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Pokémon Go:Monsterjagd in der Altstadt

Pokemon Fieber

Die Schüler Zgjim und Sebastian (von links) jagen in der Dachauer Altstadt nach Pokémons.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das Spiel Pokémon Go hat weltweit einen Hype ausgelöst - auch in Dachau sind die Infizierten überall unterwegs.

Horden junger Menschen ziehen durch die Gassen der Dachauer Altstadt - wie paralysiert stieren sie auf ihre Smartphones, die sie wie Wünschelruten vor sich herführen. Einer der Herumirrenden, er heißt Sebastian, stoppt plötzlich. An der Bar Effe & Gold hat er eine Pokémon-Arena entdeckt. Der Gegner, zum Glück nur einer, ist rasch eliminiert. "Ich bin jetzt Arena-Leiter", sagt Sebastian, ziemlich euphorisch. Er setzt ein Grinsen auf, als hätte er gerade eine Eins in Mathe herausbekommen.

Bitte, was? Arena-Leiter? Es ist der ganz normale Wahnsinn, der sich schon vormittags in der Dachauer Altstadt abspielt. Das Spiel Pokémon Go, eine Art virtuelle Schnitzeljagd nach putzigen, comicartigen Fantasy-Monstern, hat längst auch die Stadt Dachau erreicht. Innerhalb von nur einer Woche hat das Spiel weltweit Abermillionen von Menschen infiziert, die nun wie Untote durch die Städte ziehen und nach Pokémons jagen. Es ist ein noch nie da gewesener Hype.

Virtuelle Monster fangen

"Das macht einfach Spaß. Man kommt an die frische Luft und mit fremden Menschen ins Gespräch", schwärmt der 13-jährige Islam. Knapp gesagt, geht es bei "Pokémon Go" darum, virtuelle Monster einzufangen und zu trainieren. Der Jäger wählt sich eine Spielfigur aus und bewegt sich dank GPS-Technik auf einer Landkarte, die seiner wirklichen Umgebung entspricht. Kommt er einem Pokémon nahe, erscheint das Monster auf der Handykamera in realer Umgebung. Durch eine Streichbewegung auf dem Touchscreen fängt der Jäger das Pokémon ein, das fortan zu seiner Sammlung gehört.

An sogenannten Poké-Stops, die sich überall in den Innenstädten befinden, sind Bälle und Gadgets erhältlich, mit denen die Pokémons gefangen und auftrainiert werden. Wer ein gewisses Spielniveau erreicht hat, kann sich in virtuellen Arenen mit den Pokémons anderer Herumirrender messen und die Arena vorübergehend übernehmen. Ganz so, wie es Sebastian gerade gelungen ist.

Er und seine drei Mitschüler, Islam, Konrad und Zgjim, Siebtklässler des Ignaz-Taschner-Gymnasiums, haben sich an diesem Vormittag sofort in die Altstadt bewegt, nachdem die zwei letzten Unterrichtsstunden entfallen sind. "Wir laufen rum und fangen Pokémons", sagt Islam so selbstverständlich, als würde er Semmeln beim Bäcker holen. Sebastian fügt grinsend an: "In der Altstadt sieht man so viele Leute, die mit dem Spiel rummachen. Das ist wirklich krass."

"Jedes Mal ein Kick"

Krass trifft es ganz gut. Vor dem Bezirksmuseum, einem Spot, wo sich Pokémons angeblich besonders gut anlocken lassen, kommen den Jungs zwei Erwachsene entgegen, Mutter und Sohn. Beide blicken wie hypnotisiert auf ihre Smartphones. Spielen sie Pokémon Go? "Ja klar", sagt die Mutter und lacht etwas verlegen. "Das Spiel ist einfach genial. Wenn das Handy vibriert und ein Pokémon angezeigt wird, ist es jedes Mal ein Kick."

Pokémons und alles, was dazu gehört, gibt es in der Altstadt offensichtlich zuhauf. Sebastian zählt auf seinem Display mehr als 20 Poké-Stops, zwei Arenen und das Anlock-Modul vor dem Bezirksmuseum. Das Spiel wurde vom Hersteller Nintendo so programmiert, dass sich die Pokémons vorwiegend an Orten aufhalten, wo sich viele Menschen versammeln.

Ein Spot an der KZ-Gedenkstätte wurde vom Hersteller angeblich gelöscht, nachdem Besucher dort Monster jagten anstatt zu gedenken. Im Josef-Effner-Gymnasium wurden Pokémons in der Turnhalle und im Biologieraum gesichtet. Ein Schüler erzählt, dass der Rektor verschärfte Verweise angedroht habe. Sebastian und seine Freunde bleiben also besser in der Altstadt-Arena. Ihren Blick sollten sie dort aber auch auf den Verkehr richten. Deutschlandweit wird von Unfällen berichtet, weil Spieler ihre natürliche Umwelt vergaßen.