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Leerstand im Landkreis Dachau:Wenn die Fenster dunkel bleiben

Derzeit geht man davon aus, dass mindestens 1800 Wohnungen im Landkreis unbewohnt sind.

(Foto: Toni Heigl)

Mehr als 1800 Wohnungen sollen leer stehen. Ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München soll nun Erkenntnisse liefern.

Allerorten entstehen derzeit neue Baugebiete. Immer höher und dichter werden die Häuser und Siedlungen. Doch trotz der regen Bautätigkeit: Die Wohnungsnot bleibt. Politiker und soziale Einrichtung im Landkreis Dachau wollen deshalb jetzt neue Wege beschreiten, um vor allem Menschen, die nicht so viel verdienen, bei ihrer oft verzweifelten Suche nach einer neuen Bleibe zu helfen. Statt nur Neubauten zu forcieren, sollen nun auch leer stehende Wohnungen und Häuser auf den Markt zurückgeführt werden. "So können wir die hohen Preise herunterbringen und den überhitzten Markt beruhigen", erklärt der Hebertshausener Bürgermeister Richard Reischl (CSU). Mit dieser Idee stieß er bei seinen Bürgermeisterkollegen und vielen Kreisräten auf positive Resonanz. Deshalb unterstützt der Landkreis nun ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München, das die Leerstände untersucht. Er stellt dafür 115 000 Euro zur Verfügung, der Freistaat Bayern fördert das Pilotprojekt mit weiteren 135 000 Euro. Eventuell will sich auch die Caritas finanziell beteiligen.

Drei Jahre lang will Professor Elisabeth Wacker vom Lehrstuhl für Diversitätssoziologie leer stehende Wohnungen und Häuser im Landkreis aufstöbern, mit den Eigentümern über die Gründe des Leerstands reden und Vorschläge erarbeiten, was man tun kann, um sie eventuell doch noch zu vermieten. Zwölf Mitarbeiter werden voraussichtlich mit dem Thema beschäftigt sein. Eine Doktorarbeit soll in dieser Zeit entstehen. Im Frühjahr oder Frühsommer soll die Forschung beginnen. Reischl steht bereits in den Startlöchern. Er will den Wissenschaftlern zumindest in Hebertshausen die Türen öffnen und dafür sorgen, dass die Wissenschaftler auch in anderen Gemeinden Daten sammeln können. Derzeit geht man davon aus, dass mindestens 1800 Wohnungen im Landkreis unbewohnt sind. "Ich glaube, dass die Zahl viel zu niedrig ist", sagt Reischl. In seiner Gemeinde wisse er auf Anhieb 140 Wohnungen, die leer stehen, in seiner Siedlung aus den 1960er und 1970er Jahren sei praktisch jedes zweite Haus unbewohnt.

Gleichzeitig stehe jede Woche ein Bürger vor seiner Tür, der sich von seinem Partner getrennt habe oder dem wegen Eigenbedarfs gekündigt wurde, und verzweifelt eine Wohnung suche. "30 bis 40 Personen stehen inzwischen auf der Warteliste der Gemeinde, die dringend eine Bleibe bräuchten, aber keine Chance haben, eine zu finden", sagt Reischl. Denn in Hebertshausen werden inzwischen Wohnungen und Häuser für 18 Euro pro Quadratmeter angeboten. Früher hätten sie sieben oder maximal zehn Euro pro Quadratmeter verlangt, so der Bürgermeister. Trotzdem häufen sich innerhalb von zwei Stunden mehr als 100 Anfragen bei diesen Vermietern. "Diese Dimensionen sind nicht mehr greifbar", sagt der Bürgermeister. Immer neue Baugebiete auszuweisen, ist für Reischl nicht die Lösung. Damit werde lediglich die Preisspirale angeheizt und Fläche verbraucht. Immer mehr Leute von außen zögen nach Hebertshausen. Den Einheimischen in Not hilft dies dagegen wenig. "Wenn wir nur ein Drittel, also 50 Wohnungen, auf den Markt zurückführen könnten", sagt der Bürgermeister. "Das entspricht zwei Hektar Baugebiet."

Im Gespräch mit einigen Bürgern hat Reischl herausgefunden, dass es keineswegs unmöglich ist, das Wohnungsangebot mit den bereits vorhandenen Immobilien deutlich zu vergrößern. Manche beklagten schlechte Erfahrungen mit Vormietern, andere sagten, es gebe nur ein Treppenhaus und sie wollten sich lieber frei und ungezwungen bewegen können. Wieder andere scheuten den Papierkram oder waren zu beschäftigt, um sich auch noch darum zu kümmern, einige fühlten sich zu alt. Die Gründe für Leerstände sind vielfältig, merkte Reischl schnell. Manche Probleme seien Kleinigkeiten, die schnell behoben werden könnten: eine zweite Eingangstür, ein neuer Zähler für Gas und Strom. Es gab auch Bürger, die sagten: "Wenn ich an die Gemeinde vermieten könnte, wäre das eine Option", berichtet der Rathauschef.

Wenn die Forscher mit ihrer psychologischen Ausbildung die Gründe herausfinden, könnte die Politik fundiert nach Lösungen suchen. Drei Jahre sei zwar eine lange Zeit, gibt Reischl zu. "Aber manche Dinge brauchen eben eine längere Zeit, als man sich vorstellen kann."

© SZ vom 25.02.2020
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