Zieglervilla Ein Hoffnungsschimmer

Eduard Ziegler von der Schlossbergbrauerei ließ die gleichnamige Villa für den Freilichtmaler Adolf Hölzel bauen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Bisher haben sich alle Ideen für die denkmalgeschützte Zieglervilla in Dachau als unrealistisch herausgestellt. Jetzt wird die Stadt Kontakt mit dem Mietshäuser-Syndikat in Freiburg aufnehmen, das Erfahrung mit solchen Bauwerken hat.

Von Walter Gierlich, Dachau

Es ist ein Problem, das sich natürlich nicht nur in Dachau stellt: Was tun mit einem Denkmal? Wie soll man ein für viel Geld saniertes und unter Schutz stehendes Bauwerk sinnvoll nutzen? Wer je in Görlitz war, das mit 4000 Gebäuden von der Gotik bis zum Jugendstil als größtes Flächendenkmal Deutschlands gilt, kann das Problem wie unter einem Brennglas in besonderer Schärfe erkennen: Eine liebevoll, mit vielen Millionen restaurierte Altstadt, die aber zum großen Teil leer steht, weil die Bewohner wegziehen. Denn hier im östlichsten Zipfel Sachsens, direkt an der polnischen Grenze fehlt es einfach an Arbeitsplätzen.

Das ist natürlich in Dachau nicht der Fall, auch zieht hier kaum jemand weg, außer er kann die hohen Mieten nicht mehr zahlen. Dachau ist vielmehr Zuzugsgebiet. Und doch stellt sich die Frage nach Nutzungsmöglichkeiten für denkmalgeschützte Gebäude auch hier. Vor allem, wenn es um öffentliche Gebäude geht, die im Besitz der Stadt sind. Jahrelang stand die Ruckteschell-Villa an der äußeren Münchner Straße leer und verfiel. Die Sanierung wurde umso teurer, je länger das Haus ungenutzt herumstand. Nun dient das für mehr als eine Million Euro sanierte Gebäude unter anderem als Wohnung für Musikstipendiaten der Stadt Dachau.

Die Angst, dass der Verfall fortschreitet, je länger das Haus leer steht, beherrscht auch die Ziegler-Villa an der Ludwig-Dill-Straße. Seit 2009, als die Wirtschaftsschule Scheibner auszog, ist die Stadt auf der Suche nach einer neuen Nutzung für das prachtvolle, aber mehr und mehr heruntergekommene Baudenkmal mit seinem riesigen Park, das der Dachauer Brauereibesitzer Eduard Ziegler Ende des 19. Jahrhunderts für den Maler Adolf Hölzel errichten ließ. Der allerdings zog schon 1905 aus, als er an die Kunstakademie in Stuttgart berufen wurde. Die Familie Ziegler bezog nun selbst die Villa, die sie zu diesem Zweck auch noch einmal erweiterte. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs lebten die Zieglers dort. Von 1947 bis 1957 diente das Gebäude mit seinem Rundbogenfries und Zierfachwerk der amerikanischen Armee als Offiziersclub. 1961 zog dann die Scheibner-Schule ein, 1994 kaufte die Stadt Dachau Gebäude und Grundstück.

Adolf Hölzel zog 1905 aus. Danach bewohnte die Familie Ziegler das opulente Gebäude, bevor die Scheibner- Wirtschaftsschule es übernahm.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Als die Wirtschaftsschule aus der mittlerweile ziemlich heruntergekommenen ehemaligen Künstler- und Industriellenvilla einige hundert Meter weiter ins ehemalige Postschulgebäude gezogen war, machte die Stadt erst einmal eine Rechnung auf, was denn eine Sanierung des nun leer stehenden Hauses kosten würde. Die Schätzung, einschließlich der Ausgaben für die dringend erforderlichen Brandschutzmaßnahmen, belief sich auf eine Gesamtsumme von mehr als 3,3 Millionen Euro. Da es auch noch Probleme mit der Statik gibt, dürften die Kosten noch deutlich höher liegen.

Und doch suchte die Stadt immer wieder nach einer sinnvollen Nutzung, um den Prachtbau vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Spinnweben breiten sich weiter aus, im Obergeschoss wächst Schimmel an den Wänden , der durch Wasserschäden verursacht wurde. Die kunstvollen Kreuzgewölbe in mit Jugendstil-Deckenmalereien in einem Gang bleiben der Öffentlichkeit versperrt.

Auf Antrag der CSU-Fraktion hatte die Stadtverwaltung nun einmal die bisherigen, vergeblichen Versuche zusammengestellt und im Finanzausschuss präsentiert. Ein Kindergarten mit drei Gruppen schied angesichts von Investitionskosten von je 1,1 Millionen Euro aus. Die Einrichtung einfacher Künstlerateliers, die ohnehin nur im Erdgeschoss möglich wäre, ließ sich aus Gründen des Brandschutzes nicht einmal dort verwirklichen. Und der Landkreis hat 2013 bereits wegen der Einrichtung eines Mint-Campus abgewunken, in dem Schüler für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik begeistert werden sollen.

Das Ergebnis war auch für die Antragsteller von der CSU ernüchternd: "Man muss überlegen, ob man die Villa so stehen lassen kann, oder ob man nicht Sicherungsmaßnahmen ergreift, ehe das Gebäude zusammenfällt", sagte Elisabeth Zimmermann (CSU). Eigentlich wäre die SPD dafür, das Gebäude zu sanieren. "Aber wir können es uns aufgrund der Haushaltslage nicht leisten", sagte die Fraktionsvorsitzende Christa Keimerl, die deshalb dafür warb, die Villa zu verkaufen. Man müsse die Villa vor dem Verfall bewahren, sagte Luise Krispenz (Grüne), die sich aber klar gegen einen Verkauf aussprach.

Leere Denkmäler

Die Ziegler-Villa ist nicht das einzige Baudenkmal in Dachau, das leer steht, aber das einzige im Besitz der Stadt. Während die Villa den fünften Winter ungenutzt überstehen muss, dauert der Leerstand im ehemaligen Brauereigasthof Hörhammerbräu in der Altstadt inzwischen bald 13 Jahre. Leer steht auch ein anderes ortsbildprägendes Gebäude: die Schlossbergbrauerei. 2000 wurde hier letztmals Bier gebraut, 2009 kündigte der letzte Pächter des Ziegler-Keller. Seither gammelt das Ensemble vor sich hin. w.g.

Doch als sich dann Bündnis-Fraktionschefin Sabine Geißler meldete, und einen ganz neuen Vorschlag in die Diskussion einbrachte, schien es, als könnte sie damit den Gordischen Knoten durchschlagen. Sie berichtete vom "Mietshäuser Syndikat" , einer Gesellschaft aus Freiburg, die Initiativen berät, die marode Häuser - vom Schloss bis zu Mietskaserne - kaufen und mit Eigenleistung sanieren und bewohnen. Mehr als 90 Projekte seien bundesweit mit Hilfe des Syndikats realisiert worden und so der Spekulation entzogen, berichtete Geißler. Sie regte an, zu dem Syndikat Kontakt aufzunehmen.

Der Vorschlag stieß auf große Resonanz. Stadtkämmerer Thomas Ernst erklärte aber, dass vor einem Verkauf zunächst per Gutachten der Wert ermittelt werden müsse. Ein Verkauf unter Wert sei rechtlich nicht erlaubt. Ohne Gutachten müsste die Stadt die Villa zum Verkauf ausschreiben. Ernst kündigte an, den Gedanken Geißler weiter verfolgen zu wollen und mit dem Mietshäuser- Syndikat Kontakt aufzunehmen. Über das Ergebnis werde er dem Finanzausschuss dann wieder berichten. Das Freiburger Syndikat staunte nicht schlecht, als die SZ sie von der Debatte in Dachau unterrichtete. "Das haben wir noch nie erlebt, dass ein Kommune sich für uns interessiert."