Dachau:Szenen, die das Leben schrieb

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Unter der Leitung deutscher Schauspieler haben Flüchtlinge ein Theaterstück produziert, in dem sie ihre Erlebnisse schildern.

Von Katarina Machmer, Dachau

Bomben fallen auf die Erde, überall hört man Sirenen, Schreie und Klagelaute, sie gehen durch Mark und Bein. Es ist eine Szene, bei der man Gänsehaut bekommt. Doch wenigstens hier in diesem Raum, zu diesem Zeitpunkt, ist das Geschehen nicht echt. Trommelschläge stellen die Bomben dar, laut und durchdringend erfasst ihr Klang die Zuschauer. Foday Sesay spielt das Instrument. Der junge Mann kommt aus Sierra Leone und ist wie seine aus Afghanistan, Syrien und Sizilien stammenden Kollegen nach Dachau geflohen. Heute führt er mit ihnen und einem Deutschen ein selbstproduziertes Theaterstück auf, das im Jugendzentrum Dachau Ost unter der Leitung der Schauspieler Rebecca Molinari und Nicholas Hohmann entstanden ist. Nicholas Hohmann arbeitet dort. Er bat seine Kollegin um Unterstützung bei seiner Idee, die bereits im März diesen Jahres aufkam und damals insgesamt 60 Interessenten unter den Flüchtlingen fand. Letzten Endes reduzierte sich die Zahl deutlich, übrig blieben einige sehr engagierte junge Leute aus verschiedenen Ländern, die das Theaterstück gemeinsam schrieben und in einer einzigen Woche einstudierten. Das Bühnenspiel ist eine Zusammensetzung verschiedenster Einzelszenen, die auf bisherigen Erfahrungen der Flüchtlinge aus der Heimat und aus Dachau beruhen.

Wasserknappheit in Sierra Leone

Zu Beginn der Veranstaltung gibt es eine kurze Einführung von Nicholas Hohmann, der wegen eines Unfalls für Matin Heideri, einen Flüchtling aus Afghanistan, einspringt. Dann betreten die Flüchtlinge einer nach dem anderen die Bühne und stellen sich mit ihrem Namen vor, bis es mit der Präsentation der Kurzszenen losgeht. Dabei stellen die jungen Schauspieler zum Beispiel ein Erlebnis mit Diskriminierung in Deutschland nach: Zwei Flüchtlinge betreten eine Apotheke, einer möchte ein Schmerzmittel kaufen. Nachdem der Flüchtling seinen Namen genannt hat, behauptet der deutsche Verkäufer: "Wenn ich so heißen würde, bräuchte ich auch Schmerzmittel."

Und dann gibt es noch die Darbietung von Foday Sesay, der in lautstarker Verzweiflung und mit heiserer, kurzatmiger Stimme um Wasser bittet und damit die Wasserknappheit in Sierra Leone anspricht. Alle geschilderten Szenen sind den Flüchtlingen wirklich passiert. Und hier, auf der Bühne des Jugendzentrums, präsentieren sie sie auf ganz einfache Art, ohne viele Requisiten, nur durch Körperdarstellung und einige Interview-Aufnahmen aus dem Off, die bei Szenenwechsel eingespielt werden. "Wir wollen, dass andere Menschen sehen und verstehen können, was los ist in unserer Heimat", sagen die Geschwister Alaa und Tasnem Darwish aus Homs nahe Damaskus in Syrien.

Sie wohnen schon seit drei Jahren in Dachau und sprechen gut Deutsch, dank eines Sprachkurses in München, wie Alaa Darwish freudig berichtet. Überhaupt wirkt sie, wie ihre Schwester, sehr glücklich und aufgeweckt, zusammen strahlen die beiden um die Wette. Das ist es auch, was man als Zuschauer an diesem Abend spüren kann: Die Flüchtlinge freuen sich alle. Sie freuen sich, dass sie an einem solchen Projekt teilnehmen durften und dürfen. Man merkt ihnen aber auch an, dass sie gerne in Deutschland sind und dankbar dafür, dass sie hier leben dürfen. "Die Deutschen sind sehr nette Leute", sagt Alaa Darwish. "Man hat viele Möglichkeiten hier, vor allem, was die Ausbildung angeht", ergänzt ihre Schwester, die auf die Mittelschule Karlsfeld geht.

Theaterprojekt

Trotz des Kriegs und des Terrors denken die Geflüchteten mit großer Sehnsucht an ihre Heimat zurück.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Trotzdem vermissen sie ihre Heimat, "die Schule, die Freunde, einfach alles". "Auch wenn Krieg in Syrien herrscht", erzählt Alaa Darwish auf der Bühne, "das Land bleibt trotzdem schön." Denn es ist ihre Heimat. Und wie sehr die Akteure ihrer Heimat auch in Deutschland noch immer verbunden sind, das zeigen sie zwischen den szenischen Einlagen anhand einer Dia-Show mit Bildern aus ihrem Land, zu der sie mit der Hand auf dem Herz ein syrisches, patriotisch angehauchtes Lied singen, das sie in der Schule gelernt haben. Zum Schluss stellen sich alle in einem Halbkreis auf, in der Mitte Bahaa Alaryan aus Syrien. Die anderen schauen ihn gespannt an, denn er spricht nun eine Danksagung, die er selber geschrieben hat, wie Rebecca Molinari erklärt. "Er hat sie mir geschickt, damit ich sie verbessern kann, aber so viele Fehler waren gar nicht drin."

"Ich und meine Kollegen möchten der Welt unsere Gefühle zeigen"

Bahaas Worte berühren zutiefst, er spricht von einer Blume aus Syrien, die ihn jeden Tag beim Aufstehen an seine Heimat erinnert, und davon, warum er bei diesem Theaterprojekt mitgemacht hat: "Ich und meine Kollegen möchten der Welt unsere Gefühle zeigen. Egal, ob wir die deutsche Sprache können oder nicht." Denn nicht alle Mitwirkenden sprechen so gut Deutsch, manche sind erst seit kurzem im Lande. Doch sie helfen sich gegenseitig und übersetzen füreinander, wenn es beispielsweise Verständigungsprobleme mit Molinari und Hohmann gibt.

Theaterprojekt

Die Laiendarsteller (v.l.n.r) Charie Charitou, Foday Sesay, Tasnem Darwish, Alaa Darwish und Majd Almuhammad gehen mit großer Spielfreude an das Projekt heran.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auf Bahaas kleine Rede folgt großer Applaus und Pfiffe aus dem Publikum. Aber die Veranstaltung ist noch nicht vorbei: Zu guter Letzt wird ein Dokumentarfilm von etwa fünf Minuten gezeigt, den die Flüchtlinge in Kooperation mit der Mittelschule Dachau Süd gedreht haben. Er zeigt hauptsächlich Interviews von Schülern mit zwei Flüchtlingen, in denen es unter anderem um Diskriminierung, Freunde, Familie und kulturelle Unterschiede zwischen den Heimatländern und Deutschland geht. Außerdem werden unterhaltsame Aufnahmen von Theaterproben gezeigt, die deutlich machen, dass die Jugendlichen bei ihrem Projekt zusammengewachsen sind und vor allem eins hatten: Spaß.

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