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Sledge Eishockey:Im Höchsttempo

Dachau entwickelt sich zum Trainingsort für gehbehinderte Eishockey-Spieler aus ganz Süddeutschland. Der Verein Woodpeckers baut eine Mannschaft für den Freistaat auf

Von Petra Neumaier, Dachau

Geschenkt wird sich nichts! Laut krachen die Schläger aufeinander, zischt der Puck über das Eis, knallen die Spieler gegen die Bande. Angefeuert vom Publikum folgt Angriff auf Angriff. So rasch und geschickt drehen sich die Spieler auf dem Eis, so schnell wird von einem zum anderen gepasst, dass man kaum mit dem Auge hinterher kommt. Eishockey ist an sich schon spannend. An den beiden Spieltagen der Deutschen Sledge-Eishockey-Liga am Wochenende in Dachau kommt noch eine gehörige Portion Respekt hinzu. Die Sportler, die aus ganz Deutschland angereist sind, sitzen in Schlitten: festgeschnallt mit ihren kranken Beinen oder mit dem, was nach Unfall oder Krankheit von ihnen übrig geblieben ist.

Ihre Arme sind ihre Beine. Kräftig rudern die Spieler damit über das Eis, schieben sich, mit Hilfe der scharfen Kanten am Ende des kurzen Eishockeyschlägers, vorwärts mit einer unglaublich hohen Geschwindigkeit. Geschickt verlagern die Spieler das Gewicht ihres Oberkörpers, der in der Plastikschale über den kleinen Kufen sitzt: Weite Kurven, enge Wendungen, schnelles Abbremsen, Gleichgewicht halten! Vor allem beim Schlagen des Pucks ist das eine Kunst. Hugo Rädler, Arzt am Klinikum Großhadern, schaut dem Spiel nicht nur begeistert zu. Er ist einer der Spieler. Heute geht er für Langenhagen aufs Eis. Weil es in ganz Süddeutschland kein Team gibt, für das er antreten könnte. Darum hat er auch mit dem Dachauer Eishockeyverein "Woodpeckers" die Gründung eines Stützpunktes und eigenen Teams in Süddeutschland für diese Sportart initiiert.

Sledge-Eishockey heißt diese Sportart, die 1968 von den Schweden eingeführt wurde und vor 21 Jahren Deutschland erreichte.

(Foto: Toni Heigl)

Erst vor 21 Jahren erreichte Sledge Eishockey Deutschland

Bereits vor einem Jahr spielte die Deutsche Sledge-Eishockey-Liga in Dachau - ein Probelauf, um zu schauen, wie die im Jahr 1968 von den Schweden eingeführte Sportart, die vor 21 Jahren Deutschland erreichte, im Süden des Landes ankommt. Das Angebot ist erst im Entstehen, aber der Vorsitzende des Eishockeyvereins, Stefan Steurer, und Hugo Rädler sind zufrieden mit dem stetig wachsenden Interesse.

Unter den Spielern ist Andreas Wagner, der aus Bad Wiessee angereist ist und für Dresden spielt. Für den 55-Jährigen und von Geburt an Querschnittgelähmten ist die neue Sportart "endlich eine Abwechslung zum Rollstuhlbasketball". Für Hugo Rädler ist sie hingegen ein Stück Rückkehr zu seinen Wurzeln: Vor seinem Unfall vor fünf Jahren, bei dem er beide Beine verlor, war er leidenschaftlicher und aktiver Tennis- und Eishockeyspieler - seine Schlittschuhe schnürte er sogar fünf Jahre lang in der amerikanischen Hobbyliga. Vor zwei Jahren schaute der 38-jährige Münchner dann mehr oder weniger zufällig bei einem Sledge-Eishockey-Spiel in Bad Tölz vorbei - und war begeistert. "Als Kind Schlittschuhlaufen zu lernen, war schwieriger", sagt Hugo Rädler lächelnd, gibt aber doch zu, dass man sich anfangs "ganz schön wackelig" auf dem Schlitten fühle.

Der 38-jährige Arzt Hugo Rädler hat schon vor seinem Unfall Eishockey gespielt.

(Foto: Toni Heigl)

"Die Bedingungen und die Unterstützung in Dachau sind optimal", sagt ein Spieler

"Weil hier die Bedingungen und die Unterstützung optimal sind", so sagt Rädler, begann er in Dachau im eigenen Schlitten zu trainieren. Dienstags und samstags zu Trainingszeiten, wenn nicht so viel los ist und er einen eigenen, kleinen Bereich abgesperrt bekommen kann. Kaum dabei, spielt Hugo Rädler seit einem Jahr selbst in die Nationalmannschaft. Was der bescheidene Sportler sich selbst und seiner Geschicklichkeit jedoch nicht sonderlich hoch anrechnet. "Es gibt nicht so viele Sledge-Eishockey-Sportler", sagt er bloß. Darum sind an diesem Wochenende beim Ligaspiel fast nur Nationalmannschaftsspieler auf dem Eis zu sehen. Doch genau das, hofft Rädler, ist vielleicht besonders für junge Menschen mit einer Geh-Einschränkung ein Anreiz, sich der Sportart und dem im Aufbau befindlichen Team in Dachau anzuschließen. Trainingslager und Teilnahmen an Europa- und Weltmeisterschaften sowie den Paralympics rund um den Erdball sind schneller als anderswo erreicht.

Gespielt wird dreimal 15 Minuten - weil die Mannschaften klein sind, es keine bis nur wenige Auswechselspieler gibt und das Spiel viel Kraft und Kondition braucht, sind die Zeiten verkürzt. Sind Frauen in einer Mannschaft, bekommt das Team einen Feldspielerbonus. Willkommen sind auch "reine Fußgänger", die das schnelle Spiel auf dem Eis im Sitzen ausprobieren wollen. "Ein hervorragendes Fitnesstraining für die Muskulatur der Arme, des Rückens und des Gleichgewichts", bestätigen die Spieler. Der Dachauer Verein stellt sogar Leihschlitten und Ausrüstung zur Verfügung. Einzig bei Ligaspielen dürfen ausschließlich die gehandicapten antreten.

Für Andreas Wagner (rechts) ist Sledge-Eishockey eine willkommene Abwechslung zur Rollstuhl-Basketball.

(Foto: Toni Heigl)

Stefan Steurer ist zuversichtlich, was die Realisierung des Stützpunktes in Süddeutschland betrifft. "Wir hoffen, dass wir bereits im nächsten Jahr eine Spielgemeinschaft Bayern aufs Eis bekommen", sagt er.

Ergebnisse der beiden Spieltage: Weserstars Bremen - ESC Dresden 4:6; Ice Lions Langenhagen - Spielgemeinschaft NRW 3:2; Weserstars Bremen - Ice Lions Langenhagen 4:3 (n. Verl.); Spielgemeinschaft NRW - ESC Dresden 4:3

© SZ vom 13.02.2017

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