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Glosse:Winterschlaf bis zum Mai

Morgens um sieben, nur noch bisschen in den Kissen dösen. Doch der Radiowecker meldet Katastrophen: Mikrorisse in der Windschutzscheibe des Autos,  Reifenwechsel im Frühling - oder laut Wetterbericht doch eher Schnee.

Von Alexandra Leuthner

Neulich, im April, um kurz vor sieben aus dem Schlaf geschreckt, dem Radiowecker einen wütenden Schlag verpasst, beim Nocheinbisschendösen vom nervtötenden Werbegefasel einer Autoglasreparaturwerkstatt geträumt: "So ein Steinschlag ist alles andere als harmlos. Da genügt schon ein Schlagloch, und die Scheibe kann reißen." Tausende Mikrorisse ziehen sich durch den Dämmerschlaf, panische Steinschlagfantasien, war da nicht neulich dieser Knall auf der Scheibe? Haben sich die Mikrorisse schon ausgebreitet? Ist das Auto noch sicher? Unbedingt überprüfen! Ausgedöst! An Schlaf ist eh nicht mehr zu denken. Barfuß zum Auto.

Dort ist alles in Ordnung, die Frühlingssonne spiegelt sich in der völlig intakten Frontscheibe, die Vögel zwitschern voller Optimismus. Doch halt, Frühlingssonne - wie war das mit den Sommerreifen? Von O bis O hat man einst gelernt? Ostern und Oktober sind die Signalwörter für den Reifenwechsel, warmer Asphalt Gift für weichen Wintergummi. Also gleich die Werkstatt kontaktiert - Morgenstund hat Gold im Mund -, nicht wieder zu spät dran sein wie in den Vorjahren, als auf Wochen hinaus kein noch so kleiner Slot zu kriegen war bis in den Mai, und die Unterkante des Wagens eine Delle nach der anderen abbekam, weil man in der Not selbst Hand angelegt hatte. Diesmal sollen die Profis ran, und zwar rechtzeitig. Zehn Minuten später ist der Termin gebucht, erstaunlich reibungslos. Gerieben werden nur die Hände, voller Genugtuung, einmal nicht unter den Letzten zu sein. Aufbruchsstimmung, die Sonne scheint.

Doch dann, am nächsten Morgen meldet sich erneut das Radio. Unbarmherzig. Der Wetterbericht. Eis! Temperaturen unter Null. Dauerschneefall. Von Machtkampf zwischen Frühling und Winter ist die Rede - letzterer naht bereits schon wieder. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Auch am Abend nicht, als der angesagte Schnee dem Dachfenster eine zentimeterdicke Auflage verpasst. Wie war das noch mit der situativen Winterreifenpflicht? Verdammt! Da bleibt nur eins - zurück ins Bett! Wecker aus, Rollläden zu, Winterschlaf. Bis zum Mai.

© SZ vom 13.04.2021
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