Karlsfeld:Neue Schule, neues Lernkonzept

In der Karlsfelder Grundschule will man künftig viel individueller auf die Kinder eingehen als bisher. Möglich macht das die neue Unterteilung in Jahrgangsblöcke und das große Raumangebot.

Von Johannes Rockstuhl, Karlsfeld

Alles ist heuer neu für die Karlsfelder Grundschüler: das Schuljahr, das am Dienstag erst angefangen hat, der Stundenplan, die Bücher, vor allem aber das Schulhaus an der Krenmoosstraße. Es steht gegenüber vom alten Bau und hat die Kinder schon lange mit seinen großen Fensterfronten und der freundlichen, hellgrünen Farbe gelockt. Zwei Jahre hat es gedauert, bis die Bauarbeiter fertig wurden und die Kinder und Lehrer jetzt einziehen konnten.

"Es ist noch nicht perfekt, aber es wird perfekt", sagt Schulleiterin Barbara Sparr begeistert, während sie durch die großen Gänge und modernen Räume des Gebäudes führt. In den Ecken stehen noch Umzugskisten, hier ein bisschen Schulmaterial, dort noch etwas Baumaterial. Es ist schon ein Erlebnis, durch eine solch nigelnagelneue Schule zu schlendern. Kein muffiger Geruch, keine zerkratzten Böden oder von Generationen von Schülern beschmierte Bänke. Die modernen Zimmer und Möbel erinnern kaum mehr an die verstaubten alten Grundschulen von früher. Die Wände sind in pastellenen Farben gestaltet. Viele Glaswände füllen die Räume mit natürlichem Sonnenlicht und vermitteln den Kindern ein Gefühl von Offenheit. Gleich hinter dem Eingang ist die Aula, die Mensa und ein Lernraum.

Öffnet man alle Wände, dann ist hier ein riesengroßer Empfangsraum und die Fensterwand bietet einen Blick auf den Pausenhof. Dort können sich die Schüler auf den Trampolinen und beim Tischfußball in den Pausen vom Lernen erholen.

Um das neue Lernhauskonzept zu unterstreichen, ist die Schule farbig gestaltet. Das Haus ist in vier Blöcke unterteilt, jeder ist für eine Jahrgangsstufe vorgesehen und in einer bestimmten Farbe gehalten. Die Farbwahl bezieht sich übrigens nicht nur auf die Wände, sie umfasst auch Stühle und Schränke. Nur der Boden ist neutral. Es wäre sonst wohl auch etwas zu viel, sagt Sparr. Jedes Zimmer ist individuell eingerichtet, mit Spielzeug, Kissen und Dekorationen an den Wänden. Natürlich würden die einzelnen Klassen das noch vervollständigen, sagt Sparr.

Mit der neuen Unterteilung in vier Blöcke geht die Grundschule auch pädagogisch neue Wege. Der aus München stammende Lernhausstil soll nun in Karlsfeld Einzug finden. Das neue Konzept soll den Frontalunterricht aufbrechen und mehr auf die Individualität der Schüler eingehen. Dies soll unter anderem mit einem sogenannten "Marktplatz" möglich sein. Dieser Marktplatz ist für die Klassen und deren Lehrer ein Ort, der kreativ gestaltet werden darf und soll. Dabei arbeiten Lehrerinnen und Schüler zusammen und können sich gemeinsam in Gruppen kreativ austoben.

Karlsfeld: Schulleiterin Barbara Sparr führt gerne durch den Neubau, auch wenn das coronabedingt nicht immer möglich ist. Sie ist froh, nun in völlig neuer Atmosphäre arbeiten zu dürfen, auch wenn noch etwas Baumaterial herumliegt.

Schulleiterin Barbara Sparr führt gerne durch den Neubau, auch wenn das coronabedingt nicht immer möglich ist. Sie ist froh, nun in völlig neuer Atmosphäre arbeiten zu dürfen, auch wenn noch etwas Baumaterial herumliegt.

(Foto: Toni Heigl)

Ein weiterer Aspekt des Lernhauskonzeptes ist, dass man individueller auf die einzelnen Schüler eingehen will. "Kinder lernen unterschiedlich schnell", erklärt Barbara Sparr, also sollte man den Lernstoff auch individueller vermitteln. Verschiedene Ausweichräume und der Inklusionsraum helfen dabei, die Kinder bei Bedarf aufzuteilen und auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen. Dabei sind nicht nur die baulichen Voraussetzungen notwendig, sondern ebenso die technischen Möglichkeiten. Hierfür ist die Grundschule mit der neuesten Technik ausgestattet. Beamer, Tablets und Internetzugang; alles, um den Unterricht anschaulicher und individueller zu gestalten. Aber auch Tafel und Kreide befinden sich weiterhin in den Klassenzimmern. "Auch die modernste Technik kann mal ausfallen", erklärt Sparr, als sie den verwunderten Blick sieht.

Wer glaubt, das riesige Gebäude würde halb leer stehen, der irrt: Fast alle Räume werden bereits jetzt genutzt. 130 neue Kinder haben an diesem Dienstag ihre Schultüten hier hereingetragen. Das sind sechs Klassen allein in der ersten Jahrgangsstufe. Noch sei ausreichend Platz, versichert Sparr. Doch für den stetigen Zuwachs an neuen Schülerinnen und Schüler sei die Größe des Gebäudes dringend nötig.

Bei aller Freude über das schöne neue Schulhaus gibt es aber auch eine schmerzliche Seite - vor allem für die Gemeinde. Denn der Bau hat viel Geld verschlungen. Ursprünglich ging man von 32,9 Millionen Euro aus, doch die Kosten stiegen im Laufe der Planungen und vor allem seit dem Baubeginn rasant in die Höhe. Zuletzt hatte der Gemeinderat eine Summe von 41 Millionen Euro im Haushalt allein für die Schule bereitgestellt. Der Bauboom hatte die Preise für die Gewerke in die Höhe getrieben hat. Man hofft, noch immer mit 40 Millionen am Ende hinzukommen, aber sicher ist es nicht. Karlsfeld wird einen Zuschuss von 15,34 Millionen Euro vom Freistaat für die Grundschule bekommen. Den Rest muss sie selbst finanzieren, das meiste durch Kreditaufnahme. Und so ist der Schuldenberg der Gemeinde in den letzten Jahren gigantisch angewachsen. Ende des Jahres soll er auf 28 Millionen steigen. Der Neubau war zwar nötig, wie Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) immer wieder betont, aber er hat die Handlungsfähigkeit der Kommune auch stark eingeschränkt.

Barbara Sparr ist aber sehr froh über das Ergebnis der langen und manchmal auch kontroversen Planungen. Und sie steht damit nicht alleine. Die meisten Besucher würden sagen, dass sie auch gerne noch mal Kind sein und hier zur Schule gehen wollen, meint die Schulleiterin.

© SZ vom 15.09.2021
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