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KZ-Gedenkstätte Dachau:Historiker wirft Kirchenrat "Verhöhnung" der KZ-Opfer vor

Die Versöhnungskirche in Dachau zeigt eine Ausstellung, die auf Gegenwind trifft.

(Foto: Toni Heigl)

Die Versöhnungskirche zeigt eine Ausstellung über Carl Goerdeler, der als Widerstandskämpfer geehrt wird, aber nicht unumstritten ist. Klaus Mai wirft der evangelischen Kirche Geschichtsklitterung vor.

Jean-Michel Thomas, Präsident des Comité de International de Dachau (CID), ist gar nicht glücklich. Am 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau (29. April 1945) hatte er in Dachau noch appelliert: "Angesichts des Willens, die Vergangenheit zu ignorieren oder zu verharmlosen, ist es umso wichtiger, die Erinnerung an diese Zeit wach zu halten; zusammen mit der Erinnerung an alle Opfer und an diejenigen, die gegen ein braunes Europa gekämpft haben." Keine fünf Monate später scheinen seine mahnenden Worte vergessen zu sein. In Dachau entbrennt unter Akteuren der Erinnerungsarbeit ein Streit, der in seiner Heftigkeit weit zurückliegenden Auseinandersetzungen um das richtige Gedenken ähnelt.

Der Stadtteilhistoriker Klaus Mai aus München geht am 23. September Björn Mensing, Pfarrer der evangelischen Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte, scharf an. Mai wirft der Versöhnungskirche eine "unakzeptable Geschichtsklitterung", eine "Verhöhnung" der KZ-Opfer und der evangelischen Kirche insgesamt "Orientierungslosigkeit" in der Erinnerungsarbeit vor - seine harte Kritik verschickt Mai in einem großen E-Mail-Verteiler, darunter auch an die SZ Dachau. Eine Ausstellung über den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler, den führenden Kopf des zivilen Widerstands gegen das Naziregime, hat Klaus Mai in Rage gebracht.

"Das ist bodenlos und kränkend"

Björn Mensing, Beauftragter der Landeskirche für Gedenkstättenarbeit, ist entsetzt. "Das ist bodenlos und kränkend", sagt er der SZ. Mai habe ihm noch vor wenigen Monaten selbst erklärt, wie er das Engagement der Versöhnungskirche schätze. "Das ist eine unangemessene Überreaktion." Nicht nur Christen, auch Atheisten oder Kommunisten dankten ihm, Mensing, immer wieder für die Vorbildlichkeit der Gedenkarbeit. Er ist irritiert: Mai habe in dieser Sache nicht einmal um ein Wort gebeten. "Das verstehe ich nicht."

Für Klaus Mai war nach einem Besuch der Ausstellung - 17 Tafeln im Gesprächsraum der Kirche - die Sachlage klar: "Goerdeler als Widerstandskämpfer zu bezeichnen, ist eine Verkennung der Fakten." Ergo Geschichtsklitterung. War Carl Goerdeler der Widerstandskämpfer gegen das Naziregime, als der er heute geehrt wird, oder ein Antisemit und Demokratiefeind aus der konservativen bürgerlichen Mitte der Weimarer Republik? Um diese Frage dreht sich vordergründig der Streit. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Goerdeler in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Nazis verschleppten seine Frau und andere Familienangehörige als Sippenhäftlinge in mehrere Konzentrationslager, darunter auch nach Dachau.

Goerdeler war von 1920 bis 1931 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei

Claus Goerdeler ist nicht unumstritten. Bereits in den 1980er Jahren wurde seine Haltung zu den deutschen Juden unter Historikern kritisch diskutiert. 1941 hatte der Nationalkonservative in einer Denkschrift gefordert, dass das "jüdische Volk" einen eigenen "Judenstaat" in Kanada oder Südamerika bekommen solle. Juden könnten dann ausgebürgert und unter "Fremdenrecht" gestellt werden. Der Historiker Hans Mommsen zählte ihn zu den "dissimilatorischen" Antisemiten, die Deutschland vor einer angeblichen "jüdischen Überfremdung" bewahren wollten.

Goerdeler war von 1920 bis 1931 Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), die in der Ausstellung als konservative Partei erscheint, tatsächlich aber rechtsextrem, antisemitisch und völkischnational war. Nach der Selbstauflösung der Partei wechselten Reichstagsabgeordnete zur NSDAP. Andererseits wandte Goerdeler sich, worauf sich seine Verteidiger berufen, gegen die Vernichtung der Juden und kritisierte die Nationalsozialisten öffentlich. Als die Nazis im November 1936 das Leipziger Denkmal des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy aufgrund dessen jüdischer Herkunft zerstörten, trat Goerdeler vom Amt des Oberbürgermeisters zurück.

Stadtteilhistoriker Klaus Mai wirft der evangelischen Kirche "unakzeptable Geschichtsklitterung" vor.

(Foto: Gerlinde Dunzinger/oh)

Die Ausstellung, finanziert und konzipiert von Nachkommen Goerdelers, thematisiert die widersprüchlichen Aspekte tatsächlich kaum. Pfarrer Mensing räumt ein, selbst etwas Bauchschmerzen bei der Entscheidung für diese Ausstellung gehabt zu haben. Insofern sei die inhaltliche Kritik Mais durchaus berechtigt. Aber er selbst, so Mensing, habe zur Eröffnung der Ausstellung in einem längeren Statement die kritischen Punkte deutlich gemacht. Das lässt Mai aber nicht gelten. Eine zeitgeschichtliche Ausstellung muss ihren Gegenstand schon selbst in seinen kritisch-historischen Kontext setzen, aufklärende Worte zur Eröffnung können ihn nicht vollends ersetzen. Mensing teilt Mai seine "fachliche und menschliche" Enttäuschung mit. Der aber legt noch eins drauf: Die Kirche habe als Mitglied der Lagergemeinschaft Dachau gegen das oberste Satzungsziel verstoßen, das Andenken an und die Ehre der KZ-Opfer zu wahren. Mensing kontert: Blödsinn. Nicht die Kirche als solche, sondern einzelne Personen, darunter auch er und Diakon Klaus Schultz, seien Mitglieder.

In einer E-Mail vom 26. September versucht CID-Präsident Thomas, eine Versöhnung herbeizuführen. "Aber Pfarrer Mensing hatte das sicher nicht böswillig gemacht", schreibt er an Mai. Meinungsverschiedenheiten sollten im Gespräch geklärt werden. "Und dafür brauchen wir keine Presse... Alles, was zu Zwietracht zwischen den Parteien führt, die sich mit der Erinnerung an die Opfer des Lagers Dachau befassen, scheint mir in der Tat schädlich zu sein."

Diakon Schultz reicht es

Der Schlichtungsversuch kommt zu spät. Der Bruch ist vollzogen. Diakon Schultz reicht es. Klaus Mai ist nicht irgendwer. Er hat Sitz und Stimme im Vorstand und Präsidium der Lagergemeinschaft Dachau. Schultz hält das Vorgehen Mais überhaupt für "bedenklich": Der Stadtteilhistoriker hatte seine Kritik als Mitglied des Präsidiums und des Vorstandes der Lagergemeinschaft unterschrieben. Derart eine persönliche Kritik zu autorisieren, so Schultz, "halte ich für sehr schwierig".

An dieser Ausstellung über den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Goerdeler, in der Versöhnungskirche hat sich ein heftiger erinnerungspolitischer Streit entzündet.

(Foto: Toni Heigl)

Offenbar geht das auch der Lagergemeinschaft zu weit. Vizepräsident Jürgen Müller-Hohagen erklärt nachdrücklich: Die Kritik stelle ausschließlich die private Auffassung von Herrn Mai dar und sei weder mit dem Vorstand noch dem Präsidium der Lagergemeinschaft Dachau abgestimmt worden. Inhaltlich aber will sich die Lagergemeinschaft nicht dazu äußern - doch soll Informationen der SZ zufolge die Angelegenheit intern heftige Diskussionen ausgelöst haben.

Die Ausstellung sei "eine Verhöhnung"

Schultz wirft Mai einen "sehr schlechten Stil" vor: "Die Kritik zu äußern ist die eine Sache, aber mit Partnern fair umzugehen, ist die andere Sache." Vor allem ist das Team der Versöhnungskirche über die Generalattacke entsetzt. Mai schrieb: "Die demokratischen Ziele des Widerstandes spielen in der Öffentlichkeitsarbeit der Kirchen offenbar keine Rolle mehr. Es kann in der KZ-Gedenkstätte Dachau für die nachfolgenden Generationen immer nur um die Opfer und das Nie Wieder gehen!" Die Ausstellung sei "eine Verhöhnung für alle diejenigen Dachauer Häftlinge...". Und weiter: "Die Liste der in Dachau und seinen Außenlager gemordeten Häftlinge ist lang und bei den Kirchen offenbar in Vergessenheit geraten."

Carl Friedrich Goerdeler war der Kopf des zivilen Widerstands gegen Hitler.

(Foto: Toni Heigl)

Dieser Satz, urteilt Schultz, "tritt all unseren Einsatz in der Versöhnungskirche der letzten Jahr mit Füßen". Von diesen Vorwürfen distanziert sich auch das Internationale Dachaukomitee. Aus gutem Grund: Die Erinnerung an die NS-Opfer ist das Leitmotiv der Arbeit der Versöhnungskirche mit ihren unzähligen Zeitzeugengesprächen, Konzerten, Gottesdiensten, Ausstellungen, Aktionen gegen Antisemitismus und Rassismus im deutschen Fußball oder mit dem Gedächtnisprojekt "Namen statt Nummern". Oder die Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung, eines Hungerstreiks ihrer Mitglieder in den 1980er Jahren an der Gedenkstätte, der zur Anerkennung der Sinti und Roma als Opfer des Nazieregimes geführt hat.

Präsident Jean-Michel Thomas will auf Mai beschwichtigend einwirken: "Aber ich sehe nicht, wie diese Ausstellung über einen von der Gestapo gefolterten und hingerichteten Gegner als Verrat an den Zielen der Gedenkstätte, der Lagergemeinschaft, der Kirche und des CID Dir erscheinen mag" - auch wenn "wir die Orientierungen von Goerdeler sicherlich nicht teilen". "Und es schockiert mich nicht, dass neben der Erinnerung an die Opfer, die unser gemeinsames Ziel ist, die Besucherinformation auf die verschiedenen Oppositionsgruppen gegen Hitler ausgeweitet wird."

Hat Klaus Mai überzogen?

Das heißt nicht, dass die Arbeit des Teams um Pfarrer Mensing außerhalb jeder Kritik stünde. Aber hat Klaus Mai, der geradezu ein Pamphlet gegen die Versöhnungskirche verfasst hat, in seinem Furor überzogen? "Als Sohn eines politischen (sozialdemokratischen) Wehrmachts-KZ-Häftlings, der seit 1942 fünf verschiedene KZ-Lager nebst Dachau nicht als Ehrenhäftling sondern als Wehrunwürdiger durchlitten hat, bin ich da schon fast wieder froh, dass der Putsch am 20. Juli nicht geklappt hat und der Krieg, wie bekannt, durch die Befreiung der Alliierten beendet wurde." Mensing schüttelt über solche Sätze Mais nur den Kopf.

Der Stadtteilhistoriker hat sich verdient gemacht um die zeitgeschichtliche Forschung, etwa des ehemaligen KZ-Außenlagers Allach. Pfarrer Mensing kam 2005 an die Versöhnungskirche. Als Historiker hat er ein Buch über die Verstrickung der evangelischen Kirche mit den Naziverbrechen geschrieben. Zurzeit erforscht er, inwieweit die Landeskirche nach Kriegsende 1945 Nationalsozialisten beschäftigt und versteckt hat. Mai und Mensing hatten durchaus Kontakt und sich gegenseitigen Respekts versichert.

Pfarrer der Versöhnungskirche: Björn Mensing.

(Foto: Toni Heigl)

Das war einmal. Goerdelers Staatsvorstellung orientierte sich, wie Mai schreibt, an der Zeit vor der Weimarer Republik. Nach einem erfolgreichen Umsturz habe er die Konzentrationslager nicht auflösen wollen, auch eine Aufgabe der Gebietsgewinne seit 1938 strikt abgelehnt, die NSDAP nicht verbieten und die Hitlerjugend in eine "Staatsjugend" umwandeln lassen wollen. All dies erfahre der Ausstellungsbesucher nicht. "Nach diesen Vorstellungen ginge auch der 1934 von den Nazis selbst ermordete SA-Chef Ernst Röhm als Widerstandskämpfer durch."

Goerdeler abzusprechen, dass er ein Widerstandskämpfer war, ihn mit Röhm gleichzusetzen - das sei historisch ignorant, sagt Mensing. Und: Wenn wir nur an mustergültige Demokraten im Widerstand erinnerten, dann fiele eine Menge an Vertretern heraus - nicht nur aus bürgerlich-militärischen Kreisen, sondern auch Kommunisten. Mai beeindruckt das nicht. "Die Kirchenverantwortlichen müssen sich fragen lassen, ob nicht mit einer solchen Ausstellung das falsche Zeichen gesetzt wird?"

"Ich beanspruche hier das Qualitätsmerkmal 'Demokratischer Widerstand'"

Falsche Zeichen werden in der Tat gesetzt - von der Politik. Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 "zeigte.., dass Vernichtungsfeldzug und Terrorregime nicht widerstandslos hingenommen wurden", erklärte Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) zum 75. Jahrestag. Und laut Kanzlerin Angela Merkel sind die Männer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg ihrem Gewissen gefolgt, das sie aber lange Jahre nicht davon abgehalten hatte, unter den Nazis militärische Karriere zu machen. Die meisten der Mitverschwörer um Stauffenberg trieb nicht etwa Empörung über den Holocaust, sondern die Einsicht in die nahende militärische Niederlage Deutschlands.

So viel freundliche Geschichtsauslegung stört auch das deutsche Familiengedächtnis nicht: Heute glaubt jeder fünfte Jugendliche, die Ur- oder Großeltern seien im Widerstand gewesen und hätten Juden versteckt - vor den bösen Nazis, wer immer die auch waren. So geht Schlussstrich auch. Dumm nur, dass die Neue Rechte Stauffenberg vereinnahmt, weil seine Vorstellungen von Deutschland gut passen.

Mai endet so: "Ich beanspruche hier das Qualitätsmerkmal 'Demokratischer Widerstand' für die KZ-Gedenkstätte Dachau, aus dessen Erfahrungen und Ideen das Grundgesetz dieser Bundesrepublik entstanden ist."

Die 17 Tafeln sind abgehängt. Die Ausstellung lief bis 29. September. Der Streit wirkt aber nach und hat einen Scherbenhaufen hinterlassen. CID-Präsident Thomas spricht von einem "traurigen Fall".