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Ordensleben:"Ich bin hier herinnen immer glücklich gewesen"

Jubiläen gibt es auch im Kloster: Schwester Maria Goretti und Schwester Maria Bona sind seit 60 und 65 Jahren Franziskanerinnen.

Interview von Viktoria Großmann

Als Schwester Maria Bona und Schwester Maria Goretti 1951 und 1956 ins Kloster eintraten, erlebte der Franziskanerinnen-Orden in Schönbrunn einen wahren Boom. Fast 400 Nonnen lebten damals im Dorf, heute sind es noch etwa 70. Trotzdem steht das Franziskuswerk in der Gemeinde Röhrmoos als einer der größten Arbeitgeber im Landkreis so gut da wie nie zuvor. Im Interview erzählen die beiden 83 und 87 Jahre alten Frauen von ihrem arbeitsreichen Leben, vergleichen das Ordensleben der Fünfzigerjahre mit dem heute und erklären, warum sie diesen Weg wieder einschlagen würden.

SZ: Heute wäre es eine sehr ungewöhnliche Entscheidung für eine junge Frau, ins Kloster zu gehen. Wie war das, als Sie jung waren?

Schwester Maria Bona: Meine Mutter wollte das gar nicht haben, sie wollte, dass ich daheim bleibe. Aber mit 19 bin ich gegangen. Ich hatte schon eine Tante und eine Großtante in Schönbrunn. Ich bin hergekommen, um Nähen zu lernen. Als ich Prälat Steininger um Aufnahme bat, sagte er, ich sei noch zu jung. Dann schrieb meine Mutter, ich solle nach Hause kommen, ein Jahr zu Hause bleiben und mir das überlegen. Gut, hab ich gesagt, und bin genau ein Jahr zu Hause geblieben und wieder hergekommen.

Schwester Maria Goretti: Zwei meiner älteren Schwestern waren ebenfalls nach Schönbrunn gegangen und ich hatte auch eine Tante, die eine Ordensfrau war. Meine Eltern haben uns die Entscheidung überlassen. Auch ich war noch zu jung, als ich eintreten wollte, erst 17 einhalb.

Sr. M. Bona: Meine Schwester hätte auch noch ins Kloster gehen wollen, aber meine Mutter hat sie nicht gelassen. Dafür hat sie später sechs Kinder bekommen.

Sr. Maria Goretti: Damals sind viele ins Kloster gegangen.

Sr. M. Bona: Es gab mehr Kinder.

Sr. Maria Goretti: Heute gilt eine Familie als kinderreich, wenn drei oder vier Kinder da sind. Fünf sind schon eine Ausnahme.

Wie viele waren Sie daheim?

Sr. Maria Goretti: Elf. Erwachsen geworden sind neun. Drei Brüder blieben im Krieg, zwei fielen, einer war vermisst. Einer kam später aus der amerikanischen Gefangenschaft zurück und übernahm den Hof meiner Eltern in der Oberpfalz.

Und drei Schwestern, Sie mitgezählt, gingen ins Kloster.

Sr. Maria Goretti: Wenn nur zwei Kinder da sind, entscheidet sich natürlich seltener eines für das Kloster. Heute haben die jungen Leute sehr viele Möglichkeiten.

Sr. M. Bona: Nach dem Krieg hat es nicht mehr so viele Männer gegeben. Für mich war das aber nicht der Grund, ins Kloster zu gehen.

Sr. Maria Goretti: Mich hat auch keiner gezwungen. Wenn man die Ewig Profess ablegt, wird man gefragt, ob jemand einen zwingt. Das Gelübde muss man freiwillig ablegen, aus Überzeugung.

Sie wollten also nicht nur versorgt sein?

Sr. Maria Goretti: Als meine Schwester in den Orden eintrat, sagte eine Frau in unserem Dorf, jetzt geht wieder eine ins Kloster, die nicht arbeiten will.

Sr. M. Bona: (lacht) Na, das haben wir schnell gespannt, dass man hier nichts Arbeiten muss, oder?

Sr. Maria Goretti: Wenn wir nicht soviel gearbeitet hätten, dann wäre Schönbrunn nicht so auf die Höhe gekommen. Das wäre unmöglich gewesen.

Ü

Schwester M. Bona (li.) und Schwester Maria Goretti sitzen im Schloss Schönbrunn vor dem Bild der Gräfin Viktoria von Butler, der Kloster-Gründerin.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Was wären Ihre Möglichkeiten gewesen, wären Sie nicht ins Kloster gegangen?

Sr. M. Bona: Da gab es nicht viele Möglichkeiten. Ich wäre irgendwo in Stellung gegangen. Gelernt hatte ich nicht viel, nur Volksschule. Ich war immer eine Lernfaule (lacht). Ich wollte lieber arbeiten und Geld verdienen. Das habe ich dann im Kloster zwar auch nicht, aber das hat mir nichts ausgemacht.

Im Kloster haben Sie eine Ausbildung bekommen.

Sr. M. Bona: Ganz am Anfang habe ich in der Schwesternküche gearbeitet und später 23 Jahre im Kindergarten. Dann habe ich Heilerziehungspflege gelernt und hatte 17 Jahre lang eine Gruppe mit Autisten. Mit 68 sollte ich in den Ruhestand gehen und man hat mich überredet, in unsere Filiale nach Harpfetsham zu gehen. Dort habe ich trotzdem weiter gearbeitet, was halt so daher gekommen ist.

Sr. Maria Goretti: Ich habe in München die Ausbildung zur Kindergärtnerin gemacht. Später noch eine Zusatzausbildung für Heimerziehung. Möglichkeiten zur Entfaltung waren genügend da. Das alles hätte ich draußen auch machen können, aber mir hat gerade das einfache Leben im Kloster immer gefallen.

Sie haben nie etwas vermisst?

Sr. M. Bona: Ich komme aus Kaufbeuren und hätte auch dort ins Kloster gehen können, aber da habe ich halt nicht hingehört. Die sind mehr in der Klausur und das wollte ich nicht, so eingesperrt sein. Mir hat die Arbeit mit den Behinderten gefallen, ich habe sie von Anfang an gemocht, das hat mir viel gegeben.

Sr. Maria Goretti: Wir wussten, das Leben drinnen im Kloster ist anders, als das draußen. Es muss ja einen Unterschied geben. Aber wir waren nicht weltfremd, wir konnten in den Urlaub fahren, wir haben uns nicht von allem getrennt. Ich habe da keine so gewaltigen Unterschiede gesehen, dass ich sagen würde, das sind zwei verschiedene Welten.

Legen Sie im Urlaub die Ordenstracht ab?

Sr. Maria Goretti: Man dürfte, aber ich mache das nicht. Weil ich gar nicht einsehe, dass ich zu Hause keine Schwester bin.

Sr. M. Bona: Zum Wandern bin ich schon in zivil gegangen. Beim Bergsteigen ist es gefährlich mit dem Gewand. Ich bin weit hoch gegangen, richtig gekraxelt, den Wilden Kaiser hab ich überquert.

Das klingt nach einem selbst bestimmten Leben.

Sr. Maria Goretti: Manche stellen sich unter dem Klosterleben vor, dass man nicht mehr frei entscheiden kann, dass man gebunden und kein eigenständiger Mensch mehr ist. Aber wir befolgen auch nicht nur Regeln und Anweisungen.

Sr. M. Bona: In der Ehe und der Familie kann man auch nicht immer frei entscheiden.

Sr. Maria Goretti: Da gibt es auch Probleme, wenn man nur tut, was man will. Die jungen Frauen müssten einfach mal mit uns mit leben, dann würden sie sehen, dass es so unmodern nicht ist.

Sr. M. Bona: Die meisten haben doch keine religiöse Erziehung mehr. Wie sollen sie da ins Kloster gehen, sie haben ja kein Verständnis dafür. Wir Schwestern versprechen Armut, Gehorsam und Keuschheit.

Sr. Maria Goretti: Da würde eine junge Frau heute vielleicht schon sagen, was mache ich dann mit meinem Auto? Und in die Kirche geht man eben nur noch, wenn einem danach ist. Bei uns wurde zu Hause gebetet. Morgengebet, Abendgebet, sonntags in die Kirche. Das war nichts Außergewöhnliches, das war selbstverständlich.

Sr. M. Bona: Die heutige Jugend, die möchte über sich selbst bestimmen. Das sehen wir bei den Auszubildenden. Zu Hause steht das Zimmer leer, aber sie wollen allein in einer Wohnung leben.

In den 1950er Jahren erlebte der Franziskanerinnen-Orden in Schönbrunn einen Boom.

(Foto: Toni Heigl)

An Austausch mit Jüngeren scheint es Ihnen nicht zu fehlen.

Sr. M. Bona: Ich habe mein Leben lang mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Das ist ja ein Hauptgrund dafür, dass ich hier herinnen immer glücklich war.

Sr. Maria Goretti: Je weniger Schwestern und älter die Schwestern geworden sind, desto mehr Mitarbeiter kamen hinzu. So ist Schönbrunn zusammen gewachsen. Da gibt es keine Trennung: Mitarbeiter, Heimbewohner, Schwestern - das ist eine Gemeinschaft, eine Familie.

Wenn heute eine junge Frau hier ins Kloster eintreten würde, wäre noch alles genauso wie vor 60 oder 65 Jahren?

Sr. M. Bona: Es wäre einfacher. Es ist alles ein bisschen lockerer geworden.

Inwiefern?

Sr. M. Bona: Man braucht nicht mehr so früh aufstehen (schmunzelt)

Sr. Maria Goretti: Das Chorgebet wird heute um 7 Uhr angestimmt, früher war das halb sieben und vorher noch eher. Die Schwestern sind eben älter geworden und für den Tagesablauf ist es auch günstiger, wenn nicht alles so früh anfängt.

Sr. M. Bona: Und heute dürfte man sich seinen Namen selbst aussuchen.

Sie durften damals nicht mitreden?

Sr. Maria Goretti: Die Oberin hat die Namen festgesetzt. Weil ich noch so jung war, hat man für mich Maria Goretti ausgesucht. Sie war 1902 von einem Mann, der ihr nachstellte, ermordet worden und ist erst sechs Jahre vor meinem Eintritt heiliggesprochen worden, 1950.

Sr. M. Bona: Ich habe den Namen Bona nach meiner Großtante erhalten, die gerade gestorben war. Dabei hat er mir schon bei meiner Tante nicht gefallen. Aber er war praktisch, denn Bona können auch die Kinder leicht aussprechen. Die anderen haben mich deshalb Bohnenkaffee gerufen, Bohnenstange oder Böhnchen. Ich hätte lieber Kolumba geheißen.

Sr. Maria Goretti: Das wäre auch nicht schöner gewesen. Kommt das von Kolumbus? (beide lachen)

Würden Sie den Weg wieder einschlagen?

Sr. Maria Goretti: Das Leben ist sicher nicht immer nur rosig gewesen. Aber ich habe vielen Menschen eine Freude machen können, ich konnte vielen Heimbewohnern Sicherheit geben, gerade im Religiösen. Ich würde mit Begeisterung diesen Weg wieder gehen.

Sr. M. Bona: Ich bewahre noch einen Brief auf, den mir einer unserer Heimbewohner als Erwachsener geschrieben hat und in dem er sich für seine Erziehung bedankt. Da steht: Du warst schon manchmal streng, aber das hast du sein müssen. (lacht) Du bist doch meine Mama. Er hat nichts anderes sprechen können, also hat er zu mir Mama gesagt.

Befürchten Sie, dass es irgendwann nur noch weltliche Mitarbeiter gibt?

Sr. M. Bona: Wenn man die Geschichte liest, war es doch schon öfter so, dass etwas fast untergegangen ist und es dann doch wieder aufwärts ging. Das müssen wir dem lieben Gott überlassen.

© SZ vom 02.04.2016/gsl

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