Hans Söllner in Dachau Der kosmopolitische Rebell

Gitarre, Mikrofon, Rastafari-Fahne: Mehr braucht der Liedermacher Hans Söllner auf der Bühne im Ludwig-Thoma-Haus nicht.

(Foto: Toni Heigl)

Hans Söllner teilt auch in seinen neuen Liedern gegen alle aus. Gegen Rassisten und Islamisten, Politiker und Fanatiker. Im Thoma-Haus kommt der 63-Jährige auch bei jungen Menschen gut an.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Das Konzert im Saal des Ludwig-Thoma-Hauses ist eineinhalb Stunden alt, als Hans Söllner beginnt, vom Bairischen ins Hochdeutsche zu wechseln. Er spielt den Song "Genug" des gleichnamigen Albums, das seit Herbst auf dem Markt ist und - man munkelt - das letzte Musikwerk des Liedermachers aus Bad Reichenhall sein wird. Der 63-Jährige hockt mit Gitarre auf der Bühne, über ihm hängt eine Rastafari-Fahne.

Söllners Stimme hört sich an, als hätte er sie über die Jahre mit Schmirgelpapier geschliffen. In "Genug" rechnet er mit islamistischen Selbstmordattentätern ab: "Euer Gott ist eine Schaufel, eure Dummheit ist euer Grab", singt Söllner. Zuvor sagt er, er müsse das auf Hochdeutsch singen. "Damit es die verstehen, für die ich es geschrieben habe."

Hans Söllner, der bayerische Rebell, kann immer noch vortrefflich granteln

Die mehr als 400 Menschen im Ludwig-Thoma-Haus erleben an diesem Abend einen Hans Söllner, der ernster und kosmopolitischer geworden ist. Nicht falsch verstehen: Auf der Bühne sitzt immer noch der bayerische Rebell, der über Politiker, Polizisten und all die Heimattümmler dieser Welt so trefflich granteln kann, dass ihn seine Fans lieben, während andere nur den Kopf schütteln. Doch Söllner, der zwei gescheiterte Ehen hinter sich hat und Opa geworden ist, bearbeitet in seinen neuen Songs auch Themen wie Terrorismus, Rechtsextremismus, Armut und Krieg. Das sind alles andere als witzige Zeilen. Die Texte regen zum Nachdenken an. "Hunderttausende, die des Jahr wieder dasauffen. Und so wias ausschaut, schau ma olle wieder zua", so Söllner in "Flucht". In vielen Liedern spürt man Wut, etwa wenn Söllner über Rechtsextreme singt: "Du scheiß Rassist, schau, dassd die schleichst. Des is mei Heimat und ned dei Reich." In anderen Stücken, die Söllner in Dachau vorträgt, legt sich Schwermut über den Saal, zum Beispiel, wenn er von einem "Sumpf aus Traurigkeit" singt oder, dass "wieder moi die Sonne untergeht". Dazu passt der Wehklang seiner Mundharmonika.

Das ist aber freilich nur ein Teil des Abends. Der andere Teil sieht so aus, wie man es von einem Söllner-Konzert erwartet. Zwischen den Liedern haut er immer wieder eine witzige Geschichte nach der anderen raus. Je mehr das Publikum lacht, desto mehr fällt ihm ein. In der Zugabe redet er mehr, als dass er Gitarre spielt. Er erzählt zum Beispiel davon, wie er einmal in München zum Spaß einer Polizeistreife solange mit dem Auto hinterhergefahren ist, bis ihn die Polizisten kontrollierten. Oder aber er zitiert aus seinem Briefverkehr mit der Führerscheinstelle des Landratsamtes in Bad Reichenhall. Das ist allerfeinstes Bühnenkabarett.

Hans Söllner: "Eigentlich habe ich Jura studiert"

1988 hat Söllner beim Münchner Trikont Label sein Album "Hey Staat!" veröffentlicht. Seitdem hat er unzählige Lieder geschrieben und sich gefühlt genauso viele Fehden mit Politikern, Richtern und Anwälten geleistet. Er erzählt, dass er so oft in einem Gerichtssaal gesessen habe, dass er sagen könne: "Eigentlich habe ich Jura studiert." Seine Prozesskosten belaufen sich auf mehrere hunderttausend Euro. Vor diesem Hintergrund ist Söllner ein wenig ruhiger geworden. Ganz am Anfang des Konzerts im Thoma-Haus sagt er: "I muss a bissl aufpassen, deshalb erzähl ich nicht mehr so gern."

Vielleicht dosiert er auch deshalb seine Gschertheiten gegen Politiker von der CSU an diesem Abend. Diese verpackt er meistens in den Ankündigungen seiner Songs. "I hob schon vor 25 Jahren fürn Söder ein Lied geschrieben", sagt Söllner und singt dann den Klassiker "Mia san nu so richtige Bayern", in dem er mit voller Ironie über übertrieben bayerischen Nationalstolz herzieht. Auch zu aktuellen Themen hat Söllner natürlich eine Meinung. Er begrüßt die Freitagsdemos. Aber gleichzeitig ruft er den Dachauer Schülern zu: "Wennds ihr in Dachau daheim seids, dann demonstrierts auch in Dachau und fahrts nicht nach München."

Dass Hans Söllner auch im Jahr 2019 noch gut bei der Jugend ankommt, zeigt ein Blick ins Dachauer Publikum. Auf den Stühlen sitzen Menschen aus allen Altersklassen. Es ist das zweite restlos ausverkaufte Söllner-Konzert im Ludwig-Thoma-Haus innerhalb von eineinhalb Wochen. Söllner spielt fast zweieinhalb Stunden und bringt sowohl urkomische als auch schwermütige Momente auf die Bühne. Am besten passt dazu vielleicht diese Songzeile: "I konn eich nimma helfen, i red a bloß gscheid daher."