Kultur in Dachau:Alles Gute nachträglich

Kultur in Dachau: Im Innenhof der VR-Bank lassen die Musiker ein lebensvolles Beethoven-Bild entstehen.

Im Innenhof der VR-Bank lassen die Musiker ein lebensvolles Beethoven-Bild entstehen.

(Foto: Toni Heigl)

Hans Blume und Herbert Müller lassen Beethoven hochleben

Von Adolf Karl Gottwald, Dachau

"Habn's Eahna gut unterhalten, Euer Gnoden (Ihro Gnaden)?" Das war noch vor rund 100 Jahren das wichtigste Anliegen der Wiener für ihre Gäste, ganz gleich ob diese einen Abend im Theater, im Prater oder im Beisl verlebt hatten. Gute Unterhaltung des verehrten Publikums war wohl auch das Hauptanliegen von Hans Blume und Herbert Müller, als sie im Jahr von Beethovens 250. Geburtstag, also 2020, einen Beethoven-Abend planten, dem sie den Titel "Happy Birthday, Herr Beethoven!" gaben. Er sollte "Musik und ein Lebensbild in Anekdoten" bieten. Beethoven selber war der Meinung, er sei erst 1772 in Bonn geboren worden, da hätten Blume und Müller seinen 250. Geburtstag vermutlich in der Post-Corona-Zeit feiern können. So aber kam Blumes Klassische Harmoniemusik jetzt, mit einem Jahr Verspätung, zum Zug. Aber der Termin war günstig. Das Dachauer Konzertpublikum war nach über einem Jahr Abstinenz ausgehungert, der Erfolg entsprechend groß.

Herbert Müller begann sein Beethoven-Lebensbild mit der amtlichen Geburtsurkunde, Bonn 1770, und stütze sich darauf auf eine Auswahl von Selbstzeugnissen und Äußerungen von Beethovens Zeitgenossen. Das vorhandene Material könnte viele Abende füllen - auf die Auswahl kommt es an, welches Lebensbild entsteht. Herbert Müller bevorzugte bei seiner Auswahl die farbigsten und saftigsten Zitate; man erlebte Beethoven als Mensch mit bärbeißigem Humor, als nicht unbedingt angenehmen Zeitgenossen mit oft geradezu provozierendem, durchaus nicht höfischem Auftreten, als Mieter von 70 Wohnungen innerhalb von 35 Jahren, in seinem häuslichen Chaos, aber natürlich auch als den genialen, bewunderten Komponisten. Müllers Lebensbild erinnerte nicht zuletzt an die größten und bekanntesten Werke Beethovens, etwa an die "Mondscheinsonate" und sogar an das wohl meistgespielte Klavierstück "An Elise" oder die "Neunte", ohne jemals in den Ton langweiliger, vor allem auf Korrektheit bedachte Biografik zu verfallen. Man war oft amüsiert, vor allem aber gut unterhalten.

Die Musik, mit der Hans Blumes Klassische Harmoniemusik dieses lebensvolle Beethoven-Bild gliederte, war natürlich Beethoven, wobei allerdings kein Werk je in der jetzt gespielten Fassung für Klassische Harmoniemusik in der Besetzung von zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Hörner, zwei Fagotte mit Kontrabass gehört wurde. Der musikalische Abend begann mit Beethovens Ouvertüre zu "Egmont". Der letztlich serenadenhaften Bläserfassung fehlt natürlich die Wucht des vollen Sinfonieorchesters, aber viele Passagen der Musik leuchteten in den feinen Farben der klassischen Harmoniemusik besonders schön auf. Im Mittelpunkt stand die wohl jedem Beethoven-Freund, sogar jedem fortgeschrittenen Klavierschüler geläufige "Sonate pathetique op. 13" in drei Sätzen. Damit war der Abend musikalisch auf hohes Niveau gehoben und war weit mehr als nur gehobene Unterhaltung mit Musik. Schließlich kamen nach dem überaus beliebten zweiten Satz der siebten Sinfonie noch einige Sätze aus Beethovens Bläseroktett op. 103, seiner einzigen Originalkomposition für klassische Harmoniemusik, als virtuoser Gruß aus Beethovens Bonner Zeit zu Gehör. Muss an dieser Stelle betont werden, dass Blumes Klassische Harmoniemusik alles in absoluter Vollendung spielte? Das weiß man doch in Dachau schon seit vielen Jahren.

Man lässt zum Schluss Beethoven selbst zu Wort kommen. Als sein Bruder als Apotheker in Linz zu soviel Geld gekommen war, dass er sich ein Gut bei Krems kaufen konnte, unterschrieb er einen Brief an Beethoven stolz mit "Beethoven. Gutsbesitzer". Ludwig van Beethovens Antwort aus Wien war unterschrieben mit "Beethoven. Hirnbesitzer".

© SZ vom 28.06.2021
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