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Landwirtschaft:Düstere Zukunft

Simon Sedlmair hält in Puchschlagen Milchkühe. Der stellvertretende BBV-Kreisobmann klagt über zu viel Bürokratie und überzogene Kontrollen.

(Foto: Toni Heigl)

Der Globalisierungsdruck treibt die kleineren Betriebe in den Ruin, und die Forderung von Verbrauchern nach tiergerechten Standards in der Viehhaltung bürdet den Bauern weitere Kosten auf

Von Renate Zauscher, Markt Indersdorf

Die Bauern im Landkreis Dachau sind frustriert und verunsichert. Diesen Eindruck vermittelten die Sprecher auf dem Kreisbauerntag in Ried bei Indersdorf. Die Landwirte leiden einerseits unter der Agrarkrise mit sinkenden Preisen etwa in der Milchviehwirtschaft und stehen dann noch unter der zunehmenden Kritik von Verbrauchern und Tierschützern an der Produktionsweise vor allem der konventionellen Landwirtschaft. Wie sehr sich die Landwirte auch in der Region betroffen fühlen, zeigte der große Andrang im Gasthof Doll: An die 180 Besucher dürften es gewesen sein, die der Kreisobmann und Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV) in Oberbayern, Anton Kreitmair, begrüßte.

Die Schuld an dem Dilemma der Landwirte gab Kreitmair der Presse: Die Medien setzten "Dinge in die Welt, die nicht annähernd realitätsbezogen sind". Weiter sagte der Bauernsprecher: "In der gesellschaftlichen Diskussion werden wir immer den Kürzeren ziehen." Über die Landwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Weltmarkt und kritischer Bevölkerung hatte zuvor Folkhard Isermeyer, Leiter des Thünen-Instituts in Braunschweig, gesprochen. Isermeyer und seine Mitarbeiter beraten das Bundeslandwirtschaftsministerium und befassen sich mit der Frage nach der Zukunft der deutschen Landwirtschaft. Die sieht Isermeyer zufolge eher düster aus: Die Globalisierung diktiere den ökonomischen Zwang zu immer größeren Betrieben, die kleineren, nicht mehr konkurrenzfähigen Betriebe stürben. Gleichzeitig stünden die deutschen Landwirte vor einem Wertewandel in der Gesellschaft, die etwa dem Nutztier heute einen ganz anderen Stellenwert einräumt als dies in vielen anderen Teilen der Welt und auch der EU der Fall sei.

Viele Landwirte, unter ihnen auch die Kreisbäuerin Emmi Westermeier, äußerten Kritik an den Konsumenten: Zwar wird zum Beispiel eine tiergerechte Haltung gefordert, aber die Bereitschaft, dann auch höhere Preise zu zahlen, ist wenig ausgeprägt. "Sie fordern hohen Standard und gleichzeitig billige Lebensmittel", sagte Milchviehhalter Ferdinand Schmid. Was also tun? Ein "Weiter-wie-bisher" könne den Konflikt zwischen Landwirtschaft und Kritikern nicht lösen, sagte Isermeyer. Er sieht wie Kreisobmann Kreitmair die Ursache für die "kritische Grundhaltung eines überwiegend städtischen Publikums" zu erheblichen Teilen bei den "Massenmedien".

Was künftige Betriebsgrößen und die damit verbundene Tierhaltung betrifft, setzt Isermeyer auf eine nationale "Nutztierstrategie" mit Produktbezeichnung. Sie müsse - ähnlich wie bei der Eierkennzeichnung - auf den Zielvorstellungen der Bürger beruhen und gemeinsam mit Landwirten, Politik, Handel sowie Tier- und Umweltschützern erarbeitet und vertraglich abgesichert werden. Gemeinsam mit den Kritikern müsse man sich "auf die Suche nach wirtschaftlich tragfähigen Verbesserungen machen". Mehr Tierwohl aber koste mehr Geld: Drei bis fünf Milliarden Euro müssten über Steuermittel und/oder höhere Verbraucherpreise investiert werden.

Im Pflanzenbau setzt er auf künftige technische Entwicklungen wie einen als "elektronische Hacke" einsetzbaren Kleinroboter, der den Pestizideinsatz reduzieren könnte. Auf alternative Strategien, wie sie in der ökologischen Landwirtschaft verfolgt werden, ging Isermeyer nicht ein. Auch wachsenden Bedenken der Konsumenten bezüglich Gesundheits- oder Umweltschäden, die durch die industrialisierte Landwirtschaft verursacht werden, ging er auch nicht ein. Probleme sieht Isermeyer durch die moderne Pflanzenzüchtung heraufziehen: Nicht mehr nachweisbare gentechnischen Veränderungen am Erbgut der Pflanze könnten "eine Stimmung in die Debatte bringen, die mir große Sorgen macht."

Über zu viel Bürokratie und überzogene Kontrollen klagte der stellvertretende BBV-Kreisobmann Simon Sedlmair, über "Auflagen, die an der Realität vorbeigehen" und "den Kleinen zum Aufgeben zwingen", Josef Riedlberger aus Xyger. Konkretere Lösungsvorschläge vermisste der Bio-Landwirt Leonhard Mösl. Der Vortrag sei auf die "eigentlichen Kernprobleme" der gegenwärtigen Produktionsweise nicht eingegangen, sagte er. Weitgehend einig waren sich die Landwirte in einem: Nötig seien nationale Zielvorgaben, fasste Simon Sedlmair die Meinung der Bauern zusammen. "Jedes halbe Jahr kommt etwas anderes - das hält kein Betrieb aus", sagte er unter allgemeinem Applaus.

© SZ vom 25.11.2016
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