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Vom Industriegelände zum Kunstquartier:Alles machbar, Herr Nachbar

Um die leer stehende Papierfabrik kulturell nutzbar zu machen, muss die Stadt Dachau erst einmal Millionen investieren. Eine gute Gestaltung im Industrie-Ambiente ist aber mit relativ geringen Mitteln möglich: Die tschechische Stadt Pilsen macht es vor

Neun deutsche Städte bewerben sich darum, 2025 europäische Kulturhauptstadt zu werden. Dachau ist nicht darunter, dafür ist die Stadt zu klein. Macht aber nichts. Die kleine Kulturstadt an der Amper kann sich trotzdem etwas abschauen, nämlich von der Stadt Kulturhauptstadt 2015, der Stadt Pilsen in Tschechien. Sie liefert eine Blaupause für die Dachauer Papierfabrik, die irgendwann - vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren - ein Museumsforum und ein Jugendkulturzentrum werden könnte, das jungen Künstlern einen Raum zum Proben gibt, für Musik, für bildende Kunst und Theater. Die alte Kalanderhalle böte dafür immerhin knapp 1000 Quadratmeter Nutzfläche für junge Künstler.

Eine Machbarkeitsstudie der Stadt liegt seit 2016 vor - mit positivem Ergebnis: Grundsätzlich ist das Vorhaben realisierbar, wenngleich es noch viele Stolpersteine und offene Fragen auf dem Weg zur Realisierung gibt. Die Investitionskosten werden auf mehr als 20 Millionen Euro geschätzt, das ist eine Menge Geld, auch für die Große Kreisstadt Dachau. Noch vor der Sommerpause soll das Thema im Kulturausschuss der Stadt wieder aufs Tapet kommen: Dann ist eine der großen Knackpunkte vielleicht schon beantwortet: nämlich welchen Marktwert das alte Industriedenkmal hat, das die Stadt erst noch ankaufen müsste.

Wer sich die Mühe macht, drei Stunden Richtung Nordosten zu fahren kann sich schon jetzt spannende Anregungen holen - nämlich vom "Depo 2015", in dem mehr als hundert Jahre lang Pilsens Straßenbahnen abgestellt und gewartet wurden. Vor drei Jahren wurde der alte Komplex dauerhaft in ein Kulturzentrum umgewandelt, das sowohl als Ausstellungsort, Kreativraum und Begegnungsort dient. Im "Makerspace", einer Art Werkstattatelier, kann sich jeder als Künstler austoben: Es gibt diverse Gerätschaften, Werkzeuge und Maschinen inklusive 3-D-Drucker, in einer Halle kann man Tischtennis spielen, Kinder rattern in Tretautos über den Beton - nicht die marktüblichen Bobbycars, sondern originelle Eigenproduktionen aus Plastiktonnen mit Rädern und Mülltonnendeckel als Heckluke. Es gibt Arbeits- und Bastelräume für die Kleinen und nebenan, in einem Café mit Loft-Atmosphäre, kann man sich in gemütlichen Sessel bei Kaffee und Kuchen über Gott und die Welt unterhalten. Tageslicht, das durch große Oberlichter fällt, sorgt für Behaglichkeit im Industrie-Ambiente, ebenso der helle Farbanstrich, Graffiti und Lichtinstallationen, bunte Möbel und Pflanzen. Stellwände, Galerien und gläserne Kabine, die als kleine Werkstätten oder Showrooms dienen, strukturieren den Raum; eine separate, kleinere Halle wird als Theatersaal genutzt. Dazu gibt es Ateliers, Proben- und Bastelräume.

Natürlich lassen sich die Verhältnisse von einem Objekt nie eins zu eins übertragen, doch es gibt genügend Gemeinsamkeiten bei Depot und Fabrik, sowohl im Atmosphärischen wie in konkreten Raumsituationen. Beide Kulturstandorte liegen zentral in der Stadt, beide bieten viel Fläche, die sich multifunktional nutzen lässt, und beide liefern mit ihren industriellen Relikten Anknüpfungspunkte für originelles Design, das keineswegs teuer sein muss: Die Theke im Depo-Café besteht aus alten Eisenschränken, über die man eine Holzplatte montiert hat, die Barhocker sind selbst zusammengeschweißt. Um die Wärme im Raum zu halten, sind die Durchgänge mit den fabriküblichen transparenten Streifenvorhängen aus Kunststoff ausgestattet. Auch in der Papierfabrik finden sich noch allerhand urige Relikte, mit denen sich einiges anstellen ließe: Schaltschränke, Hinweistafeln, Kabinen und labyrinthisches Rohrsysteme.

Wichtig ist auch immer das Entrée: Schon beim Betreten des Depo-Geländes fällt ein krummer, rostiger Turm mit ornamental gestanzten Löchern ins Auge, ein Kunstwerk, das man auch als Aussichtsplattform nutzen kann. Eine enge Wendeltreppe führt bis ganz nach oben. Von dort hat man einen schönen Überblick über das ganze Gelände. In Dachau müsste man so etwas nicht erst bauen. Der denkmalgeschützte Wasserturm, ein Dachauer Wahrzeichen, das ein Teil der Bürger ganz super und der andere ganz furchtbar findet, böte eine großartige Aussicht.

Vor drei Jahren entwickelte der Dachauer Student Florian Alexander Fuchs für seine Bachelor-Arbeit an der Akademie der Bildenden Künste ein Nutzungskonzept, das ein Barbecue-Restaurant mit offenen Grills und Räucheröfen nach amerikanischer Art vorsieht. Das wird wohl eine Utopie bleiben, aber als emblematische "Landmarke" könnte der 31 Meter hohe Turm noch eine tragende Rolle spielen.

Als Ausstellungsort funktionieren die hohen Hallen mit ihren riesigen Wandflächen auch, das kann man in Pilsen schön sehen - für klassische Kunst, für Graffiti sowieso und auch für Installationen von etwas rauerem Charakter. So hängt im Pilsener "Depo" ein fein filetiertes, mit Farben mariniertes Auto an der Wand, sodass man durch das abgesägte Dach, in das geschlachtete Fahrzeug schauen kann. "So ein Industriegebäude hat schon seinen besonderen Charme", sagt Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider. "Das sieht man ja auch an anderen Orten."

Unter dem Dach der Papierfabrik könnte die ganze Dachauer Museumslandschaft neu gebündelt werden: Gemäldegalerie, Neue Galerie, Bezirksmuseum und ein vom Bezirkstag mitgetragenes Arbeiter- und Industriemuseum, das den "Menschen und seine Arbeits- und Lebensbedingungen vom 18. Jahrhundert" in den Mittelpunkt stellt. Für die Gemäldegalerie ist ein eigenes, neues Gebäude geplant, in dem man auch ein Café unterbringen könnte. Angesichts des Wandels in der Museumslandschaft ist diese Bündelung eine Idee, die der Kulturamtsleiter "sehr interessant" findet. "Man weiß ja nicht, was in zehn oder 20 Jahren ist." Und auch wenn er die Bedenken der Kritiker nicht teilt, die fürchten, dass dann noch weniger Leute in die Altstadt kommen, hat er großen Respekt vor dem Projekt Museumsforum. "Wenn das so kommt, wird das eine Jahrhundertaufgabe."

In Pilsen sieht man, dass es sich lohnt, wenn nicht alles unter einem Dach ist: Im Freien stößt man auf einen Kleinwagen, der sich unter einem Schildpanzer rechteckiger Spiegel versteckt - direkt neben der Zapfsäule einer aufgegebenen Tankstelle. So wird das Gelände künstlerisch bespielt, wo es andernorts bloß mit Kunstobjekten dekoriert wird. Ob man einem Areal, in das man so oder so eine Menge Geld steckt, am Ende noch so viel anarchische Rauheit zugesteht, ist fraglich. Aber auch an der Papierfabrik soll Kunst unter freiem Himmel möglich sein, wenn auch nicht in dem Umfang, wie man es 2017 beim "White Paper Festival" auf dem Gelände erstmalig erleben konnte. Durch einen Durchbruch vom Altstadtberg zum MD-Gelände wird man künftig auf einen Platz gelangen, den sich Schneider auch gut als Open-Air-Konzert-Bühne vorstellen könnten. Nicht als Ersatz, sondern als Komplementär zu den beliebten Freiluftkonzerten am Rathausplatz vor Altstadtkulisse.

Angesichts des jahrelangen Stillstands auf dem Gelände wirkt das alles fast wie Eine Utopie, doch das ist es nicht. "Das ist schon alles sehr greifbar und realistisch", sagt Tobias Schneider. "Aber nun müssen erst mal eine ganze Reihe von Arbeitsfeldern abgearbeitet werden." Und das kann dauern. Und es wird lange dauern.

© SZ vom 03.03.2018
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