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Planungen für Seilbahn:Hoch über dem Stau

In La Paz, Bolivien, überwinden Seilbahnen der Firma Doppelmayr aus Innsbruck Täler und Höhen. Die Línea Amarilla, die gelbe Linie, ist 3,74 Kilometer lang und kann 3000 Personen pro Stunde und Richtung transportieren.

(Foto: oh)

Viele Jahre wurde die Idee einer Seilbahn nicht ernst genommen - jetzt entwickelt ein Planungsbüro im Auftrag der Stadt eine Linie vom Dachauer Bahnhof nach Moosach mit einer Abzweigung zur KZ-Gedenkstätte

Dem Stau, den ausfallenden S-Bahnen und verspäteten Bussen einfach entschweben - das ist die Vision einer Seilbahn für den öffentlichen Nahverkehr. Die Dachauer Stadträte nehmen diese alternative Transportform ernst. Sie hatten das Verkehrsplanungsbüro PTV Group beauftragt, mögliche Trassen und die potenzielle Nachfrage zu prüfen. Am Ende blieb eine Trasse übrig, die den Stadträten im Umwelt- und Verkehrsausschuss lohnenswert erschien: eine Verbindung vom Dachauer Bahnhof zur U-Bahnlinie 3 nach Moosach mit einem Halt in Karlsfeld. Für dieses Ziel soll die PTV Group eine konkrete Linienführung mit Haltestellen erarbeiten. Mit geprüft werden soll eine Verbindung zur KZ-Gedenkstätte.

Einen besonderen Sieg hat damit die vierköpfige Fraktion des Bündnisses für Dachau errungen, die diese Idee schon seit Jahren mit sich herum trägt. Lange Zeit aber wurde sie nicht ernst genommen. Vor einem Jahr hatte sich die Stimmung im Stadtrat dann plötzlich gedreht. Angesichts größer werdender Verkehrsprobleme und einem anscheinend unaufhaltsamen Bevölkerungswachstum, sind nun fast alle Fraktionen daran interessiert, zumindest einmal alle Möglichkeiten zu prüfen. Auftrieb gab dem Thema ein Vorstoß des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD), der zusammen mit der damaligen bayerischen Verkehrsministerin Ilse Aigner (CSU) und der Schörghuber Unternehmensgruppe eine kleinere Trasse am Frankfurter Ring vorstellte. Der Münchner Stadtrat war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingebunden - in Dachau gab es bereits den Stadtratsbeschluss zur Prüfung. Wie es nun aussieht, hat Dachau weiter die Nase vorn, zumindest in der Planung.

Fünf mögliche Trassen hatten die Planer geprüft. Eine zur U2 nach Feldmoching, eine zur U3 Moosach - an beiden Stationen hält auch die S-Bahnlinie 1. Eine weitere Trasse Richtung Oberschleißheim zur S1 mit möglicher Verlängerung nach Ismaning zur S8 sowie eine Verbindung nach Fürstenfeldbruck und schließlich eine Strecke von der Breitenau zum Dachauer Bahnhof. Unter der Voraussetzung, dass am Standort Breitenau ein Park-und-Ride-Platz eingerichtet wird. Diese Seilbahnverbindung sollte den innerstädtischen Verkehr entlasten. Allerdings sehen die Planer darin wenig Potenzial. Die Leuten wollen von dort eher nicht zum Bahnhof Dachau.

Kommentar

Urbane Seilbahn

Für die Pendler ein Segen

Eine Seilbahn als Nahverkehrsmittel ist ein unorthodoxer Lösungsansatz. Doch das Entscheidende ist, dass damit tatsächliche Verbesserungen möglich wären   Von Viktoria Großmann

Eine eher geringe Nachfrage bescheinigte Rimbert Schürmann von der PTV Group bei seinem Vortrag in der Ausschusssitzung einer Verbindung nach Fürstenfeldbruck. Was Verkehrsreferent Volker C. Koch (SPD) persönlich bedauerte, da er im Nachbarlandkreis arbeitet und die schlechten Verbindungen kennt. Am ehesten sei aber, sagte Schürmann, noch eine Nachfrage zwischen dem Gewerbegebiet Gada in Bergkirchen und Fürstenfeldbruck zu erwarten, denn zwischen diesen Orten pendeln täglich mehr als 20 000 Menschen.

Schon höher bewertete der Verkehrsfachmann die Nachfrage an einer Tangentialverbindung zwischen den S-Bahnlinien 2 und 1, also zwischen Dachau und Oberschleißheim. Was auch Umsteigern aus Unterschleißheim zugute käme. Die Straßenverbindung Richtung nördlicher Landkreis München ist regelmäßig verstopft, eine Alternative würden wohl viele begrüßen. Allerdings soll die Bundesstraße 471 sowie im folgenden auch die Ringautobahn weiter ausgebaut werden. Jedoch wird das noch viele Jahre dauern. Potenzial für eine Weiterführung der Seilbahn von Oberschleißheim zur S8 nach Ismaning sehen die Planer kaum. Trotzdem hakte August Haas (CSU) an dieser Stelle nach und erklärte, "zur Entlastung des Durchgangsverkehrs" sei die Trasse wichtig. Und sicher könnte die Weiterführung nach Ismaning noch an Bedeutung gewinnen.

Offensichtlich gut und auch gerne angenommen wird die Busverbindung nach Feldmoching. Denn für eine Seilbahn Richtung Feldmoching und Forschungs- und Innovationszentrum FIZ beim Autobauer BMW sahen die Verkehrsplaner am wenigsten Bedarf. Allerdings, so räumte Schürmann auf Nachfrage ein, hatte das Büro nicht den Ausbau des FIZ mit berechnet. Im Münchner Norden sollen Tausende neue Arbeitsplätze entstehen. Trotzdem, so sein Ergebnis, werde grundsätzlich die U3 lieber als Einstieg ins Münchner U-Bahn-Netz genutzt als die U2.

Auch nach Moosach besteht eine Busverbindung. Allerdings würde nicht einmal eine Taktverdichtung der Buslinie 710 auf alle drei Minuten soviel nachgefragt werden, wie eine Seilbahnverbindung. Hingegen würden Fahrgäste Richtung Feldmoching den Bus 172 noch stärker nutzen, wenn er öfter führe. Etwa 1300 Menschen würden laut Analyse eine Seilbahnverbindung nach Moosach nutzen - im Vergleich zu 200 nach Feldmoching. Es wären noch viel mehr an Tagen, an denen der Bus 710 Verspätung hat - weil er etwa im Stau steht.

Etwa 28 Minuten soll die zehn Kilometer lange Seilbahnfahrt dauern.

Sämtliche Berechnungen wurden übrigens, wie Schürmann lächelnd anmerkte, auf der Annahme getroffen, dass die S-Bahn pünktlich fährt und der Zehn-Minuten-Takt im Berufsverkehr eingehalten wird - was nahezu täglich nicht der Fall ist.

Die Stadträte folgten klar der Empfehlung Schürmanns und entschieden, die Trasse nach Moosach weiterzuverfolgen. Die PTV Group soll darstellen, wie die Linie geführt werden könnte, wo sie über öffentlichen Grund, wo vielleicht über Privatgrund führen müsste und wo Haltestellen sinnvoll sind. Lediglich Robert Gasteiger (FW) wollte den Beschluss nicht mittragen, ihm erschien er zu unrealistisch. Er erinnerte an die Stadt-Umland-Bahn. "Da wurde viel Geld für nichts ausgegeben." Zudem wurde beschlossen eine kurze Verbindung zur KZ-Gedenkstätte zu prüfen - Schürmann sieht darin großes Potenzial.

Einfach wird das Vorhaben nicht. Es fehlen Vorgaben für Bau und Genehmigung, unklar ist, wer der Betreiber sein soll. Für Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) ist klar: "Die Seilbahn muss in den Nahverkehr integriert sein." Er hofft, dass urbane Seilbahntrassen irgendwann nach dem Prinzip von Hochspannungsleitungen genehmigt werden. Noch ist der Prozess zu neu, um schon rechtlich geregelt zu sein. Kai Kühnel vom Bündnis sagte am Mittwoch: "Ich freue mich, dass es ernsthaft untersucht wird." Wenn es nach ihm geht, übernehmen dereinst die Stadtwerke Dachau den Betrieb.