bedeckt München 14°

Kultur in Dachau:Expedition ins Unterbewusste

Die Ausstellung von Antoni Tàpies in der Galerie Lochner läuft mit Unterbrechungen bereits seit einem halben Jahr. An diesem Wochenende ist sie zum letzten Mal zu sehen - mit einigen neuen Arbeiten

Von Gregor Schiegl, Dachau

Mehr als 370 Kunst-Fans haben bislang die Ausstellung von Antoni Tàpies in der Galerie Lochner gesehen. Gemessen daran, dass der Katalane zu den bedeutendsten Künstlern Spaniens im 20. Jahrhundert zählt und die Ausstellung immer wieder verlängert wurde, ist das keine rekordverdächtige Zahl. Normalerweise lockt die kleine, auf große Namen der modernen Kunst spezialisierte Galerie in ihren überschaubaren Ausstellung sonst eher um die 600 Besucher. Grund zu Enttäuschung ist das für den Kunst-Fan und Kurator dieser kleinen Schau, Josef Lochner, aber nicht. Tàpies ist ein Künstler, dessen Welt man sich erst einmal erschließen muss, und diese Mühe will sich nicht jeder machen.

Umso größer ist die Begeisterung der Tàpies-Kenner, eine solche Ausstellung in der kleinen Großen Kreisstadt Dachau anzutreffen (und das auch noch bei freiem Eintritt), davon zeugen die überschwänglichen Einträge im Gästebuch. Ein Tàpies-Fan reist demnächst schon zum zweiten Mal extra aus Würzburg nach Dachau an; durch diverse Verkäufe ist wieder Platz in dem kleinen Raum frei geworden, so konnten neue Kunstwerke nachrücken, darunter sogar ein Unikat des Künstlers.

Antoni Tapiès

Die Farblithographie "Taches rouges aux journal". Repro: Galerie Lochner

Es handelt sich um eine auf den ersten Blick eher unscheinbare Arbeit von 1971 von bescheidener Größe: "Morceau de Parchemin" ist ein Fragment eines Pergaments mit verblasster und daher kaum noch lesbarer Schrift, auf der Tàpies mit wenigen Strichen aus Teer ein dickes schwarzes Zeichen gesetzt hat. Dessen Bedeutung bleibt ebenso rätselhaft wie die Schrift auf dem Pergament. Das Werk ist ein typisches Beispiel für die informelle Kunst, zu deren bedeutendsten Vertretern Antoni Tàpies weltweit zählt. Er beeinflusste Künstler seiner Zeit, wie beispielsweise Cy Twombly oder auch Joseph Beuys in Deutschland.

Unter dem Begriff "Informel" versammeln sich Strömungen der abstrakten Malerei, die - anders als in der geometrischen Traditionslinie - dezidiert formlos auftreten und sich nach keinen Regeln richten. Die Arbeit ist spontan, die Künstler schöpfen intuitiv aus dem eigenen Unbewussten. Bei Tàpies stecken die Bilder oft voller geheimnisvoller Chiffren, Symbolen und Buchstaben. Was es damit auf sich hat, erzählt Josef Lochner jedem Besucher, der es wissen will, voller Begeisterung. Weil er so viele Stunden mit den Arbeiten verbringt, entdeckt er selbst immer wieder neue, spannende Details.

Antoni Tapiès

Die Radierung "Carrer de Wagner" in einem Druck von Joan Brabará. Repro: Galerie Lochner

Gezeigt werden 50 Arbeiten, hauptsächlich Druckgrafiken, Lithografien und Radierungen aus den Sechziger- bis in die Neunzigerjahren. Fünf Arbeiten sind neu, wobei es in Tàpies' Oeuvre durchaus auch sehr leicht zugängliche Werke gibt wie etwa die aus wenigen Strichen und Punkten kess komponierte Kaffeetasse aus der Serie "Clau del foc" (Schlüssel des Feuers).

Eine ganz besonders schöne Radierung voller Musikalität und Rhythmus ist "Carrer de Wagner", eine Hommage an Richard Wagner. Sie wurde von Joan Brabará auf handgeschöpftem Papier gedruckt und stammt aus seinem Nachlass. Die Radierung ist eine Illustration zu einem Gedichtblatt des Avantgarde-Autors Joan Brossa, der ein ebenso glühender Katalane war wie Tàpies; seine Texte verfasste er ausschließlich auf Katalanisch.

Doch auch diese Ausstellung geht einmal zu Ende. Am letzten Augustwochenende öffnet die kleine Galerie in der Konrad-Adenauer-Straße 7 noch ein letztes Mal ihre Türen für Besucher und zwar am Samstag, 29. August, von 12 bis 15 Uhr und am Sonntag, 30. August, von 14 bis 17 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung unter 08131/66 78 18 oder 0162 / 455 96 99. Im September ist hier dann das Werk eines deutschen Künstlers zu sehen, nämlich Otto Piene von der Gruppe Zero.

© SZ vom 29.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite