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Prozess:Die Existenz auf Lügen aufgebaut

Serienbankräuber wird am Landgericht zu einer Haftstrafe von neun Jahren und zehn Monaten verurteilt

Ein Abhängiger, der täglich Marihuana, Kokain und Alkohol in rauen Mengen zu sich nimmt und irgendwann beschließt, Banken auszurauben, um neben seinem Lebensunterhalt auch seinen Drogenkonsum zu finanzieren - das ist das Bild, das die Verteidigung von dem Münchner zeichnete, der zwischen Mai 2016 und Dezember 2018 die Region in Atem gehalten hatte. Beim Überfall auf neun Banken in München sowie den Landkreisen Dachau, Freising, Erding, Fürstenfeldbruck, Pfaffenhofen und Landshut hatte er insgesamt 218 000 Euro erbeutet. Staatsanwalt Achim Kinsky dagegen sprach von einem "hochintelligenten, hochmanipulativen" Angeklagten, der sein ganzes Leben damit verbracht habe, zu lügen und zu täuschen. Er sah in dem 40-Jährigen keinen Drogenabhängigen, sondern einen "Aufschneider, der sich gerne größer macht, als er ist".

Die sechste Strafkammer des Landgerichts Landshut unter Vorsitz von Richter Ralph Reiter teilte im Wesentlichen die Einschätzung des Staatsanwalts und blieb nur einen Monat unter der von ihm geforderten Strafe. Das Gericht verurteilte den geständigen Bankräuber zu neun Jahren und zehn Monaten Haft. Die Unterbringung in einer Drogenentzugseinrichtung, die der Verteidiger des Angeklagten beantragt hatte, ordnete die Kammer nicht an. Der vom Angeklagten angegebene massive Drogenkonsum habe sich nicht "objektivierbar beweisen lassen". Auch das Gutachten einer psychologischen Sachverständigen ergab diesbezüglich keine eindeutigen Beweise.

Für eine Unterbringung müsse ein Hang zu Drogen vorliegen, aus dem eine Gefahr für die Allgemeinheit resultiere, erläutert Reiter. Oft sei es "eine taktische Überlegung von Angeklagten", dass sie den Maßregelvollzug in einer Entziehungseinrichtung leichter überstehen als eine Haft. Im vorliegenden Fall habe sich der Angeklagte "die Situation schön geredet - die Drogen waren ein willkommenes Erklärungsmuster, um in einem besseren Licht dazustehen". Der 40-Jährige habe "sehr dick aufgetragen - wir glauben ihm nicht".

Der Angeklagte hatte trotz eines abgeschlossenen Studiums mehr als zehn Jahre keine Arbeitsstelle, spielte das aber seiner Frau vor. Er gaukelte nicht nur ihr vor, hoch dotierte Jobs zu haben, sondern auch Prostituierten, mit denen er sich regelmäßig traf. "Er hat sich davon Bewunderung erhofft", sagte der Staatsanwalt. Der 40-Jährige sei nicht, wie von ihm vorgegeben, "Spielball seiner Sucht gewesen, sondern die Schwächen in seiner Persönlichkeitsstruktur haben zu den Taten geführt". Er habe sich von der Beute Sachen wie teure Anzüge, eine teure Uhr oder ein Auto gekauft, um sein Lügenkonstrukt aufrechtzuerhalten. "Und er hat damit seine Frau dazu gebracht, eine Familie zu gründen."

Die Leidtragenden waren die Angestellten und Kunden der Banken, die der Angeklagte mit einer täuschend echten Softairpistole überfallen und dabei mehrfach mit einem Blutbad gedroht hatte. Bei zwei betroffenen Frauen führte das zu großen psychischen Problemen. So etwa bei einer Kundin, die in einer Münchner Bank das Geld von ihrer Hochzeit einzahlen wollte, das ihr der Räuber dann mit vorgehaltener Pistole abnahm. Eine Bankangestellte, die in Pfaffenhofen a. d. Glonn überfallen worden war, sprach in der Verhandlung davon, nach der Tat immer diesen Mann mit der Strumpfmaske im Kopf gehabt zu haben. Darum sei es für sie wichtig, den Angeklagten zu sehen, "dass ich ein Gesicht dazu habe". Bei diesem Überfall der Pfaffenhofener Raiffeisenbank im Juli 2018 erbeutete der Angeklagte 28 285 Euro.

Auch der Richter verwies auf die psychische Belastung für die Opfer. Die Pistole sei geeignet gewesen, "Todesangst zu bekommen". Zu Lasten des Angeklagten, "dessen Existenz auf Lügen aufgebaut war", spreche auch die hohe Beutesumme. Das Geständnis sei nicht viel wert, weil er durch die Ermittlung der Fluchtfahrzeuge sowie DNS-Spuren schon überführt gewesen sei.