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Erinnerungspolitik:Mehr als 800 000 Besucher im Jahr

Interesse an KZ-Gedenkstätte Dachau bleibt ungebrochen

Den KZ-Gedenkstätten kommt nach Überzeugung der Historikerin Gabriele Hammermann weiterhin eine wichtige Rolle bei der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu. Das gelte auch mit Blick auf das nahende Ende der Zeitzeugen-Ära, sagte die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau dem Evangelischen Pressedienst am Freitag. Das Interesse an den Gedenkstätten sei ungebrochen, in Dachau sei die Besucherzahl in den vergangenen Jahren ständig gestiegen und liege nun bei mehr als 800 000 pro Jahr. Allerdings sei das altersbedingte Verschwinden der letzten Überlebenden des Holocaust ein "großer Verlust" für die Gedenkkultur. "Der Besuch einer KZ-Gedenkstätte kann in der Regel durch nichts ersetzt werden", unterstrich Hammermann.

Am Ort des Geschehens würden den Besuchern häufig Dinge und Zusammenhänge klar, über die sie vorher nicht weiter nachgedacht hätten. Die Gedenkstätten hätten als Schauplatz der NS-Verbrechen eine wichtige Funktion: "Die historischen Spuren vor Ort sind ein Beweis dafür, dass die NS-Verbrechen tatsächlich stattgefunden haben. Davon möchten sich viele Menschen einen eigenen Eindruck machen." Dass es immer weniger überlebende Zeitzeugen gebe, bedeute für die Gedenkstättenarbeit einen großen Verlust: "Zeitzeugengespräche mit den Überlebenden haben eine ganz entscheidende Rolle in unserer Arbeit gespielt und tun es noch heute: Die persönliche Begegnung mit einem ehemaligen KZ-Häftling berührt und bewegt die Besucher am meisten", sagte Hammermann. "Niemand wird diese Aufgabe in gleicher Weise in Zukunft fortsetzen können."

Die KZ-Gedenkstätten blieben jedoch als historische Orte weiterhin bedeutsam. "Die Gedenkstätten bereiten sich bereits seit mehreren Jahren auf das Ende der Zeitzeugen-Ära vor", sagte Hammermann. Das geschehe etwa durch den Erhalt der historischen Relikte, die Konzipierung von Ausstellungen und die Entwicklung eines attraktiven Bildungsprogramms. Zugleich habe das Ende der Zeitzeugen-Ära Konsequenzen für die Gedenkkultur. "Meines Erachtens muss die Verantwortung für die Erinnerung an die Häftlinge der Konzentrationslager und den Holocaust von vielen gesellschaftlichen Gruppen in einer möglichst pluralistischen Weise getragen werden", sagte die Historikerin. Zudem müssten die Angehörigen der zweiten und dritten Generation der Opfer und die Nachkommen der Täter und Mitläufer die ethische Aufgabe der Erinnerung übernehmen.

Die Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau wurden am 29. April 1945 von US-Truppen befreit. Das Lager war 1933 von den Nationalsozialisten errichtet worden und diente als Modell für alle späteren NS-Konzentrationslager. In den zwölf Jahren seines Bestehens waren dort und in zahlreichen Außenlagern mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, 41 500 wurden ermordet. Die heutige KZ-Gedenkstätte wurde 1965 auf Initiative des Internationalen Lagerkomitees Dachau gegründet.

© SZ vom 29.04.2017 / epd

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