bedeckt München 27°

Geschichte:Für eine Zeit Dachauer

Tadeusz Biernacki hat das Grauen im KZ Dachau überlebt. Der polnische Häftling musste Malariaversuche über sich ergehen lassen und bei Messerschmidt Zwangsarbeit leisten.

(Foto: Plakat)

Plakatserie erinnert an den KZ-Überlebenden Tadeusz Biernacki

Unter der Rubrik "für eine Zeit ein Dachauer" hängen derzeit überall in der Stadt Plakate von Tadeusz Biernacki. Der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung in Dachau erinnert an den polnischen Pfadfinder, der im KZ Dachau Malariaversuche über sich ergehen lassen und bei Messerschmidt Zwangsarbeit leisten musste. Tadeusz Biernacki, 1923 in Lodz geboren, hatte keine Geschwister, deshalb suchte er die Gemeinschaft zu anderen Jugendlichen. 1934 fand er sie bei den Pfadfindern. Er war begeistert von Ausflügen und Natur. Doch nach dem Einmarsch der Deutschen 1939 wurden die polnischen Pfadfinderverbände verboten. Tadeusz trat der geheimen Pfadfinderorganisation "Szare Szeregi" bei, die die besttrainierten Einheiten der polnischen Heimatarmee stellten. Wegen dieser Mitgliedschaft wurde Biernacki mit 17 Jahren verhaftet und am 8. Juni 1940 nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert. Er kam in Gestapohaft und wurde im Juni 1943 in das KZ Dachau überstellt, wo er unter anderem Malariaversuchen unterzogen wurde.

Am 1. Oktober 1943 wurde er ins Außenlager Kottern gebracht, wo er als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurde. Die Häftlinge sollten eine ehemalige Weberei in einen Rüstungsbetrieb umbauen, in dem für die Firma Messerschmitt Werkzeuge zum Flugzeugbau hergestellt werden sollten. Die Firma "Werkzeugbau Kottern" stellte Monate nach Kriegsende eine Namensliste von KZ-Häftlingen zur Verfügung, auf der Tadeusz Biernacki mit der Nummer 54282 vermerkt ist.

Etwa zeitgleich mit dem Eintreffen der ersten Gefangenen wurde mit dem Bau des eigentlichen Lagers begonnen, das die Häftlinge selbst bauen mussten und das etwa im Frühjahr 1944 bezogen wurde, jedoch bis Kriegsende nie ganz fertiggestellt wurde. Die Häftlinge mussten jeden Tag zu ihrem Arbeitsplatz marschieren. Nach einem verheerenden Luftangriff im Juli 1944 wurden große Teile des Lagers zerstört. Die hygienischen Zustände waren katastrophal, Toiletten wurden erst kurz vor Kriegsende fertiggestellt. Am 23. April 1945 wurde das Außenlager evakuiert und die Häftlinge auf einen "Todesmarsch" Richtung Tirol geschickt. Thadeusz Biernacky entschloss sich, zusammen mit anderen Häftlingen zu fliehen, da ein SS-Mann vor Erschießungen warnte. Es gelang ihm, sich im Haus eines alten Mannes zu verstecken. Am 26. April befreiten die Amerikaner die Gegend und Biernacki wurde in ein "DP-Camp" nahe Kempten gebracht. Dort erholte er sich von den Folgen seiner Gefangenschaft und trat in die polnische Armee ein. Als Soldat bewachte er deutsche Kriegsgefangene bei Kitzingen. 1946 kehrte er nach Polen zurück, studierte, gründete eine Familie und ließ sich in Poznan nieder. Thadeusz Biernacki war Vorsitzender der polnischen Lagergemeinschaft. Er starb 2010 in Poznan.

© SZ vom 08.07.2020 / SZ

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite