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Dachaus Gastronomie ohne Gäste:Der Herd bleibt trotzdem an

Die Gastronomen im Landkreis Dachau gehen ganz unterschiedlich mit der Corona-Krise um. Die einen bringen das Essen zu ihren Kunden, andere kochen für Bedürftige oder schließen ihren Laden ganz

Von Jacqueline Lang, Dachau

Gegessen wird immer - das zumindest besagt der Volksmund. Seit der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) aber vor nunmehr drei Wochen die Ausgangsbeschränkungen verhängt hat und gastronomische Betriebe, die zunächst noch bis 15 Uhr offen haben durften wie viele andere Geschäfte schließen mussten, ist es für Restaurants und Imbisse aber zunehmend schwieriger geworden, ihre Speisen an die Leute zu bringen. Einige Gastronomen im Landkreis Dachau haben sich deshalb dazu entschlossen, ihre Läden zumindest vorerst zu schließen. Andere wiederum bieten neuerdings einen Abholservice an und wiederum andere haben sogar auf die Schnelle einen Lieferservice auf die Beine gestellt - damit sie ihre Kunden auch in Zeiten der Krise mit ihrem Lieblingsessen versorgen können.

Wie viele andere ist Artur Lackner von dem grassierenden Virus und seinen Folgen für das gesellschaftliche Leben überrascht worden. Als es zunächst geheißen habe, dass Restaurants und Cafés tagsüber noch geöffnet haben dürfen, wenn sie die Tische weiter auseinanderstellen, sei ihm schon klar gewesen, dass diese Regelung nicht lange Bestand haben würde, so der Geschäftsführer der Vinothek Steirer in Dachau. Mit seinen Mitarbeitern habe er dann bei einem Meeting über Möglichkeiten gesprochen, um das Geschäft am Laufen zu halten - und ohne die Angestellten in Kurzarbeit schicken zu müssen. "Wir wollen weiter ein bisschen Normalität vermitteln", sagt Lackner. Zwischen 17 und 20 Uhr können Gäste deshalb nun ihre Bestellung aufgeben und im Abstand von 15 Minuten am Eingang abholen. Obwohl die Art der Bewirtung für Lackner und sein Team, das seit gut 30 Jahren auf eine gehobene Küche mit Zutaten in Bioqualität setzt, ungewohnt ist, läuft der Abholservice gut. "Wir sind nicht das klassische Take-away, aber genau das schätzen unsere Kunden."

Samstagskinder

Im Café Samstagskinder können die Bestellungen ebenfalls am Eingang abgeholt werden.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Allerdings weiß er auch, dass viele seiner Stammgäste zur Risikogruppe gehören und deshalb nicht zum Abholen vorbeikommen können. Für all diese Menschen würde er gerne einen Lieferservice anbieten, aber das wäre "deutlich kostenintensiver", und nachdem die Banken gerade mit finanzieller Unterstützung sehr "zurückhaltend" seien, müsse man sehen, wie sich die Lage weiter entwickle. Einen Namen hätte er allerdings schon: "Steirer bringt's".

In einem gemeinsamen Appell mit dem Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) haben Michael Groß, der Kreisvorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) sowie Isabel Seeber (BDS-Ortsgruppe Münchner Straße) und Susanne Reichl-Weichselbaumer (LAD Dachau) bereits vor gut einer Woche zu Solidarität mit Gaststättenbetreibern und anderen von den Beschränkungen betroffenen Unternehmen aufgerufen. Bürger sollten sich über Angebote der örtlichen Geschäfte informieren, heißt es. "Damit leisten sie aktive Wirtschaftsförderung vor Ort." Noch sei nicht absehbar, wann die Betriebe wieder öffnen dürften. Klar sei jedoch eines: "Die Zeit nach Corona wird kommen. Wie unsere regionale Einzelhandels- und Gaststättenlandschaft dann aussehen wird, das können wir Dachauerinnen und Dachauer aktiv beeinflussen. Lasst uns das gemeinsam tun: solidarisch und mit einem Herz für die lokalen Gewerbetreibenden."

Übertragen lässt sich dieser Appell auch auf die umliegenden Gemeinden. Das Dönerheisl am Petershausener Bahnhof etwa hat schon seit drei Wochen einen eigenen Lieferservice. Anfangs noch für alle Kunden, nun nur noch für jene, die wirklich darauf angewiesen sind. Für seine Angestellten falle durch die Umstrukturierung ohnehin mehr Arbeit an, so Inhaber Ali Hano.

"Wahrscheinlich wäre es schlauer, den Laden zuzusperren", sagt der Imbissbesitzer, der mit Einbußen bis zu 60 Prozent rechnet. Trotzdem hat er sich dagegen entschieden. Einerseits will er seine Kunden nicht im Stich lassen, andererseits würde ihm selbst auch daheim die Decke auf den Kopf fallen. Er ist es gewohnt, den ganzen Tag hinterm Tresen zu stehen. Eine "komische Phase" ist es für Hano aber noch aus einem anderen Grund: Eigentlich wollte er demnächst eine zweite Filiale eröffnen, nun muss er zusehen, dass er sein Geschäft "aufrechterhalten kann".

Döner Verkauf

Der Besitzer des Dönerheisls hat die unbenutzten Stühle zur Absperrung umfunktioniert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Gabi Eser, stellvertretende Dehoga-Kreisvorsitzende und Wirtin der Schlossbrauerei Odelzhausen, sagt, sie habe trotz der kritischen Lage von einzelnen Betrieben noch keine Hilferufe vernommen, zumal man ja ohnehin mit Informationen überflutet werde. "Aber die Angst rumort sicherlich in jedem ein bisschen." Sie selbst hat sich gegen einen Außerhausservice entschieden. Die meisten Odelzhausener würden in diesen Tagen ohnehin zu Hause kochen, und alle von weiter her "sollen am besten einfach zu Hause bleiben".

Dass das Hotel & Café Paso neuerdings einen Lieferservice hat, hat sich indes offenbar noch nicht in ganz Vierkirchen herumgesprochen. Der Großteil der Kunden komme nach wie vor selbst zum Abholen vorbei, sagt Silke Trinkl. Bis auf Nachspeisen könne nach wie vor aber alles geliefert oder abgeholt werden, wenn auch nur noch abends von 17 bis 20.30 Uhr, weil die Angestellte Trinkl und all ihre Kollegen in Kurzarbeit geschickt worden sind. Am Karfreitag kommende Woche gibt es trotzdem bei Vorbestellung Steckerlfisch zum Mitnehmen. "Wir wollen unsere Kunden schließlich nicht enttäuschen", so Trinkl.

Restaurant Steirer

In der Vinothek Steirer läuft der Betrieb in der Küche normal weiter, abgeholt werden kann im 15-Minutentakt an der Tür.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Idee zu liefern greifen aber nicht nur klassische Restaurants und Cafés auf: Vom kommenden Montag an will auch der Hof Rosenrot in das Geschäft einsteigen. Schon seit 2016 betreiben Doris Gibson und die anderen Künstlerinnen auf dem Hof bei Markt Indersdorf nebenbei ein kleines Café. Die selbstgebackenen Kuchen, die sie dort verkaufen, soll man sich nun immer dienstags und freitags auch liefern lassen oder abholen können. "Ich glaube nicht, dass wir damit reich werden", sagt Gibson. Aber geringe Einnahmen seien besser als gar keine.

Der Onlineshop vom Café Samstagskinder, der ursprünglich als ein Projekt in weiter Zukunft gedacht war, ist unter anderem aus dem Wunsch der Gäste entstanden, sie zu unterstützen. Bestellt werden könne unterschiedliche Pakete - vor allem Osterware, aber auch alles für ein Frühstück daheim. Die Pakete werden von Inhaberin Annika Wenzel und ihren Kolleginnen zusammengestellt, die Abholung erfolgt dann an der Ladentür. Zudem gibt es seit vergangener Woche mittwochs und donnerstags bei Bestellung bis zum Vorabend die Möglichkeit auf ein warmes Mittagessen. Den Laden könnten sie damit auf Dauer nicht finanzieren, sagt Wenzel. "Es geht uns einfach darum, nicht machtlos zu sein."

Lonesome City

Die Tische vieler Restaurants bleiben in diesen Tagen leer.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Darum nicht einfach nur herumzusitzen geht es Claudia Augustin. Sie betreibt das Café Zaunkönig. Nach Bekanntwerden der Ausgangsbeschränkungen hat sie ihre Vorräte an die Dachauer Tafel gespendet, nun kocht sie regelmäßig Suppen für die Kunden der gemeinnützigen Organisation. Teils mit übrig gebliebenen Lebensmitteln der Tafel, teils kauft sie auch selbst noch zu. "Wenn man sonst schon nichts tun kann, kann man wenigstens anderen helfen", so ihre Devise. Seit Donnerstag können aber auch andere Kunden wieder in den Genuss ihrer Kochkünste kommen und selbstgebackenen Kuchen bestellen. "Wir unterstützen die Dachauer Tafel, vielleicht hat ja jemand Bedarf und unterstützt uns", schreibt sie dazu auf Facebook.

Die Dachauer Kulturschranne ist Restaurant und Veranstaltungsstätte gleichermaßen. Seit dem Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen ist die Schranne zu. Gründe habe das mehrere, erklärt Chefin Christiane Liebhart: Zum einen steht für sie die Gesundheit ihrer Angestellten, wie Kunden an erster Stelle. Darüber hinaus werde die Küche gerade umgebaut, weshalb ein Außerhausservice ohnehin nur vorübergehend möglich gewesen wäre. Und dann komme noch dazu, dass sie denen, die normalerweise liefern, nichts "abknabbern" will, weil es ja ohnehin für alle eine schwere Phase ist.

So gegen die Gastronomen im Landkreis unterschiedlich mit der Situation um. Verbunden sind sie aber in einem: dem Wunsch, dass die Normalität bald zurückkehrt - und damit auch ihre Gäste.

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© SZ vom 03.04.2020
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