Dachau:Erziehung in freier Natur

Dachau: Mitten in der Natur: Bei schlechtem Wetter finden die Waldkinder der Arbeiterwohlfahrt im neuen Bauwagen Unterschlupf.

Mitten in der Natur: Bei schlechtem Wetter finden die Waldkinder der Arbeiterwohlfahrt im neuen Bauwagen Unterschlupf.

(Foto: Toni Heigl)

Zwischen Stadtweiher und Landschaftsschutzgebiet an der Schinderkreppe eröffnet die Stadt einen Waldkindergarten.

Von Petra Schafflik, Dachau

Ein Kleiber klettert vorwitzig den Baumstamm hoch, bevor er in einen Nistkasten hüpft. Wie der kleine Vogel dort seinen Nachwuchs aufzieht, das werden die Kinder sicher gerne beobachten im neuen Waldkindergarten, der in diesen Tagen direkt unter dem Nest eröffnet. Nach und nach werden in den ersten Maitagen acht Mädchen und Buben sich einleben in der neuen Einrichtung, deren Trägerschaft der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt übernommen hat. Die Kleinen erwartet ein naturnahes Betreuungskonzept, das auf ein festes Kita-Gebäude genauso verzichtet wie auf Spielzeug. Dennoch werden die Kinder gut versorgt und optimal gefördert, sagt Leiterin Doris Hussendörfer, die als Erzieherin und Sozialpädagogin bereits langjährige Erfahrung in einem Friedberger Waldkindergarten gesammelt hat. "Die Natur ist der beste Erzieher."

Waldkindergärten gibt es im Landkreis bislang nur in den ländlichen Gemeinden, nun zieht die Kreisstadt nach. Auf einem Waldstück zwischen Stadtweiher und Landschaftsschutzgebiet an der Schinderkreppe steht nun ein großer Bauwagen als trockener Unterschlupf. Von dort aus werden die Kinder den Wald mit all seinen Pflanzen und Tieren erkunden. Vorfabrizierte Spielsachen wie Bausteine, Fahrzeuge oder eine Puppenecke werden die Kleinen im Waldkindergarten vergeblich suchen. Aber auch nicht vermissen, weiß Doris Hussendörfer. Denn der Wald mit seinen Stecken und Ästen, Steinen, Zapfen, Moos, Blättern und Reisighaufen biete genug Material. Dazu gibt es Werkzeuge wie Schaufel, Besen oder Seile. Auch werden die Kinder im Alter zwischen zweieinhalb und fünf Jahren viel Zeit damit verbringen, Tiere und Pflanzen genau zu beobachten.

Der Blick für die kleinen Dinge

"Der tägliche Aufenthalt im Wald schärft die Konzentration auf das Kleine, wie zum Beispiel auch die Geräusche der Tiere." Inklusion und Integration, Sprachförderung und Vorschulerziehung - alles ist im Waldkindergarten möglich, manches sogar einfacher als in einer klassischen Kita in einem festen Gebäude. Davon ist Hussendörfer überzeugt. Denn gerade weil im Wald die klassischen Spielzeuge fehlen, müssten die Kinder viel miteinander sprechen, Regeln und Rollen aushandeln. Sprachgefühl wie soziale Kompetenzen werden so wie nebenbei geschult. Ein übergreifendes Miteinander wird sich für die "Waldkinder" auch mit den Mädchen und Buben des Integrationskindergartens Am Himmelreich ergeben. Die verbringen traditionell einmal die Woche einen "Waldtag" auf demselben Areal, wo nun auch der Waldkindergarten seine Pforten eröffnet. Der alte, bunt bemalte Bauwagen der Himmelreich-Kita steht in unmittelbarer Nachbarschaft zum nagelneuen Unterschlupf des Waldkindergartens, für den ein passender Name noch gefunden werden soll.

Die Stadt als Initiatorin hat den Waldkindergarten naturnah konzipiert, aber auch optimal ausgestattet. Das zeigt ein Blick auf die zurückhaltende, aber durchdachte technische Infrastruktur. Der Bauwagen als zentrale Anlaufstelle und Unterschlupf der Kinder für die Brotzeit bei schlechtem Wetter ist eine professionelle Spezialanfertigung für Waldkindergärten. Die robust wirkende Unterkunft bietet neben Brotzeitbankerl und Tisch auch Heizung und Stromanschluss. "So können wir im Winter auch mal einen Tee kochen", freut sich Hussendörfer.

Wasser aus dem Kanister

Beim Händewaschen geht es wieder ursprünglich zu. Das Wasser wird täglich im Kanister mitgebracht, statt Seife werden die Kleinen ökologisch unbedenkliche Lavaerde verwenden. Für dringende Bedürfnisse steht abseits ein Holzhäusl bereit, in dem sich ein Plumpsklo verbirgt. Auch für Notfälle ist gesorgt: Sollte ein Sturm aufziehen, der einen Aufenthalt im Forst unsicher werden lässt, können die Kleinen kurzfristig in den nahe gelegenen ASV-Sportverein ausweichen. Wenn nach einem Orkan der Wald länger nicht zu betreten wäre, weicht die Freiluft-Einrichtung in eine der Kitas der Arbeiterwohlfahrt in der Stadt aus.

Jetzt, wo alles vorbereitet ist, können die Kinder kommen und sich einleben. Bis zu den Sommerferien betreut Doris Hussendörfer mit ihrer Kollegin Henrike Gross nur wenige Kinder. Von Herbst an, wenn das neue Kindergartenjahr losgeht, soll die Einrichtung mit 25 Mädchen und Buben voll belegt werden. Weil das Spielen im Freien bei jedem Wetter anstrengend ist, wird die Kita keine Ganztagsbetreuung anbieten, sondern, wie in Waldkindergärten üblich, um 14 Uhr schließen. Noch sind von September an einige Plätze frei.

Informationen finden interessierte Eltern im Internet unter www.awo-dachau.de, Anmeldungen sind in der Awo-Geschäftsstelle (Telefon 08131 / 61 20 60-12) möglich.

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