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Kultur in Dachau:Zwischen Leggins und Lovecraft

Barbara Trommeter kreiert aus der gestellten Welt der Modekataloge einen ganz eigenen mythischen Kosmos: fremdartig, faszierend und verstörend und bisweilen auch witzig. Zu sehen ist die Werkreihe mit dem Titel "Future Ghosts" in der KVD-Galerie

Von Gregor Schiegl, Dachau

Future Ghosts

Faszinierend-verstörende Unterwasserwelten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Früher muss Postbote ein schwerer Job gewesen sein. Versandhäuser wie Otto und Quelle versandten jedes Quartal tonnenweise Papier in Form von Modekatalogen an die Haushalte. Die Künstlerin Barbara Trommeter blätterte als Kind gerne in den Katalogen, immer einen Stift in der Hand. Allerdings nicht, um die angehängten Bestellzettel auszufüllen, sondern um den lächelnden Damen einen Bart zu malen, Reißzähne oder Katzenohren. Dieses harmlose Vergnügen kennen wohl die meisten, die das analoge Kaufhauszeitalter noch als Kinder miterlebt haben. Große Kunst wurde daraus selten.

Bei Barbara Trommeter ist daraus sogar eine ganze Werkserie entstanden, die nun auszugsweise als Ausstellung in der KVD-Galerie unter dem Titel "Future Ghosts" zu sehen ist, und wenn das ein bisschen düster klingt und gruselig, ist das nur konsequent. Die junge Künstlerin mit der kecken schwarzen Pagenkopffrisur überzeichnet Katalogblätter und Plakate mit dickem Edding-Strich, was die Ästhetik mal comichaft, mal holzschnittartig wirken lässt, aber immer wuchtig und expressiv. Von der heiteren Seichtigkeit der Modeaufnahmen lässt sie nicht viel übrig. In ihren Bilder, darunter zwei großformatige Arbeiten von fünf Meter Länge, mutieren die Modelle zu fremdartigen Wesen mit Tierköpfen und schuppiger Haut. Den Aufdruck eines T-Shirts "Enhance your inner Shark" nimmt Trommeter wörtlich. Ein vorwärtsstürmender Junge lässt zwei Reihen messerscharfe Zahnreihen aufblitzen, sogar seine Turnschuhe haben in der bearbeiteten Version ein zupackendes Gebiss. Gemessen an dem bildfüllenden Zierfischchen im Hintergrund kann der innere Hai aber so groß nicht sein. In Trommeters Bildern steckt oft eine gehörige Portion Witz, was nicht heißt, dass hier sofort jede Irritation launig bereinigt würde, oh nein.

Future Ghosts

Suizid-Mode.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Künstlerin mit der markanten Pagenkopffrisur scheut sich nicht, ihre Phantasie wuchern zu lassen wie überdüngten Löwenzahn, der sich durch die kleinsten Spalten zwängt - allerdings nicht dem Licht entgegen, sondern eher in Richtung Abgrund. So führt Barbara Trommeter den Betrachter in eine faszinierende, oft auch verstörende Welt. "Bugs and Girls" zeigt im Großformat Wanzen, Käfer und Echsen, die bei aller Exotik sehr viel vertrauter erscheinen als die chamäleonhaften Mädchen die sich zwischen sie reihen; ihr menschlichster Zug ist noch ihre tadellos geföhnte Haarpracht. Lustvoll integriert die Künstlerin mit bunten Acrylstiften den Formen- und Detailreichtum der Insektenwelt. "Oft sehen wir die Welt, in der wir leben, gar nicht gescheit an", sagt sie. Aber wenn man sich die Details mal betrachte, die vielen Augen einer Spinne etwa, die an der Wand sitzt - "das ist abartig!", sagt sie und lacht. "Abartig" - gerade die Abweichung von der Norm ist es ja, was einen staunen lässt.

Auch Fischfrauen begegnen einem in Trommeters Oeuvre, treibend zwischen Discokugeln und Oktopussen - aber nicht als vollbusige Nymphen, sondern als Gestalten mit starrem Blick und kreisrundem Mund, mehr Sexpuppe als Sirene. Schon früher hat die Künstlerin mit dem Fetischhaften experimentiert, etwa einer Katzenmaske aus schwarzem Lackleder. "Lady Feline" nennt sie dieses Alter Ego, die zugleich eine Wächterin zwischen den Welten ist, die auch ihre Schöpfungen, die "Future Ghosts", präsentieren: unheimliche Grenzgänger, mythische Wesen zwischen Baumwoll-Leggins und H.P. Lovecraft.

Future Ghosts

Ein Käfermensch, der Krieg und Vernichtung ins Auge sieht.

(Foto: Fotos: Jørgensen)

Trommeter kennt die Welt der Mode nicht nur aus dem Katalog, sie hat selbst als Modefotografin gearbeitet und sagt: "Die Modewelt ist schon etwas sehr Künstliches." Das Gestellte, das Posenhafte ist aber auch ein guter Anknüpfungspunkt und ein Quell der Inspiration. Bereits die Vorlagen sind Inszenierungen und Figuren, die sie aber noch einmal neu ausstaffiert und ihnen Fisch- und Echsenhäute überstreift wie legere Freizeit-Shirts. Werbeschriftzüge wie "Mutige Ziele" erscheinen im Kontext dieser Fabelwelt auf einmal unerwartet tiefsinnig und doppelbödig, hängt die von Trommeter überarbeitete Gestalt doch erhängt an einem Heizungsrohr. Schöner sterben. Auf Hüfthöhe verweist die Reklame auf "Knielange Baumwollshorts".

Manchmal bricht die Konsumrealität in die Werke ein und beglaubigt sie mit ihrem schnöden Materialismus, Trommeter lässt sie aber auch ausbrechen und das keineswegs nur sinnbildlich, sondern physisch und leibhaftig. Lebensgroße bunte Frauenpuppen sitzen auf dem Boden und betrachten ihre identen zweidimensionalen Schwestern auf den Bildern. Nur die Perücke, die Barbara Trommeter ihr aufgesetzt hat, ist eine andere: Es ist ein schwarzer Pagenkopf. Im Spiel mit all diesen Formen und Identitäten kann einem schon manchmal schwindelig werden. Langweilen wird man sich beim Besuch der "Future Ghosts" jedenfalls nicht, das ist so sicher wie der nächste Sommerschlussverkauf.

"Lady Feline presents: Future Ghosts": Ausstellung von Barbara Trommeter in der KVD-Galerie von Freitag, 16. Oktober, bis Sonntag, 8. November. Zur Vernissage am Donnerstag, 15. Oktober, um 18.30 Uhr legt Florian Süssmayr Punk-Platten auf, wenn es das Wetter erlaubt. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Samstag 16 bis 19 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr. Weitere Informationen und die aktuellen Corona-Auflagen unter www.kavaude.de

© SZ vom 15.10.2020

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