja Lechner. Die Kunsthistorikerin mit eigener Beratungsfirma ist schon seit Jahren eine der positivsten, quirligsten Akteurinnen der Münchner Kunstszene. In all der Zeit hat sie sich vor allem für eines eingesetzt: ein funktionierendes, lebendiges Frauennetzwerk im Bereich der Kultur. In dieser Woche hat sie, unter strenger Einhaltung sämtlicher Regeln und aufgeteilt in drei Etappen (zwei sollen im Oktober folgen), ihr traditionelles Frauentreffen durchgezogen.

Bei ihrer Rede im Münchner Kunstverein - geführt von einer Mitstreiterin in Sachen Mut Maurin Dietrich, und unterstützt von einer Schar nicht weniger mutigen Sponsoren - zitierte sie Walter Benjamin aus dessen Werk "Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus". Darin sagt der Philosoph: "Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ,so weiter' geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene." Nun mag sich jeder selbst mit diesen klugen Sätzen beschäftigen und zu einem persönlichen Schluss finden. Und wem das schon zu anstrengend scheint, den entpflichten wir daraus, nun Strindbergs Gedanken weiterzulesen: "Die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde - sondern dieses Leben hier." Ist das nicht schön?

© SZ vom 26.09.2020

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