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Dachau:Hokuspokus

Vor dem Amtsgericht müssen sich drei Männer wegen gewerbsmäßigen Betrugs verantworten. Sie sollen Senioren auf Kaffeefahrten angeblich wunderheilende Plastikscheiben für 900 Euro verkauft haben.

Von Benjamin Emonts

Rentner kaufen oft gutgläubig überteuerte Waren.

Der alte Mann kommt mit Krücken. Gebeugt und mit kleinen, langsamen Schritten tritt er in den Zeugenstand. "Ich kenne mich vor Schmerzen nicht mehr aus, darum halte ich mich an jeden Strohhalm", sagt er dem Richter. Links von ihm sitzen die drei Angeklagten, denen die Staatsanwaltschaft vorwirft, ihn betrogen zu haben. Bei vier dubiosen Verkaufsveranstaltungen - darunter eine im Ampermochinger Mooshäusl - sollen sie den 87-Jährigen und andere Rentner auf dreiste und skrupellose Weise abgezockt haben. Der Schaden, der dabei entstand: 7200 Euro.

Wie die Anklageschrift ihnen zur Last legt, haben die drei Männer aus Norddeutschland mitunter sogenannte Vitality-Scheiben verkauft, deren heilende und schmerzlindernde Wirkung sie angepriesen haben. Ja, es hieß sogar, Schweizer Wissenschaftler seien von den Wunderdingern überzeugt. Auch deshalb der stattliche Preis: 900 Euro aufwärts.

Doch was ist eine Vitality-Scheibe überhaupt? Rein optisch: eine ein Zentimeter starke Plastikscheibe mit 15 Zentimetern Durchmesser, made in China. Ist sie blau, heilt sie Männer. Ist sie rot, heilt sie Frauen. Auf der Scheibe haftet ein Aufkleber, auf dem eine ältere Dame ihren Daumen hoch streckt, zustimmend blinzelt sie einem zu - überschrieben mit den Worten: "Kraft für jung und alt."

Ein Gutachter attestiert der Scheibe vor Gericht "keinerlei medizinische Wirkung". Die mindestens sieben Rentner, die sich die Scheiben andrehen ließen, kannten dieses Gutachten vor ihrem Kauf nicht. Leider. "Ich habe daran geglaubt. Aber es war alles nur gelogen", sagt einer der Zeugen. Nachdem er die Scheiben zu Hause immer wieder auf seine Wirbelsäule gelegt hatte, kehrte schnell Ernüchterung ein: Die versprochene Schmerzlinderung blieb aus.

Die chronischen Schmerzen kamen die Rentner teuer zu stehen. Allein für die zwei Plastikscheiben hat der 87-Jährige 1800 Euro hingelegt. Weiterhin zahlte er 200 Euro für zwei Flaschen der Wunderflüssigkeit "Prosan". Sie soll die Zauberkräfte der Scheiben erst richtig aktivieren, versprachen die ausgebufften Verkäufer. Die Rentner glaubten die Lügen. "Wir sind dafür an unsere letzten Ersparnisse gegangen", bedauert der 87-Jährige.

Dabei hatte die Scheibe bei den Probanden angeblich noch Wunder bewirkt - ebenso wie bei Spitzensportlern aus aller Welt. Einem Zeugen aus Greifswald, der an einer Verkaufsveranstaltung in Mecklenburg teilgenommen hat, wurde erzählt, dass auch der FC Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt die Vitality-Scheiben einsetzt. Allerdings, sagten die Verkäufer, spanne der immer ein Tuch vor. Schließlich solle keiner sein Erfolgsgeheimnis erfahren. Noch skurriler wurde es, als der Zeuge von einem Mann erzählte, der mit Krücken auf die Bühne gehumpelt war. Als ihm die Scheiben aufgelegt wurden, konnte er wieder gehen. Ein Wunder wie aus der Bibel, dachten viele: Der Lahme ist geheilt. Erst später, als er die Scheiben in Ruhe testete, dämmerte es dem Greifswalder: "Alles nur Bluff. Der Mann war wohl manipuliert." Die Frau des 75-Jährigen war von der eigenen Naivität geradezu schockiert: "Alles Hokuspokus. Wir waren blindlings dumm. Ich werde mir das nie verzeihen." Was sie nun mit den Scheiben machen? "Die werden wir im Garten verheizen."

Ob in Ampermoching oder anderswo: Die Masche der Verkäufer war immer die gleiche. Mit dem Bus werden die Rentner an einen unbekannten Ort gefahren. Eine typische Kaffeefahrt. Am Ziel angekommen, warten die nur mit Vornamen bekannten Verkäufer - und mit ihnen heilende Cremes, Notfallhandys, defekte Videokameras, Reisen und die angesagten Vitality-Scheiben. Dann finden Einzelgespräche statt, von Boni und unschlagbaren Sonderangeboten ist die Rede. Ein Zeuge erinnert sich, die Verkäufer hätten gesagt, eine Scheibe koste eigentlich 6400 Euro. Auch wurde einem der Rentner eine Einladung in eines der schönsten Hotels Münchens versprochen. Pustekuchen.

Der Gutachter taxiert die Herstellungskosten der Scheibe auf wenige Euro. Der Dauermagnet, der im Zentrum sitzt, sei "etwa 36 Cent teuer", die Wunderflüssigkeit "Prosan" ein Gemisch aus Wasser, Spiritus und Aroma. "Es könnte ein Scheibenreiniger sein, dessen Wert im unteren einstelligen Euro-Bereich liegt."

Die Gewinnmarge der Verkäufer dürfte bei mehreren hundert Prozent liegen. Die drei Männer - alle um die 50 Jahre alt - schafften es, die Senioren unter Druck zu setzen. "Sie sind so vorgegangen, dass man kaum Nein sagen konnte. Man ist wie gefangen und macht mit", erinnert sich eine Zeugin. Die Verkäufer seien "äußerst rabiat" vorgegangen. Mancher zum Kauf noch Unentschlossene sei gar angeschrien und bedrängt worden. "Man gerät an die menschlichen Abgründe", sagt die Seniorin und schüttelt den Kopf.

Für Richter Lukas Neubeck und die Staatsanwaltschaft besteht kein Zweifel an der Schuld der Angeklagten - auch dank der betagten Zeugen, die sich trotz ihres Alters gut erinnern konnten und klare, in sich schlüssige Aussagen machten. Ein Urteil wird dennoch erst am 4. November erwartet, wenn Zeugen zu zwei weiteren Verkaufsveranstaltungen gehört werden.

© SZ vom 17.10.2013
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