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Jazz e.V.:Zeit des Hinhörens

Warum Klaus Bolland von den Konzerten seines Dachauer Jazzvereins so überzeugt und das Publikum so anerkannt ist.

Wolfgang Eitler

Saxofonist Gebhard Ullmann tritt nicht zum ersten Mal in Dachau auf.

(Foto: DAH)

Ein Klick auf die Homepage von Gebhard Ullmann stimmt auf sein Konzert am Freitag in Dachau beim hiesigen Jazzverein wunderbar ein. Da ist ein verschleppter New-Orleans-Marsch zu hören, der die ganze Geschichte des Jazz auf der Grundlage eines Blues' bis hin zu Varianten der freien Interpretation enthält. Eine solche Musik müsste doch vielen Menschen gefallen. Aber in einem Interview mit der Jazz-Zeitung sagt Ullmann: "Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich außerhalb von Deutschland mittlerweile viel Interesse an meiner Musik finde." Und er fügt im Stil eines pessimistischen Kulturkritikers an: "Ich habe den Eindruck, dass hierzulande ein massiver Kulturabbau stattfindet. Gleichzeitig ist die Qualität des öffentlichen Rundfunks durch die Kopie der privaten Spartensender unglaublich gesunken, was dazu führt, dass das potenzielle Publikum viele Musikarten — nicht nur Jazz — gar nicht mehr hören kann."

Hat Ullmann Recht? Ja und nein, lautet die Antwort des Jazzvereinsvorsitzenden Klaus Bolland. Er stimmt ihm insofern zu, als das Publikum, das sich der Kreis für die Freie Musik der Improvisation auch nach vielen Jahren intensiver Tätigkeit als Veranstalter nicht mehr sehr erweitert hat. Bollands Diagnose lautet: "Die Faszination für das genaue Hören, das nicht auf die Wiedererkennung von Melodien und Songs wie im Pop oder im Rock ausgerichtet ist, ist nicht sehr stark ausgeprägt." Man darf hinzufügen, dass diese Ansicht auch auf klassische Konzerte zutrifft. Das eine oder andere städtische Schlosskonzert fand weniger Beifall, sobald die Musiker den Mut zu Schönberg oder Strawinsky hatten.

Aber Bolland und sein Jazz e.V. resignieren deswegen nicht, was vor allem daran liegt, dass sie eben dieses Hinhören mögen und sich überraschen lassen wollen. Allenfalls bedauert er, dass viele junge Menschen sich für diese Musik nicht mehr interessieren. Gerade die würde er so gerne dafür begeistern, wohl auch in Erinnerung an seine eigene Jugendzeit. In den siebziger und achtziger Jahre hatte der Jazz eine seiner großen Zeiten als maßgebliche Kunstform erlebt.

Außerdem stimmt aus Dachauer Sicht Ullmanns Verdikt über das fehlende kulturelle Interesse nur bedingt. Gitarrist Elliot Sharp hat vor fünf Jahren den Dachauer Jazzverein für sein Live-Album "Concert in Dachau" ausgewählt, "weil das Publikum so genau hinhört, weil es ein Gefühl für leise Töne und filigrane Stimmungen hat". Mehr Kompliment geht nicht. Egal, ob die Altersstruktur nun jenseits der 50 Jahre oder darunter liegt. Egal, ob die Zahl der Zuhörer die Grenze von 100 kaum überschreitet. Elliot Sharp kommt nach Dachau in der Frühjahrsreihe des Jazz e.V..

Er ist wie Ullmann einer der maßgebliche Repräsentanten eines New Yorker Clubs mit dem Namen Knitting Factory. Dieser Jazzclub vereint nicht nur die maßgeblichen Musiker des Jazz, er vertreibt auch ein Label, das Musikgeschichte mit Konzerten und mit herausragenden Aufnahmen schreibt; wie jetzt mit der Sammlung der Musik von Fela Kuti aus Afrika, der 1997 starb. Der Dachauer Jazzverein darf sich schon wie der kleine Bruder dieser Factory fühlen, zumal seine meisten Künstler aus dem New Yorker Umfeld stammen. Was will man in Dachau, was will man in der Region München mehr, als eben diese Dachau-New-York-Connection? New Yorker Kunst quasi freihaus.

Das sagt sich übrigens auch der Bayerische Rundfunk, der am Freitag zum zweiten Mal nach Dachau kommt, um eines der Jazzkonzerte aufzunehmen. Elliot Sharp war mit seiner Jazz-Blues-Band Terraplane - benannt nach einem der bekanntesten Lieder von Robert Johnson - im Rundfunk schon zu hören. Insofern kann sich Ullmann zumindest darüber freuen, dass es im altbairischen Raum Rundfunkjournalisten gibt, die sich um Kultur in seinem Sinne bemühen. Was will man also mehr?

Klaus Bollands Antwort auf die Frage nach seinen Wünschen lautet: "Mehr Geld." Seit mehr als zehn Jahren ist der Zuschuss der Stadt Dachau für diese kleine, feine Reihe mit außergewöhnlich überregionaler Resonanz bei etwa 12 000 Euro festgeschrieben. Die Kosten für Unterkunft, Spesen, Reisezuschüsse sind in diesem Zeitraum enorm gestiegen. "Glücklicherweise", sagt Bolland, "hilft der Landkreis mit einem kleinen Zuschuss pro Konzert." Aber das Geld reicht trotz der steigenden Zahl an Mitgliedern nicht aus, um an die Zeit anzuschließen, als es in Dachau in der Reihe des internationalen Jazzherbstes und der Frühjahrskonzerte insgesamt zwölf, meist ausverkaufte Konzerte gab. Der Verein musste die Anzahl auf je vier Auftritte reduzieren, und wenn höhere Gagen bezahlt werden müssen, wie im vergangenen Herbst, reicht es gerade mal für zwei. Außerdem will Bolland an Experimenten festhalten, die sich an junge Zuhörer wenden. Ein solches Risiko muss man sich leisten können und künftig auch weiter dürfen.

Frühjahrsreihe des Jazz e.V. in der Dachauer Kulturschranne (Altstadt): Gebhard Ullmann mit der Formation Basement Research, Freitag, 1. März, 20 Uhr. No Reduce, Donnerstag, 28. März, 20 Uhr. Elliot Sharp, Donnerstag, 24. April, 20 Uhr. Der Gitarrist kommt mit seinem Trio, dem Bassisten John Edwards und dem Schlagzeuger Paul Lytton. Die Mitglieder von No Reduce sind: Christoph Irniger (Saxofon), Dave Gisler (Gitarre), Raffaele Bossard (Bass) und Nasheet Waits (Schlagzeug). Basement Research: Gebhard Ullmann (Saxofon), Steve Swell (Posaune), Julian Arguelles (Saxofon), Johan Hebert (Bass) und Gerald Cleaver (Schlagzeug).

© SZ vom 28.02.2013

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