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Stadtratsantrag:Weniger Parkplätze - weniger Verkehr

Das Bündnis für Dachau erregt mit seinem Wunsch, jährlich 400 Stellplätze in der Kreisstadt abzubauen, den Unmut vieler Bürger. Studien belegen, dass Parknot hilft, Verkehr zu verringern

Es ist kein Antrag, mit dem man sich Autofahrer zu Freunden macht. Das Bündnis für Dachau fordert, jährlich zwei Prozent der Parkflächen in der Stadt abzubauen. Wie lange? So lange, bis sich die Stadträte darauf einigen, dass es genug ist. Zwei Prozent, überschlägt Stadtrat Michael Eisenmann, das wären bei etwa 20 000 Stellplätzen in der 47 000-Einwohner-Stadt 400 Plätze im Jahr. Das in einer Stadt, in der fehlende Parkplätze ohnehin eines der größten Aufregerthemen sind. Eisenmann legt nach: Auch die Stellplatzsatzung möchte seine Fraktion anpassen lassen, also nach unten korrigieren. Zwei Stellplätze zu schaffen ist derzeit Pflicht beim Bau von Wohnungen mit mehr als 95 Quadratmetern Fläche. Büros oder Arztpraxen müssen pro 30 Quadratmeter einen Stellplatz ausweisen.

"Jedem ist klar, dass wir weniger Autoverkehr brauchen", sagt Eisenmann. Seine Gleichung: weniger Parkplätze, weniger Verkehr. Dasselbe gilt für Straßen. Das ist kein frommer Wunsch, sondern gilt bei vielen Verkehrsentwicklern und Stadtplanern als gesetzte Tatsache. Gestützt von Forschungen, Studien und Beispielen. "Durch ... höhere Parkgebühren und die Reduzierung des Parkraumangebots können Autofahrer bewegt werden, private und weiter entfernt liegende Stellplätze zu nutzen und auf nachhaltigere Verkehrsmittel umzusteigen", heißt es beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin. In einem Beitrag von 2011 empfiehlt der Difu-Forscher Tilman Bracher Kommunen die konsequente Parkraumbewirtschaftung. Sie sei ein geeignetes Lenkungsinstrument, um Parksuchverkehr zu verringern. "Da Stellplätze auch Verkehr erzeugen können, ist darüber nachzudenken, eine Überzahl an Plätzen mit einer Verkehrsabgabe zu belegen", schreibt Bracher.

In Zürich werden Autofahrer durch ein geringes Parkangebot aus der Stadt ferngehalten

Ähnlich liest sich ein Bericht junger Forscher an der Technischen Universität München (TUM). Die Forschergruppe hat sich die Städte München und Zürich näher angesehen. Die Schweizer 370 000-Einwohner-Metropole hat demnach seit 1990 keine Parkplätze mehr geschaffen. Autofahrer würden "durch ein geringes Parkangebot aus der Stadt ferngehalten", heißt es im Forschungsbericht "Mobilität in der Stadt" von 2011. Weiter stellen die Forscher fest: "Ein Überangebot an Straßen verursacht ein höheres Verkehrsaufkommen, ein Unterangebot kann hingegen den Verkehr senken." Angeführt werden Beispiele aus München und Wien. Im Januar 2016 hat das amerikanische Institut State Smart Transportation Initiative zusammen mit Forschern der University of Connecticut eine Studie präsentiert, laut der ein Zusammenhang zwischen dem Angebot an Parkplätzen und der Dichte des Verkehrs besteht. Viele und billige Parkplätze erzeugen demnach mehr Verkehr.

Das Bündnis für Dachau möchte mit seinem Antrag auch eine gerechte Flächennutzung erreichen. Der Platz, der Autofahrern entzogen würde, käme Fußgängern, Radfahrern und dem öffentlichen Nahverkehr zugute und könnte nicht zuletzt schöner gestaltet, mit Bäumen bepflanzt, als Grünfläche genutzt werden. Die sogenannte Aufenthaltsqualität würde also erhöht - ganz so, wie es das Dachauer Leitbild Mobilität vorsieht. Zudem entstünde mehr Gerechtigkeit. Auch das ist ein Anspruch des Bündnis-Antrags, der längst von Verkehrsexperten erhoben wird. Difu-Mitarbeiter Bracher schreibt: "Priorität sollten gerechte Mobilitätschancen für alle haben ... und nicht die einseitige Privilegierung des Autoverkehrs".

Die TUM-Forscher Simon Eberle, Martin Kaumanns, Tim Lauer, Katharina Schaar und Paul Stursberg beklagen einen anhaltenden einseitigen Lobbyismus für den Autoverkehr. Bereits kurz nach der Einführung des Automobils habe dieses "Sonderrechte auf den vorher von allen genutzten Wegen" erhalten. Seit den Sechzigerjahren wurde demnach der "Verkehrsfluss zum Nachteil für andere Fortbewegungsarten für Autos optimiert". In den Autoverkehr werde unverhältnismäßig viel mehr öffentliches Geld gesteckt als in andere Verkehrsarten. Bedauernd stellen die jungen Forscher fest: "Die Bevorzugung des Autos ist leider inzwischen in den Köpfen der Menschen weit verankert und wird meist einfach hingenommen."

Das Bündnis will den Fokus verschieben. Dass die Dachauer dazu grundsätzlich bereit sein könnten, zeigen einige Kommentare auf Facebook. Einige reagieren zwar wütend und fühlen sich gegängelt. Mehrfach wiederholt taucht jedoch die Forderung nach einem besseren und zuverlässigen Nahverkehr auf. Dann, so schreiben einige, könnten sie ihr Auto stehen lassen. Bisher aber seien sie mit dem Auto deutlich schneller. So wünscht sich ein User einen Zehn-Minuten-Takt auf allen Linien und mehr Umsteigemöglichkeiten auch abseits des Bahnhofs. Auch die Forderung nach einem S-Bahn-Halt vor der Stadt mit Parkhaus kommt auf.

© SZ vom 23.01.2018

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