Israelitischen Kultusgemeinde München:Jüdische Geschichten

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Eine Ausstellung erzählt "Jüdische Geschichten aus München und Oberbayern"

"Sie waren unsere Nachbarn, und plötzlich waren sie weg", zitiert Sabine Bloch beim Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome, einen unter nichtjüdischen Deutschen nach Kriegsende weit verbreiteten Spruch, mit dem sie vorgaben, von allem nichts gewusst zu haben, von Dachau nicht, schon gleich gar nichts von Auschwitz und dem Massenmord an den europäischen Juden. Fast vergessen war, dass es auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands seit 1700 Jahren jüdisches Leben gibt - heute wieder ein vielfältiges und buntes Judentum. Eine exzellente Ausstellung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern am St. Jakobs-Platz erzählt "Jüdische Geschichten aus München und Oberbayern". Sie ist eher thematisch als chronologisch aufgebaut - von A wie Abraham de Municha bis Z wie Zuwanderung bietet sie vielfältige Einblicke in das jüdisches Leben in Bayern bis in die heutige Zeit. Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums, und ihr Team haben zu der Ausstellung, die noch bis 21. November zu sehen sein wird, auch einen spannenden, reich bebilderten Katalog zur Ausstellung erstellt, der dem Leser viel Wissen über das Judentum und das Wirken Münchner Jüdinnen und Juden für die Landeshauptstadt und ihr Umland vermittelt. Die Dachauer finden darin unter anderem den Namen Max Wallach, der eine Weberei und Stoffdruckerei in der Oskar-von-Miller-Straße in Dachau leitete, die das Volkskunsthaus Wallach in München belieferte.

Jener Max Wallach war mit seiner Frau Melitta unter den 15 jüdischen Einwohnern Dachaus, die in der Nacht auf den 9. November 1938 aus München vertrieben worden sind. Sie wurden in Auschwitz ermordet. Eine jüdische Gemeinde gab es im Dachauer Land nie, einzelne jüdische Bewohner sind aber seit Ende des 13. Jahrhunderts bekannt. Anfang 1830 taucht der Name Isaak Schleißheimer auf, der aus Dachau stammte, in München starb und testamentarisch dem Almosenhaus in Dachau die hohe Summe von 2000 Gulden vererbt hat. Die jüdischen Dachauer Familien, die 1938 vertrieben wurden, lebten nicht seit Generationen in der Stadt. Ironie der Geschichte: In Dachau, das galt auch für München, waren nach Kriegsende mehr Jüdinnen und Juden als vor der Shoah.

Im Kloster Indersdorf entstand ein Kinderheim für jüdische Waisen, auf das die Ausstellung auch hinweist. Im Landkreis Dachau gründeten junge Männer und Frauen einen Kibbuz, in dem sie Ackerbau und Viehzucht lernten und sich auf ihr Leben im 1948 gegründeten Staat Israel vorbereiteten. Im Dezember 1945 riefen etwa 110 Juden in der Stadt ein "Jewish Committee Dachau" ins Leben. Dann kamen auch Überlebende aus Osteuropa, die vor gewalttätigen Übergriffen in ihren Heimatländern nach Westen flüchteten. In Dachau sollen es bis November 1946 mehr als 300 Menschen gewesen sein. Hier leiteten Joel Sack und Isidor Seligmann die Gemeinschaft der sogenannten DP's in einem Büro in der Frühlingsstraße 4. Von den Überlebenden hielten sich die nichtjüdischen Dachauer allerdings fern. 1948, nach der Proklamation des Staates Israel, wurden die Gemeinschaften aufgelöst, die Menschen gingen weg. Einige nach München - in Dachau blieb nur einer zurück, Nikolaus Lehner (1923-2005), der zeitlebens für die Erinnerung kämpfte.

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