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Kunst:Mehr Welt wagen

"Die lange Nacht der offenen Türen" lockt auch heuer wieder zahlreiche Kunst-Fans an

Von Gregor Schiegl, Dachau

In der KVD-Druckwerkstatt ist ordentlich was los. Ist ja auch toll zu sehen, wie sich auf den schweren Maschinen von 1960, 1860 und sogar 1830 im Handumdrehen ein weißes Blatt Papier in ein Kunstwerk verwandelt. Der Grafiker Bruno Schachtner führt vor, wie so eine Apparatur funktioniert. Demonstrationsexemplar ist ein selbst gestalteter Bierdeckel: "Tritt ein, bring Glück herein", steht darauf. Sein Kollege Dieter Faustmann, Buchdruckermeister mit 50-jähriger Berufserfahrung, druckt Souvenirs: Pappdeckeluntersetzer mit der Aufschrift "Lange Nacht 2020". Die sollte man sich unbedingt aufheben, denn die 14. Auflage der "Langen Nacht der offenen Türen" in diesem Jahr ist schon etwas ganz Besonderes.

Zum einen ist sie ein Wagnis wegen der Corona-Pandemie. Der Förderverein Wasserturm, der sonst diesen Event immer ausrichtet, hat heuer lieber die Finger davon gelassen hat - wie übrigens auch die eine oder andere Galerie. Nach der Devise "Kurz ist das Leben, lang die Kunst" hat Karin-Renate Oschmann, Grande Dame des Wasserturms, die Veranstaltung auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko gestemmt, zur großen Begeisterung der Besucher, die ihr das auch immer wieder an diesem Abend mitteilen. Das sonst so kunstverwöhnte Dachauer Publikum ist ausgehungert, und der Wunsch, mal wieder was Spannendes zu sehen und zu erleben - in echt, nicht nur im Fernsehen - ist groß.

Vor der Gemäldegalerie wartet eine kleine Menschentraube auf Einlass. Sie wollen die "Tier-Bilder" zu sehen. Wann machen die Museen schon mal abends auf und dann auch noch ohne Eintritt? Alles in allem bleibt der Andrang im Rahmen dessen, was die Hygieneregeln erlauben.

Besonders gut vorbereitet ist die Dachauer Volksbank, die zur Ausstellung mit Klaus Eberleins Werken einlädt. Am Eingang der Schalterhalle verteilt Michaela Steiner erst einmal frisch desinfizierte Plastikchips, damit die maximale Zahl von 40 Besuchern gleichzeitig ja nicht überschritten wird, sogar eingeschweißte schwarze Stoffmasken werden extra verteilt. Klaus Eberlein ist auch da, klar, Er hat dem Virus, das einem dieses Jahr 2020 so tüchtig vermiest, ein Bild gewidmet: eine Szene vom Markusplatz mit venezianischer Schnabelmaske. Die hat sich, wie man weiß, aus den mäßig wirksamen Schutzmasken der Doktoren gegen die Pest entwickelt. Daneben sind die gewohnten Einwegmasken zu sehen, und man ist froh, dass wir "nur" Corona haben. Man stelle sich vor, man müsste den Mundschutz auch noch über so ein Schnabeldings ziehen. Da sieht man mal wieder: So schlecht geht's uns gar nicht.

Das Schönste an dieser sommerlich lauen Herbstnacht sind neben der Kunst die Begegnungen mit den anderen Besuchern. Auf einmal begegnet man alten Bekannten wieder, die man schon mindestens seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hat. Auch Landrat Stefan Löwl tourt durch die Ausstellungen mit einer quietschbunten Schutzmaske und begrüßt jeden in der Neuen Galerie mit Verbeugung. "Namaste!" Alle sind ein bisschen übermütig. Im Nebenraum prangen mannshohe Lettern: "LACK SPUCKEN", eine Arbeit der oberfränkischen Künstlerin Dagmar Buhr, die versucht, Fotos zu machen, ohne dass jemand durchs Bild latscht. Die Welt in Dachau wirkt an diesem Abend ein Stück größer, freier und bunter als sonst. Ein kleines Wunder.

© SZ vom 14.09.2020

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