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Kultur in Dachau:Aus Alt mach Neu

Yxalag

Das Ensemble "Yxalag" bei seinem Auftritt in der Friedenskirche. Vor allem die Spielfreude der Musiker begeistert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Ensemble "Yxalag" spielt bei seinem Konzert in Dachau Klezmer mit einer Leidenschaft und Kreativität, die das Publikum begeistern. Die Musiker beleben so eine aus dem osteuropäischen Judentum stammende Volksmusiktradition

Es gelingt Frank Striegler und dem Team des Leierkasten immer wieder, das Dachauer Publikum mit dem Auftritt eines außergewöhnlichen Künstlers oder einer Gruppe jenseits des Kleinkunst-Alltags zu überraschen. Diesmal war es das Klezmer-Ensemble "Yxalag", das am Samstagabend in der Friedenskirche zu hören war und dort für Begeisterungsstürme sorgte.

Seit nunmehr zwölf Jahren gibt es die Band mit dem ausgefallenen Namen, den man, zum besseren Verständnis, von rechts nach links lesen sollte. Kennengelernt haben sich der Klarinettist Jakob Lakner, die drei Frauen an Violine und Viola, Nele Schmidt, Juliane Färber und Kayako Bruckmann sowie Posaunist Luka Stankovic, Uli Neumann-Cosel am Kontrabass und Gitarrist Nicolas Kücken 2008 beim gemeinsamen Studium an der Musikhochschule in Lübeck. Als Geburtshelfer bei der Gründung des Ensembles fungierte Bernd Ruf, Hochschuldozent und Klezmer-Klarinettist, der die Studenten zum gemeinsamen Musizieren zusammenbrachte.

Liest man die Namen der Ensemblemitglieder, dann fragt man sich unwillkürlich, ob Musiker und Musikerinnen, die keine unmittelbare Verbindung zum osteuropäischen Judentum und seiner Musik oder ihrer Weiterentwicklung in den USA haben, "authentischen" Klezmer spielen können. Die Frage erweist sich vom ersten Moment des Zuhörens an jedoch als müßig: Das, was Yxalag macht, ist tatsächlich Klezmer at its best!

Jakob Lakner sorgte schon im ersten, von ihm selbst komponierten Stück mit dem Titel "Babi's Bulgar" mit seiner Klarinette für echtes Klezmer-Feeling. Von Lakner stammen an diesem Abend (und auf der neuesten CD der Gruppe mit dem Titel "Fun Tashlikh") eine ganze Reihe weiterer Kompositionen. Der "Tanz im Brauhaus" etwa, der nach einem gemeinsamen Auftritt mit verschiedenen anderen Gruppen mitten in München, im Hofbräuhaus, entstanden ist und mit witzigen Zitaten - Glockengebimmel, an Alphörner erinnernde Klänge - an den Ort der Inspiration erinnert. Oder auch "Yankel's Suite", die mit einer aus der klassischen Klezmer-Tradition stammenden Hora beginnt, um sich dann über "Yankel's Melody" zu einem sehr fröhlichen "Yankel's Freylehk" zu entwickeln. Speziell in den ersten Teil sei wohl "etwas Ennio Morricone eingeflossen", sagt Lakner zu seiner Komposition, die mit ersten Kontrabass-Klängen einsetzt und langsam voranschreitend den melancholischen, spannungsgeladenen Sog eines klassischen Western entwickelt.

Immer aber ist klar, dass die Leidenschaft von Yxalag dem Klezmer gehört. Das wird natürlich dort besonders spürbar, wo traditionelle Stücke gespielt werden, der "Happy Nigun" etwa, den Giora Feidmann, einer der ganz Großen des Klezmer-Revivals in den letzten Jahrzehnten, bekannt gemacht hat. Hier zeigt sich, was Klezmer von Anfang an war: Tanz- und Unterhaltungsmusik, die auf keinem Fest, keiner Hochzeit fehlen durfte.

Musikalische Entdeckungen hat die Gruppe Yxalag aber nicht nur in der Musik der aschkenasischen Juden Osteuropas gemacht, sondern auch in der Sephardim. So stammt etwa das Stück "Eochil Yom" aus Marokko: ein Lied, bei dem Jakob Lakner als Sänger und Doumbek-Spieler ebenso wie Nele Schmidt und Kayako Bruckmann an der Geige arabische Einflüsse hörbar machen. Ganz andere Klangfarben hat Luka Stankovic aus seinem heimatlichen Belgrad mitgebracht: die eines traditionellen Kolo etwa, eines Tanzes aus Mazedonien, oder das serbisch-mazedonische "Ajde Jano", das sich aus der Quelle rasanter Roma-Musik speist. Geigen und Posaunen steigern sich mit den übrigen Instrumenten zu mitreißendem, von der Doumbek zusätzlich rhythmisch akzentuiertem Tempo.

Ob osteuropäischer Klezmer, Lieder der Sepharden oder Stücke vom Balkan: Was den besonderen Charakter der Musik von Yxalag ausmacht, ist der Umgang mit bestehenden Traditionen. Diese werden nicht einfach nach dem Vorbild klassischer Klezmer-Interpreten nachgespielt, sondern stattdessen sehr kreativ in Eigenes umgewandelt. So entstehen etwa im Stück "Die goldene Khasene" vor den Ohren und Augen des Publikums musikalisch wie choreografisch köstliche Szenen eines Fests, die weitgehend der Fantasie des Ensembles entsprungen sein dürften. Immer wieder sind auch musikalische Ausflüge in den Jazz, in Swing und Blues herauszuhören. "Wir komponieren, arrangieren Vorhandenes neu, und vor jedem Auftritt wird noch an den Feinheiten gefeilt", sagt Lakner.

Der Leidenschaft, mit der sich Yxalag seinen Zuhörern auf der Bühne präsentiert, tut diese Herangehensweise keinen Abbruch. Neben der Professionalität seiner Mitglieder, die heute in großen Orchestern in Berlin, München oder Lübeck und in verschiedenen Musikschulen und anderen Bands tätig sind, ist es vor allem deren enorme Spielfreude, die das Publikum begeistert: In der Friedenskirche reagierte es immer wieder mit heftigem Beifall, Bravorufen und Fußgetrappel.

Trotz aller Fröhlichkeit aber endete der Abend nachdenklich: mit dem gemeinsam als Kanon angestimmten Lied "Schalom Chaverim", das einen gerade auch heute höchst bedrohten Frieden unter "Brüdern" beschwört.

© SZ vom 09.03.2020
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