80 Jahre nach der Reichspogromnacht Zeugnis der Zivilcourage

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm trägt an der jüdischen Gedenkstätte in Dachau eine Kippa.

(Foto: Toni Heigl)

Beim Gedenkgottesdienst auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte erinnern Geistliche und Politiker an die Opfer der Novemberpogrome von 1938. Der Holocaust-Zeitzeuge Walter Joelsen zieht Parallelen zwischen damals und heute.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Walter Joelsen hat Angst. Er ist 92 Jahre alt. Er hat den Holocaust überlebt. Die Nazis sperrten ihn ab 1944 in Zwangsarbeitslager, weil sie ihn als "Halbjuden" sahen. Jetzt, an diesem Volkstrauertag des Jahres 2018, sitzt Joelsen im Rollstuhl und spricht beim Gedenkgottesdienst in der Versöhnungskirche anlässlich der Novemberpogrome vor 80 Jahren. Er erlebe, sagt Joelsen, dass diejenigen schon längst wieder da seien, die wie damals unterscheiden würden: "Ich Deutscher, du Syrer, du Afghane", sagt er. "Ich habe Angst vor denen, die den Begriff Mensch vergessen und die Welt zerreißen. Ich habe Angst, dass es wieder passiert."

Rund hundert Menschen, darunter Politiker, Geistliche, Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde und Zeitzeugen, verfolgen an diesem Sonntagvormittag den Gottesdienst in der evangelischen Kirche auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, wo die Nazis 41 500 Menschen ermordeten.

Gegen Hass und Hetze

Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm hat den Gottesdienst mit den Pfarrern Björn Mensing und Claudia Mühlbacher liturgisch gestaltet. Er fordert die Christen in seiner Predigt dazu auf, sich gegen Hass und Hetze zu stellen. Wenn etwa im Freundeskreis gegen Ausländer, Flüchtlinge und Muslime geschimpft werde. "Wo auch immer antisemitische Parolen laut werden, sind wir gefordert. Das heißt heute, das Evangelium sichtbar zu bezeugen."

Die Zeitzeugen Walter Joelsen (r.) und Ernst Grube (l.) verfolgen den Gottesdienst in der evangelischen Versöhnungskirche.

(Foto: Toni Heigl)

Es ist ein eindrucksvoller Gottesdienst, insbesondere wegen der Reden der Holocaust-Überlebenden Walter Joelsen und Ernst Grube (85). Beide erkennen Parallelen zwischen heute und damals und äußern klar ihre Befürchtung, dass sich der Schrecken wiederholen könnte. Grube, den die Nazis mit seinen Geschwistern und Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportierten und der heute Präsident der Lagergemeinschaft Dachau ist, redet den anwesenden Landes- und Bundespolitikern ins Gewissen. "Die Menschenjagd, nicht nur in Chemnitz, hat gezeigt, was uns erwartet", wenn die rechte Sammelbewegung weiter Zulauf bekomme. "Dieser Entwicklung stellt sich die Politik zu wenig entgegen." Stattdessen würde die Europäische Union humanitäre Seenotrettung torpedieren. Und auch heute würden wieder Menschen in Lager gesteckt, "die Ankerzentren genannt werden und wo die Menschen nicht einmal selber kochen dürfen", sagt Grube. Für diese Menschen gelte der Artikel 1 des Grundgesetzes nicht mehr. Grube fragt: "Haben wir nicht genug von Lagern?" Vor dem Hintergrund des Einzugs der AfD in den Bundestag und in alle Landtage sagt Grube: "Wieder hat eine rechtsradikale Partei die Möglichkeit, das Parlament als Bühne zu nutzen." Im Jahr 2018, "in diesem nationalistischen Klima", werde der Antisemitismus wieder lauter und stärker.

Die Zivilgesellschaft müsse aus ihrer "Lethargie" aufwachen

Hendrik Hoppenstedt (CDU), Staatsminister bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), sagt nach Grubes Rede: "Wir erleben einen besorgniserregenden Antisemitismus, auch im öffentlichen Raum. Das dürfen wir nicht zulassen." Die Stimmen der Zeitzeugen würden immer leiser. Aus der Erinnerung erwachse ein Auftrag: "Die ganze Gesellschaft muss sich gegen Hass und Gewalt stellen." Nach dem Gottesdienst gehen die Gäste von der evangelischen Kirche zur jüdischen Gedenkstätte. Zwischen Kerzen, die brennen, fragt Vera Szackamer vom Zentralrat der Juden in Deutschland, wann solche Aussagen von Politikern verfingen? Die Zivilgesellschaft müsse aus ihrer "Lethargie" aufwachen.

Vor 80 Jahren hat sich kaum jemand hinter die verfolgten Juden gestellt. Walter Joelsen ist zwölf Jahre alt, als er alle seine Freunde verliert. Nachdem der Mob tobte und Fensterscheiben jüdischer Geschäfte in der Nacht auf den 10. November 1938 einwarf, trifft er seine Kameraden beim Ballspielen. Als sie ihn bemerken, schweigen sie. Er erzählt, er habe damals gedacht: "Jetzt wissen sie es. Joelsen Halbjude." Später im Zwangsarbeitslager muss Joelsen einmal mit anderen am Drahtzaun schuften. Draußen gehen Schulkinder vorbei. "Sie warfen Steine über den Zaun."

An diesem wolkenlosen Sonntag durchschneidet Eiswind die Luft an der KZ-Gedenkstätte. Auch in der Versöhnungskirche tragen Gäste viele Mütze und Schal. Jetzt hören sie der Sopranistin Helena Schneider zu, die einen Psalm der verstorbenen Auschwitzüberlebenden Rachel Knobler singt. Darin heißt es: "Ich kann alle meine Knochen zählen. Sie aber schauen zu und sehen auf mich herab."Und durch das Fenster der Versöhnungskirche strahlt um kurz vor Mittag kalt der Weltschmerz.