Erinnerungskultur Gedenkgottesdienst im Zeichen der Solidarität

Im "Block 16" des Konzentrationslagers Dachau wurde Hermann Fuld im November 1938 ermordet.

(Foto: oh)

Zeitzeugen, Geistliche und Politiker gedenken an diesem Sonntag in der Versöhnungskirche der Opfer des Nationalsozialismus.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Am späten Abend des 15. November 1938 betritt SS-Obersturmführer Franz Hofmann den Block 16 des Konzentrationslagers Dachau und mordet. Die Häftlinge drängen sich gerade aus dem Waschraum in der Baracke. Es dauert, bis alle fertig sind. Der 64-jährige Kaufmann Hermann Fuld kommt als letzter aus dem Waschraum. Das reicht dem SS-Mann als Vorwand. Hofmann brüllt, er zieht seine Dienstpistole. Und schießt Hermann Fuld in den Kopf.

Hermann Fuld aus Weiden ist einer der ersten Menschen, die von der SS im Zuge der Novemberpogrome 1938 im KZ Dachau ermordet wurden. Fünf Tage vor seinem Todesdatum sperren ihn die Nazis mit fast 11 000 anderen jüdischen Bürgern in das Lager. Insgesamt sterben in Dachau 41 500 Menschen.

Hermann Fuld war eines der ersten Mordopfer im KZ Dachau nach den Pogromen 1938.

(Foto: oh)

Die Reichspogromnacht jährt sich zum 80. Mal

Die Reichspogromnacht hat sich heuer zum 80. Mal gejährt. Zu diesem Anlass erinnern Zeitzeugen, Geistliche und Politiker am Sonntag, 18. November, um 10 Uhr an die Opfer der Nationalsozialisten im Rahmen eines Gottesdienstes der Versöhnungskirche, den der Deutschlandfunk live im Radio überträgt. Unter anderem sprechen die Holocaustüberlebenden Walter Joelsen (92) und Ernst Grube (85), der Präsident der Lagergemeinschaft Dachau ist. Auch der Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und Vera Szackamer von der Israelitischen Kultusgemeinde ergreifen das Wort. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schickt ihren Staatsminister Hendrik Hoppenstedt mit einer Botschaft. Daneben hat Max Emanuel Herzog in Bayern (81) sein Kommen zugesagt. Die Nazis nahmen den Urenkel des letzten Bayerischen Königs Ludwig III. in "Sippenhaft". Im April 1945 kam er nach Dachau.

Bei dem Gottesdienst will man auch an die elf Menschen erinnern, die ein Antisemit am 27. Oktober in der Synagoge in Pittsburgh erschoss. "Auch in Deutschland wächst die Gewalt gegen Juden, Muslime und Geflüchtete", sagt Pfarrer Björn Mensing und fordert "alle demokratischen Mitbürger" dazu auf, "am Sonntag ein deutliches Zeichen der Solidarität zu setzen". Mensing sagt, "leider Gottes" seien in den vergangen Wochen "rechtsradikale Verharmloser von NS-Verbrechen" in die Landtage von Bayern und Hessen eingezogen. Vor diesem Hintergrund appelliert er an die anderen Fraktion im Parlament, "der AfD auf keinen Fall den Vorsitz im für die Erinnerungsarbeit so wichtigen Bildungsausschuss" zu überlassen.

Der Sohn eines KZ-Häftlings sendet Grüße aus den USA

Mensing hat im Vorfeld des Gottesdienstes Hans Fuld kontaktiert, den Sohn des KZ-Häftlings Hermann Fuld. Der 89-Jährige lebt heute unter dem Namen Harry Fuld in den USA. Anlässlich des 80. Todestages seines Vaters hat er das Grußwort für die Gedenkfeier verfasst. Er erinnere sich genau an die Verhaftung seines Vaters am 10. November 1938, schreibt er darin. Seiner Familie hätten die Nazis mitgeteilt, dass sein Vater zusammen mit anderen Juden ins KZ Dachau gebracht worden sei, wo er einige Tage später ermordet wurde. "Ein paar Tage nach der Kristallnacht reiste meine Mutter nach München, um die sterblichen Überreste meines Vaters zu übernehmen." Sie habe dafür gesorgt, dass er auf dem Jüdischen Friedhof in München beigesetzt wurde. "Meine Geschichte endet nicht hier. Tatsächlich war dies nur der Anfang." Mit seiner Mutter und seinem Bruder konnte Hans Fuld 1939 nach Amerika fliehen. "Das Teilen dieser Geschichten ist so wichtig", schreibt Harry Fuld an Mensing. "Ich bin dankbar, dass Ihr Euch dafür einsetzt, das anderen zu vermitteln."

Neben Hermann Fuld steht beim Gottesdienst auch das Schicksal des evangelischen Pfarrers Helmut Hesse im Fokus. Er protestierte 1943 in einem Gottesdienst in Elberfeld (heute Wuppertal) gegen die Judenverfolgung. In Folge dessen verschleppten ihn die Nazis ins KZ Dachau, wo sie ihn so sehr bestraften, dass er fortan an einer Nierenerkrankung litt. Am 24. November 1943 starb Helmut Hesse, weil ihm die Nazis Medikamente verweigerten.