Dachau Klinikbelegschaft rechnet mit Unternehmensführung ab

Auf einer Podiumsdiskussion über die pflegerische Qualität des Dachauer Klinikums forden Mitarbeiter einen Aufnahmestopp für Patienten.

Von Wolfgang Eitler, Dachau

Die Hoffnungen der Pflegekräfte des Dachauer Helios-Klinikums ruhen auf Landrat Stefan Löwl (CSU), dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden des Unternehmens. Aber die Zuversicht ist nicht sehr groß, dass er sich durchsetzen kann, um den Pflegenotstand zu beheben. Auf einer Podiumsdiskussion am Dienstagabend im Dachauer Café Gramsci gemeinsam mit dem Helios-Betriebsrat und einem Kreis von Pflegern, die sich unabhängige Betriebsgruppe nennen, gab Landrat Löwl zu verstehen, dass seine Möglichkeiten begrenzt seien. "Ich kann Ihre Anregungen und Kritik nur vortragen." Mehr Einfluss auf den Aufsichtsrat habe er nicht. Die Konzernzentrale von Helios in Berlin besitzt in dem Gremium mit sechs von zehn Vertretern die sichere Mehrheit.

Landrat Löwl will sich stellvertretend für die Pflegekräfte dafür einsetzen, dass der neue, eben erst abgeschlossene Tarifvertrag von Verdi und der Charité übernimmt. Darin wird festgelegt, wie viele Pflegekräfte mindestens an der jeweiligen Klinik vorhanden sein müssen. Außerdem will Löwl die Forderung nach einem Aufnahmestopp für Patienten am Klinikum in Dachau thematisieren.

Die Podiumsdiskussion, an der ungefähr 80 Pflegekräfte von zurzeit 224 aus dem Dachauer Klinikum teilnahmen - damit vermutlich alle, die an diesem Abend nicht im Einsatz oder krank waren - offenbarte ein erschreckendes Bild der Unternehmenspolitik und der inneren Führung im Dachauer Klinikum. Demnach herrscht eine von Berlin aus verordnete Eiseskälte, die berüchtigten Hedgefonds ähnelt. Geschäftsführer Christoph Engelbrecht sei nicht mehr als eine Marionette, die sich dem Diktat aus Berlin unterzuordnen habe, sagte Betriebsratsvorsitzender Claus-Dieter Möbs. Angestellte, die es wagten, sachliche Kritik vorzutragen, würden insbesondere von der Pflegeleitung um René Marx als Querulanten denunziert. Deswegen baten die Diskussionsteilnehmer, dass sie in der SZ namentlich nicht erwähnt werden.

Klagen über mangelnde Wertschätzung

"Wir werden überhaupt nicht wertgeschätzt", hieß es. "Uns nimmt man nicht ernst." Alles, was auf den internen Betriebsversammlungen der vergangenen eineinhalb Jahre angeregt oder kritisiert wurde, sei verpufft. Im Januar 2014 übernahm Helios die Mehrheit der Anteile an der gesamten Amperklinikum AG einschließlich des Hauses für geriatrische Rehabilitation in Markt Indersdorf. Es habe erst der Sprecher der Bürgermeister des Landkreises, Stefan Kolbe (CSU), Kritik an der Qualität des Klinikums in Dachau äußern müssen, bevor die Geschäftsführung reagiert habe.

Über die Tristesse des Dachauer Klinikums wird inzwischen diskutiert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Herausgekommen ist nach Ansicht der Pflegekräfte ein "Marketingkonzept" für scheinbar mehr Sauberkeit und Hygiene, aber kein wirklicher Durchbruch hin zu einer besseren Pflege. Außerdem habe die Arbeit einen Grad der Belastung angenommen, der teilweise als gefährlich zu bewerten sei. Betriebsratsvorsitzender Möbs sagte: "Unsere Pflege ist nur noch ein Überlebenstraining für die Patienten, damit sie die Klinik lebend verlassen."

Mitte August dieses Jahres begann die öffentliche Kritik am Klinikum. Patienten beschwerten sich öffentlich über die fehlende Sauberkeit. Zu der Zeit hatte das Klinikum ein großes Personalproblem wegen Erkrankungen bei gleichzeitig steigenden Patientenzahlen. Als Landrat Löwl auf Kolbes Drängen eine öffentliche Kreistagssitzung anberaumte, lud die Helios-Geschäftsführung im Vorfeld zu einer Pressekonferenz. Dabei räumte sie Fehler bei der Reinigung ein. Vor allem aber gestand sie erstmalig öffentlich zu, dass Pflegekräfte zu fachfremden Tätigkeiten eingesetzt würden wie das Putzen oder das Vorbereiten von Betten. Solche zusätzlichen Aufgaben gelten als riskant, weil weniger Zeit für medizinisch notwendige Aufgaben bleibt.

"Von Menschlichkeit ist doch nur in Helios-Werbesprüchen die Rede"

Die Kreistagssitzung vor einer Woche verschärfte diese Debatte. Denn die Kreisräte warfen der Klinikleitung vor, massive Fehler in der Vor- und Nachsorge aus Rentabilitätsgründen in Kauf zu nehmen. Eine Teilnehmerin an der Podiumsdiskussion erzählte, dass Helios die Belegschaft ausdrücklich dafür gelobt habe, dass es gelungen sei, die Umsatzrendite in Dachau bereits auf mehr als zehn Prozent zu erhöhen. "Was ist das für eine Gemeinsamkeit, die uns Helios anbietet?", rief sie abfällig. Eine sagte: "Von Menschlichkeit ist doch nur in Helios-Werbesprüchen die Rede."

Die Erzählungen der Pflegekräfte am Dienstagabend lieferten einen Einblick in den inneren, wesentlichen Kern des Klinikums, der Landrat Löwl sichtlich erschreckte. So berichtete eine Pflegekraft aus dem Operationsbereich, dass die fünf Säle nur gesäubert würden, wenn alle verschmutzt seien. Die Folge sei, dass OP-Pflegekräfte bis dahin provisorisch eingreifen müssten, um beispielsweise Blut am Boden wegzuwischen. Pfleger im Intensivbereich müssten die technischen Geräte selbst ständig säubern, was notwendig, aber auch zeitraubend sei. Eine Krankenschwester berichtete, dass sich auf ihrem Stockwerk an die 3700 Überstunden aufgetürmt hätten. Eine Schwester auf der Geburtsstation schilderte die Materialknappheit, die so weit gehe, dass Patienten die für Babys notwendigen Utensilien selbst anschafften. Ein Pfleger schlug sarkastisch vor, dass Patienten ein Landkreispaket ins Krankenhaus mitbringen sollten, damit sie medizinisch ordentlich versorgt werden könnten. Ganz wichtig sei eine Decke zum Wärmen, wenn man Schüttelfrost bekommt. Denn es gebe in solchen Fällen nur ein dünnes Laken zusätzlich.

Die unabhängige Betriebsgruppe hat die Diskussion mit dem Helios-Betriebsratsvorsitzenden Claus-Dieter Möbs und Landrat Stefan Löwl (CSU) initiiert.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Pflegekräfte contra Unternehmensführung

Erstmals in der Geschichte des Dachauer Klinikums seit der Privatisierung des ehemals kommunalen Betriebs Ende der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts traten die Pflegekräfte geschlossen und massiv gegen die Unternehmensführung auf. Ihre Kritik verbanden sie mit zwei Vorschlägen. Landrat Löwl soll sich im Aufsichtsrat dafür einsetzen, dass ein Aufnahmestopp über das Klinikum verhängt wird, bis wieder normale Verhältnisse aus pflegerischer Sicht erreicht sind. Deswegen soll er sich für das Modell einsetzen, das an der Berliner Charité mit der Gewerkschaft Verdi vereinbart wurde. Demnach wird individuell für die Klinik eine Mindestbesetzung ausgehandelt und ein Gesundheitsschutz, der die Belastungsindizien der Pflege präzise definiert.

Die Dachauer Pflegekräfte haben nur ein Ziel. Sie möchten so arbeiten, wie es ihrem Anspruch und ihrem Ethos der Pflege entspricht. Sie wollen, wie sie sagen, "wieder ein Team werden, das zusammenhält". Daran fühlen sie sich von Helios gehindert. Deswegen haben einige gekündigt. Eine Krankenschwester sagte: "Ich musste mich nur einmal bewerben, um eine neue Stelle zu bekommen." An der arbeitet sie acht Stunden täglich. Ihre Freundin: "Ein Traum, das will ich auch."