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Jugendhilfe:Zurück ins Leben

Gemeinsam anpacken: Die Lehrlinge Justin (l.) und Manulito schleppen Bretter in die Werkstatt.

(Foto: Toni Heigl)

Bei schwer erziehbaren Jugendlichen aus zerrütteten Familienverhältnissen wissen Ämter und Schulen oft nicht weiter. Der Dachauer Verein Weitblick gibt sogenannten "Systemsprengern" eine Perspektive und startet nun in Eisenhofen ein einzigartiges Projekt.

Von Benjamin Emonts, Erdweg

Justin macht ein zufriedenes Gesicht, als er die dicken Holzbretter mit einer Tischsäge auf den Zentimeter genau schneidet; will man ihn etwas fragen, winkt er nur geschäftig ab. Im Gespräch unter vier Augen wirkt Justin, 17, hingegen zurückhaltend, ja schüchtern. Er sei hier, weil er mehrmals versucht habe, sich umzubringen, erzählt er. Vage berichtet Justin von seiner "schweren Vergangenheit", von Mobbing und der geschlossenen Anstalt, wo er mit Drogensüchtigen untergebracht war. Er sei froh, das alles hinter sich zu haben. "Jetzt", sagt er, "geht es mir perfekt". Mit der Ausbildung in der Schreinerei könne er einen Neuanfang starten.

Perfekt ist ein großes Wort, womöglich zu groß im Fall von Justin. Was er wohl eher sagen will: Mir geht es jetzt besser. Selbst das ist schon ein großer Erfolg. Schulen und Jugendämter wissen bei Jugendlichen wie ihm nicht mehr weiter. Wie Tausende andere in Deutschland gilt er als sogenannter "Systemsprenger" oder "Grenzgänger" oder einfach gesagt: als "schwer erziehbar". Es sind junge Menschen, die in zerrütteten Familienverhältnissen aufgewachsen sind, die unter häuslicher Gewalt litten, misshandelt, gemobbt, vernachlässigt wurden und deswegen traumatisiert sind. Sie brechen die Schule ab, begehen Körperverletzungen, stehlen, konsumieren Drogen. Am Ende führt sie dieser Weg nicht selten in ein Gefängnis.

In der ehemaligen Schreinerei Grahamer, einem fast 90 Jahre alten Familienbetrieb in Eisenhofen im Landkreis Dachau, wagt Justin an diesem Tag den selbst beschworenen Neubeginn: Es ist sein erster Ausbildungstag, er will jetzt Fachpraktiker für Holzverarbeitung werden. Der Dachauer Verein Weitblick hat ihm diese Perspektive gegeben. Justin, Manulito, Tilman und zwei weitere Jugendliche sind nun Teil eines außergewöhnlichen Projekts. Der Jugendhilfeverein hat die Schreinerei und ein geschichtsträchtiges Haus daneben von der Familie Grahamer gepachtet, um es in Eigenregie zu sanieren. In der Schreinerei bekommen die Jugendlichen eine berufliche Ausbildung, die ihnen sonst keiner gegeben hätte.

An diesem Vormittag gibt es in der Werkstatt Weißwürste, alle sitzen an einem Tisch, der Schreinermeister, der Geselle, der Sozialpädagoge, der Praktikant, die Azubis und Chef Carlos Benede, den viele Jugendliche als eine Art Vaterfigur betrachten. Benede, ein ehemaliger Polizist, hat den Verein Weitblick im Jahr 2012 mit einem Dutzend Pädagogen, Juristen und Polizisten gegründet, weil er großen Bedarf sah. In Dachau zog der Verein in ein altes Hotel ein. Er wird von Jugendämtern und von Organisationen wie Sternstunden, dem Lions Club Dachau und der GLS Bank getragen. Privatpersonen unterstützen den Weitblick mit Spenden.

Für viele ist der Verein so etwas wie die letzte Hoffnung

Den Jugendlichen wollen sie hier auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen, mit Autorität, aber auch viel Geduld. Benede weiß, woran es den Jugendlichen fehlt. Auch er ist ohne Eltern aufgewachsen, seinen Vater hat er nie gesehen, nachdem die Mutter ihn als Baby in ein Heim gegeben hatte. Als Kommissar im Opferschutz traf er zwei Mal auf Kinder, deren Väter ihre Mutter umgebracht hatten. Beide Male adoptierte er die Jungen. Der Spielfilm "Der Polizist, der Mord und das Kind", der 2017 vor einem Millionenpublikum im ZDF ausgestrahlt wurde, erzählt seine Geschichte nach.

Seinen Beruf als Polizist hat Benede inzwischen aufgegeben, um sich ganz dem Verein zu widmen. Der Bedarf ist groß. Kinder und Jugendliche, die "hinten runter fallen", wie Benede es nennt, gibt es viel zu viele. Der Weitblick bekommt Anfragen aus ganz Deutschland, immer wieder schreiben auch Jugendliche aus Gefängnissen, die nach einer Perspektive suchen. Der Verein kann die Anfragen nicht alle erfüllen. "Das tut uns in der Seele weh", sagt Benede. Es seien schlichtweg zu viele.

Schreinermeister Simon Grahamer mit Praktikant Tilman schneidet die Bretter zurecht.

(Foto: Fotos: Toni Heigl)

Das Hotel Aurora in Dachau, das der Verein 2012 gepachtet und umgebaut hat, reicht bei weitem nicht aus. Mit 15 jungen Männern im Alter von 14 bis 21 Jahren ist die Kapazität bereits ausgeschöpft, acht weitere sind in Apartments in München in betreutem Wohnen untergebracht. Mit dem Projekt in Eisenhofen schafft sich der Verein nun neuen Raum. Wenn das Haus saniert ist, sollen sieben Kinder zwischen sieben und 14 Jahren dort einziehen. Das Genehmigungsverfahren läuft.

Es ist in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges Projekt und Experiment. Das Haus ist laut Dorfchronik das älteste Gebäude der Ortschaft und das einzige, das im Dreißigjährigen Krieg nicht abgebrannt ist. Aufgewachsen ist hier einst Pater Josef Grahamer, ein Heiler und in Korea hingerichteter Märtyrer. Seine Nachfahren wollen sein soziales Engagement fortführen. Ihren Betrieb sehen sie beim Weitblick in guten Händen. Schreinermeister Simon Grahamer und sein Geselle Alejandro Bestle wurden von dem Verein übernommen. Bestle besucht nebenher pädagogische Fortbildungen. Sie beide sind nun mehr als bloße Schreiner: Sie holen die Jugendlichen morgens in Dachau ab und bringen sie abends die 15 Kilometer wieder zurück. Sie hören zu, führen Gespräche und schlichten Streits. In der Mittagspause sitzen die Jugendlichen mit der Familie am Esstisch. Der Praktikant Tilman, der als Säugling in ein Heim kam, weil die Mutter an Drogen gestorben war, verbrachte mit Grahamer neulich ein paar Tage auf dessen Hütte.

In der Schreinerei lernen die Jugendlichen pünktlich zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Sie bekommen einen festen Tagesablauf, arbeiten, erlernen das Handwerk und besuchen regelmäßig eine Berufsschule. Der 17-jährige Manulito, der wie Justin vom Praktikanten zum Lehrling befördert wurde, ist sich dieser Chance bewusst. Er ist seit 2011 in Heimen untergebracht, in einem Jahr habe er sieben verschiedene durchlaufen, erzählt er.

Die Arbeit soll ihm nun helfen, seine angestauten Aggressionen abzubauen. Auf Provokationen reagierte Manulito meist mit Gewalt, was mehrere Anzeigen zur Folge hatte. Oft richteten sich die Provokationen gegen seine Familie, die ihm sehr wichtig ist. Sein Vater, so erzählt er, starb an einer Überdosis Heroin, als er acht Jahre alt war. Er vermisse ihn jeden Tag. Auf die Weißwürste verzichtet er, weil der Vater Muslim war. Auch die Mutter hatte ein Drogenproblem. "Sie konnte sich leider nicht um mich kümmern. Sie konnte sich ja nicht einmal um sich selbst kümmern."

Carlos Benede (Mitte) hat den Verein Weitblick gegründet.

(Foto: Toni Heigl)

Das mit dem Prügeln sei inzwischen besser geworden, sagt Manulito. Der Weitblick und das regelmäßige Arbeiten sind für die jungen Männer offenbar gut. Gemeinsam führen Justin, Manulito und Tilman über ihre Baustelle, ausgerüstet mit Arbeitskleidung, Ohrenschützern und Stahlkappenschuhen. Sie zeigen die künftige Küche, die Schlafräume, den Spielraum. Zu sehen sind Wände, die sie freigelegt, und Hunderte Bretter und Balken, die sie zugeschnitten und verbaut haben. Die Sanierung ist eine Mammutaufgabe, an der sie wachsen.

Die nötige Disziplin ist bisher da. "Wir stehen pünktlich auf. Wir arbeiten gerne. Wir sind uns für nichts zu schade", sagt Manulito und klingt wieder mal ziemlich erwachsen. "Die wollen ja nur das Beste für uns. Da muss man Respekt aufbringen. Die Hand, die einen füttert, sollte man nicht verärgern." Schreinermeister Grahamer ist mit seinen Lehrlingen zufrieden, sie machen ihre Sache gut. Justin, der den Rest des Vormittags ganz in seine Arbeit versunken ist, sagt inzwischen: "Schreiner ist mein zweiter Traumjob - nach Kfz-Mechatroniker." Weitblick-Chef Carlos Benede hört so etwas gerne, wobei er nie gezweifelt hat an den jungen Männern. "Die wollen es schaffen und konnten es gar nicht erwarten, mit der Lehre zu beginnen", sagt er. "Die sind voller Stolz."

© SZ vom 19.09.2020

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