Fünfzigerjahre:Das Schweigen und die Verdrängung vermischten sich

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Im scharfen Kontrast zu diesen existenziellen Nöten steht ein ganz oberflächliches Problem vieler junger Mädchen, das Thiel ebenfalls herausarbeitet. Viele einheimischen Frauen sahen in den Mädchen der zurückgekehrten Vertriebenen eine Konkurrenz. Die Mädchen aus dem ehemaligen Schlesien oder Polen waren oft besser gekleidet und sorgten so für "eine gewisse gegenseitige Eifersucht", schreibt Thiel.

Die Menschen gewöhnten sich allerdings nur langsam an ihr neues Vermögen, an die vielen Möglichkeiten und die neue Lebensqualität. Langsam verbesserte sich auch das Leben in den Dörfern. Die Straßen wurden geteert, Schulen ausgebaut, die Häuser wurden an das Stromnetz angeschlossen. Viele Dachauer konnten sich nun ein Auto leisten. Gerade Waschmaschinen und Kühlschränken standen ganz oben auf der Wunschliste der Menschen. Für viele Dachauer, gerade auf dem Land, war das jedoch unnützer Luxus, erzählt Annegret Braun. Man musste sich dann "mitunter neidvolle Kommentare anhören."

50er Jahre Ausstellung

In der Schule erleben die Kinder Zucht und Ordnung von bisweilen zweifelhafter Art.

(Foto: oh)

Noch außergewöhnlicher für damalige Verhältnisse war es, wenn jemand aus dem Dorf einen Fernseher besaß. Eine Zeitzeugin erinnert sich, sie habe das Gerät sogar unter einer Decke versteckt, um es so vor neugierigen Blicken zu schützen. Später waren dann die Kinder aus der Nachbarschaft zu Besuch. Auch sie wollten fernsehen. "Mei, dann hom ma koan Platz nimmer ghobt herin", erzählt sie.

Den Wohlstand, das bessere Leben wollten sich die Menschen nicht durch die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus zerstören, schreibt Helmut Beilner, der diese Zeit selbst erlebt hat. In den Dachauer Familien wurde eine mögliche Mittäterschaft der Verwandten fast nie thematisiert. Das Schweigen und die Verdrängung vermischten sich, eine Konfrontation blieb dadurch aus. Doch viele der Verhaltensweisen, die den Menschen während des Kriegs durch die NS-Propaganda eingetrichtert wurde, behielten sie bei.

Ob aus Gewohnheit oder Überzeugung, lässt sich heute kaum noch rekonstruieren. Auf Gedenkfeiern sangen die Menschen noch immer vaterländische Lieder, als wäre alles immer noch so ähnlich wie früher, wie Beilner erzählt. Auch im Unterricht brachen immer wieder alte Verhaltensmuster durch, die manche Lehrer während der NS-Zeit erlernt hatten. Es kam vor, dass Schüler in einer Unterrichtsstunde feindliche Lager bilden mussten, sich mit Zweigen tarnen und das Lager der anderen Gruppe erstürmen sollten, berichtet Beilner. Im Turnunterricht lernten die Schüler Marschieren und sangen nebenbei Lieder, die dem Vaterland huldigten. All das mag zwar nur auf persönlichen Erinnerungen Beilners basieren, doch ähnliches dürfte in Schulen in der ganzen Bundesrepublik passiert sein.

Der Sammelband bringt vieles ans Tageslicht, das lange im Schatten lag. Vermutlich gerade deshalb ist das Buch beim Dachauer Publikum heute so beliebt und erfolgreich. Der detaillierte Blick auf das Leben in den unterschiedlichen Gemeinden des Landkreises, eingeordnet in einen historischen Rahmen, ist in dieser Vielfalt noch nie getätigt worden. Augenzeugenberichte ergänzen wissenschaftliche Aufsätze. Und die vielen abgebildeten Fotografien aus vor allem privaten Sammlungen machen das Erzählte nachvollziehbarer.

Viele Dachauer, die in dieser Zeit aufgewachsen sind, dürften sich nur noch verschwommen an diese Jahre des Aufschwungs erinnern. Mit dem Werk und der begleitenden Wanderausstellung erhalten sie nun einen neuen, wissenschaftlichen und auch differenzierten Blick auf das, was ihre Kindheit und Jugend geprägt hat. Das Werk ist ein weiteres wichtiges Puzzleteil in der Aufarbeitung der vielschichtigen Nachkriegsjahre.

Der Sammelband "Die 50er Jahre im Landkreis Dachau - Wirtschaftswunder und Verdrängung" der Dachauer Diskurse ist im Herbert Utz Verlag erschienen und kostet 36,80 Euro.

Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau

Die Geschichtswerkstatt forscht über historische Entwicklungen, Ereignisse und Biografien im Landkreis Dachau in Zusammenarbeit mit Museen, Vereinen, Archiven, Schulen und der KZ-Gedenkstätte Dachau. In Ausstellungen und Aufsätzen werden die Ergebnisse präsentiert oder wie jetzt in einem Buch. Das aktuelle Forschungsprojekt "Die 50er Jahre - Wirtschaftswunder und Verdrängung" startete im Februar 2016 mit einem einführenden Lehrgang. Ziel der Geschichtswerkstatt ist es, die Regionalgeschichte zu erforschen. Die Mikro-Perspektive und die Befragung von Zeitzeugen leisten einen wichtigen Beitrag zur Geschichtswissenschaft. Auch die Verbundenheit mit der Region soll damit gefördert werden. In der Geschichtswerkstatt engagieren sich Menschen aus dem Landkreis Dachau, um die lokale Zeitgeschichte zu erforschen: Alteingesessene und Zugezogene, Wissenschaftler, ausgebildete Heimatforscher und historisch interessierte Laien.

Zahlreiche Institutionen fördern das Projekt. In Kofinanzierung mit dem Landkreis Dachau und den Kommunen ist auch der Regionalentwicklungsverein Dachau Agil beteiligt. Seit 2015 gehören zu den Förderern auch die Sparkasse Dachau, die Erwachsenenbildungseinrichtung "Dachauer Forum" sowie die Volkshochschulen Dachau Land. In einem früheren Projekt hat sich die Geschichtswerkstatt bereits mit dem Verhältnis des Landkreises zum Konzentrationslager Dachau auseinandergesetzt und mit der Nachkriegszeit im Landkreis.

Nun sind folgerichtig die 50er-Jahre dran, eine Zeit, bei der viele sofort an Petticoat und Pferdeschwanz denken, an Jazz-Musik und Rock'n Roll, an Urlaub in Italien, an Neubau-Wohnsiedlungen und immer mehr Menschen, die sich ein Autos leisten können. Doch die 50er Jahre sind mehr als das Wirtschaftswunder. Es ist auch eine Zeit, in der die Erinnerungen an den Nationalsozialismus verdrängt wurden und doch weiter wirkten.

Bereits im Februar dieses Jahres war erstmals die dazugehörige Wanderausstellung in der Sparkasse Dachau zu sehen mit zahlreichen Exponaten aus den 50er Jahren, vom Nierentisch bis zur Isetta. Zuletzt war die Ausstellung im Rathaus Hebertshausen zu sehen, allein zur Eröffnung kamen mehr als 100 Besucher. Wer die Ausstellung verpasst hat, hat nach den Sommerferien Gelegenheit dazu, den Besuch nachzuholen: Von 12. bis 21. Oktober gastiert die Ausstellung in Schwabhausen, von 8. bis 9. Dezember ist sie in Pfaffenhofen an der Glonn zu sehen und zu guter Letzt in Karlsfeld. Dort läuft sie von Januar bis März 2019. SZ

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